Afghanistan-Experte: "Es werden noch weitere Städte fallen"

09. Aug 2021 · Lesedauer 3 min

Die Taliban ist in der Offensive. Die UNO zeigt sich deshalb "besorgt". Afghanistan-Experte Sarajuddin Rasuly rechnet mit weiteren Eroberungen durch die Islamisten.

Die UNO hat sich angesichts der prekären Sicherheitslage in Afghanistan "extrem besorgt" gezeigt und wegen der steigenden Opferzahlen zum Schutz der Zivilbevölkerung aufgerufen. Auch die Zahl der Binnenflüchtlinge stieg seit Mai massiv an. Mutmaßliche Taliban-Kämpfer töteten indes am Montag erneut einen Medienvertreter. Der Leiter eines Radiosenders in Kabul, Tufan Omar, sei am Sonntag in der afghanischen Hauptstadt gezielt umgebracht worden, berichteten Behördenvertreter.

"Ich bin wegen der sich verschlechternden Situation extrem besorgt", sagte UNO-Nothilfekoordinator Martin Griffiths in einer Stellungnahme des UNO-Nothilfebüros in Genf. Allein im Juli seien mehr als tausend Menschen durch Angriffe in den Konfliktprovinzen Helmand, Kandahar und Herat getötet oder verletzt worden. Griffiths unterstützte die UNO-Forderung nach einem Waffenstillstand. Er forderte zudem Sicherheit und Bewegungsfreiheit für Hilfsorganisationen in dem Land.

Politikwissenschaftler und Afghanistan-Experte Sarajuddin Rasuly berichtet im PULS 24 Interview, von der Lage vor Ort. Er berichtet von hunderttausenden Binnenflüchtlingen und einer Hungerkatastrophe. Er rechnet damit, dass die Taliban noch weitere Regionen in Nordafghanistan einnehmen werden, ganz Afghanistan werde aber nicht fallen, sagt er.

250.000 Binnenflüchtlinge

Auch die Zahl der Binnenvertriebenen steigt seit Anfang Mai deutlich an. Bis Ende Juli verließen annähernd eine Viertelmillion Menschen in dem Land ihre Dörfer und Städte. Die UNO-Agentur zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA) bezifferte die Zahl am Montag auf mehr als 244.000 - mehr als vier Mal so viel wie im gleichen Zeitraum des Vorjahrs. Der Großteil der Binnenflüchtlinge floh demnach aus Provinzen im Nordosten und Osten vor bewaffneten Kämpfen.

Insgesamt leben in Afghanistan etwa 37 Millionen Menschen. Nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) verlassen jede Woche etwa 30.000 Afghanen ihr Land. Die Schätzungen basieren auf Umfragen bei Migranten und Schleppern. Die meisten Flüchtlinge würden nach Usbekistan, Tadschikistan, in den Iran oder nach Pakistan flüchten, sagt Rasuly. Die meisten Grenzen am Weg nach Europa seien dicht.

Regierungssprecher ermordet

Seit dem Beginn des Abzugs der internationalen Truppen aus Afghanistan sind auch die Zahlen der Todesopfer und Verletzten in der Zivilbevölkerung deutlich gestiegen. Die UNO warnt, dass 2021 zum Jahr mit der höchsten Zahl an zivilen Opfern werden könnte.

Nachdem die Taliban am Freitag laut eigenen Angaben den Sprecher der Regierung in Kabul ermordet hatten, töteten sie mit dem Radiojournalisten Tufan Omar am Sonntag offenbar erneut einen wichtigen Medienvertreter. In der südlichen Provinz Helmand sei zudem ein Lokaljournalist von den Taliban entführt worden. Ein Taliban-Sprecher sagte am Montag, ihm lägen zu beiden Fällen keine Informationen vor.

Medienvertreter sehen sich in Afghanistan immer wieder Angriffen ausgesetzt. Nach Angaben der Bürgerrechtsgruppe NAI, deren Mitglied der getötete Radiomanager war, wurden allein in diesem Jahr 30 Journalisten und Medienmitarbeiter von militanten Gruppen getötet, verletzt oder verschleppt. Mehrere afghanische Nachrichtenanbieter haben die USA aufgefordert, afghanischen Medienschaffenden Zuflucht zu gebieten.

Seit dem Beginn des Abzugs der NATO-Truppen bringen die Taliban immer mehr Gebiete unter ihre Kontrolle und gehen mit Gewalt gegen ihre Kritiker und Gegner vor. Inzwischen haben sie mehr als 160 der rund 400 Bezirke erobert, mehrere Grenzübergänge und Teile wichtiger Überlandstraßen. Seit Freitag brachten sie fünf Provinzhauptstädte unter ihre Kontrolle, darunter die Großstadt Kunduz im Norden. Schwere Kämpfe gibt es auch in der wichtigen Stadt Herat.

Quelle: Agenturen