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Wolf Haas zu "Müll": "Der Brenner passt gut zu den Mistlern"

02. März 2022 · Lesedauer 7 min

Seit 1996 sind die "Brenner-Krimis" fast ein eigenes literarisches Genre. Mit "Auferstehung der Toten" führte Wolf Haas nicht nur den Privatdetektiv Simon Brenner, sondern einen ganz eigenen sprachlichen Stil ein, der salopp Zwiesprache mit den Lesern hält. Nach langer Pause kommt heute mit "Müll" endlich wieder ein Krimi mit dem Brenner in die Buchhandlungen. Warum er sein Buch nicht "Mist" nannte und wie der Organhandel zur Mülltrennung passt, verriet Haas im APA-Interview.

APA: Herr Haas, Simon Brenner lässt Sie offenbar nicht los. Schon mehrfach hatte man das Gefühl, Sie hätten mit ihm abgeschlossen, und dann kam doch wieder ein neuer Brenner-Roman. Wie war Ihre Wiederbegegnung diesmal?

Haas: Ich bin selber immer überrascht, wenn ich wieder mit einem Brenner anfange. Dieses Mal besonders. Ich wollte einen ganz anderen Text über Leute schreiben, die Sachen zum Müllplatz bringen. Das war eher eine sentimentale Idee über ausgediente Dinge. Aber auf "meinem Mistplatz" ist mir dann aufgefallen, dass die Arbeiter und die ganze gelassene Atmosphäre sehr an den Brenner erinnern.

APA: Wo liegt denn "Ihr" Mistplatz? Ich hatte bei der Lektüre immer meinen Mistplatz in Hernals vor Augen, wo im Herbst immer ein "Mistfest" die Massen anlockt. Wie halten Sie's denn selber mit der Mülltrennung und den Fragen des nachhaltigen, ressourcenschonenden Lebens?

Haas: Meiner ist in der Dresdnerstraße. Komischerweise wurde er zugesperrt, kaum dass ich mit dem Buch begonnen habe. Es hätte mich gereizt, diese dubiose Schließung in den Plot einzubauen, aber es ist dann doch in eine andere Richtung gegangen. Meine Lebensweise ist eigentlich wegen natürlicher Trägheit relativ ressourcenschonend. Neue Sachen kauf ich mir meistens erst, wenn die alten sich auflösen. Ein paar Flüge muss ich natürlich schon in der Hölle abbüßen.

APA: Das klingt ja eigentlich schon nach einem spannenden neuen Plot... Aber im Ernst und zurück zu "Müll": Warum heißt der Roman bitte schön nicht "Mist"?

Haas: Ja diese Vokabelproblematik "Müll" versus "Mist" hat mich beim Schreiben ganz schön beschäftigt. In Deutschland ist ja "Mist" nur der Kuhmist, der Titel wäre dann für einen Bauernhofroman gestanden. Mein Hamburger Agent hat mich einmal aufmerksam gemacht: Weißt du eigentlich, wie absurd "Misttelefon" für uns klingt? Seither hat "Misttelefon" für mich was Dalí-haftes, wie der Lobster auf dem Telefon.

APA: Wie schwierig war es, sich in den Charakter der Hauptfigur und die Sprache der Brenner-Krimis wieder hineinzufinden?

Haas: Es war eigentlich gar nicht schwierig. Er hat so gut zu den Mistlern gepasst, dass es sich von selbst ergeben hat.

APA: Haben die Wienerinnen und Wiener am Ende nicht nur zum Tod, sondern auch zu ihrem Mist eine besondere Beziehung? Und was könnte uns das über die Abgründe der Wiener Seele verraten?

Haas: Na ja, als Kind eines Salzburger Skidorfes kann ich in Wien-Interpretation nur dilettieren. Der genussvolle Umgang mit dem Müll ist aber schon auffällig. Ich freu mich auch manchmal über die lustigen Sprüche auf den Mistkübeln. Vielleicht kann man in der Stadt Freuds sagen, die Wiederkehr des Verdrängten lässt sich hier beobachten. Erst unlängst hab ich in einem Interview mit Ex-Bürgermeister Häupl gehört, als er noch Umweltstadtrat war sei die Hundertwasserverzierung der Müllverbrennungsanlage Spittelau das einzige gewesen, wo sein Vorgänger Zilk ihm hineinregiert hat. So wichtig nimmt man hier den Müll.

APA: In "Müll" geht es aber nicht nur um den mehr oder minder lustvollen Umgang mit Mist, sondern auch um herausgeschnittene Organe, um Organhandel, Widerspruchsregelung und Zustimmungsregelung. Wie haben sich da Ihre Recherchen gestaltet?

Haas: Daran haben mich zwei Aspekte gereizt. Einerseits, weil diese Ersatzteil-Mentalität beim menschlichen Körper irgendwie gut zur Mülltrennung passt. Und andererseits die Tatsache, dass das Gesetz in Österreich und in Deutschland die Organentnahme verschieden regelt. In Deutschland muss man ausdrücklich zustimmen, in Österreich ist jeder ein Organspender, der nicht ausdrücklich widersprochen hat. Das ist natürlich für einen Krimi eine super Ausgangssituation. Und bei allem Ernst hat es auch was Komisches, weil man sich fragt, was ist, wenn ein Österreicher in Deutschland stirbt? Welches Gesetz gilt dann?

APA: Ich dachte, da gibt es über Eurotransplant einen engen Austausch der wichtigsten europäischen Länder? Gibt es wirklich so etwas wie einen Schwarzmarkt dafür in Europa?

Haas: Ja natürlich ist alles europäisch geregelt. Aber so dokumentarisch sind die Brenner-Romane ja nicht. Es geht eher um die denkbaren Lücken zwischen den Regelungen.

APA: Wir führen unser Interview per Mail, weil die Pandemie noch nicht vorbei ist und wir weiterhin Abstand wahren sollen. Wie kamen Sie persönlich durch die vergangenen zwei Jahre?

Haas: Mein Haupt-Trick, mich von der Pandemie abzulenken, war das Schreiben eines neuen Brenner. Wahrscheinlich hätte ich ohne Lockdown gar nicht angefangen.

APA: Wäre da, wenn schon was Medizinisches, nicht eher das Thema Impfen statt das Thema Transplantationen nahe gelegen? Ist es nicht ganz erstaunlich, wie sehr dieses Thema die Emotionen hochgehen lässt? Dass sich plötzlich jeder als Spezialist dafür fühlt und nun für seinen Körper Entscheidungen selbst treffen möchte, die man früher ganz bedenkenlos an seinen Arzt oder seine Ärztin abgegeben hätte?

Haas: Nahe gelegen schon, aber zu nahe. Ich wollte mich ja von dem Schlamassel ablenken. Komischerweise ist mir dann aber bei diesem Organspendethema aufgefallen, dass es eine auffällige Gemeinsamkeit gibt: die Frage nach dem Recht des Einzelnen auf seinen eigenen Körper und auf das Recht der Gemeinschaft. Das ist ja wirklich eine interessante philosophische Frage. Was die Impfkritiker betrifft, muss man schon manchmal staunen. Dieselben Leute, die sich bedenkenlos alle möglichen Impfungen für eine Fernreise reinhauen lassen, sind auf einmal wahnsinnig sensibel und recherchieren sich um Kopf und Kragen.

APA: Viele hoffen ja, dass die Pandemie jetzt bald "überwunden" sein wird. Glauben Sie daran? Oder wird sich etwas nachhaltig verändert haben in unserem (Zusammen-)Leben? Und wird das wohl auch literarisch interessant sein?

Haas: Ich hab aus Zweckpessimismus immer gesagt: Sobald es mit der Pandemie besser wird, wird uns die nächste Riesenkrise beschäftigen. So etwas sagt man ja immer in der Hoffnung, dass man sich täuscht, aber leider ist es jetzt doch so. So löst eine Sorge die andere ab. Wir können uns nur überraschen lassen, was am Ende herauskommt. Literarisch wird die Pandemie bestimmt noch einiges nach sich ziehen, und gesellschaftlich vermutlich auch.

APA: Nach der Krise ist leider nicht vor, sondern schon in der nächsten Krise. Ist absehbar, welche langfristigen Auswirkungen die Ereignisse dieser Tage haben werden, der Überfall Russlands auf die Ukraine?

Haas: Ein paar Dinge sind sicher schon absehbar wie ein neues Zeitalter der Hochrüstung. In meiner Jugend hat es ja noch den Kalten Krieg gegeben. Jetzt weiß man erst, wie schön es war, dass der einmal vorbei war.

(Das Interview führte Wolfgang Huber-Lang/APA per Mail)

ZUR PERSON: Wolf Haas, geboren 1960 in Maria Alm am Steinernen Meer, war Universitätslektor und Werbetexter ("Ö1 gehört gehört", "Lichtfahrer sind sichtbarer" u.a.), bevor er 1996 mit "Auferstehung der Toten" als Krimiautor durchstartete. An "Brenner-Krimis" folgten "Der Knochenmann" (1997), "Komm, süßer Tod" (1998), "Silentium!" (1999), "Wie die Tiere" (2001), "Das ewige Leben" (2003), "Der Brenner und der liebe Gott" (2009) und "Brennerova" (2014). Verfilmungen durch Wolfgang Murnberger mit Josef Hader wurden zu heimischen Kino-Hits. Mit Büchern wie "Das Wetter vor 15 Jahren" (2006) oder "Verteidigung der Missionarsstellung" (2012) bewies er auch außerhalb des Krimi-Genres Originalität.

(S E R V I C E - Wolf Haas: "Müll", Hoffmann & Campe, 288 Seiten, 24,70 Euro, ISBN 978-3-455-01430-3)

Quelle: Agenturen