"Wölfe, Lämmer, Polaroids" im Linzer Theater Phönix
Josef Maria Krasanovsky, ab 2027 künstlerischer Leiter des Theater Kosmos in Bregenz, zeichnete für Text und Regie verantwortlich. Er hat das Stück aber nicht allein im stillen Kämmerlein, sondern gemeinsam mit dem Theater Phönix entwickelt. In Telefonaten zwischen ihm in Italien und dem Dramaturgen Matthias Kreitner in Linz wurde an einer Collage aus Szenen gebastelt. Wie Kraus' episodenhafte Tragödie, die rund um den Ersten Weltkrieg entstand, ist auch dieses Stück eine Reaktion auf eine Zeit epochaler Veränderungen.
"Also vielleicht müssen Sie jetzt schon auch ein bisschen stark sein", begrüßt Michael (Martin Brunnemann) die Zuschauer und eröffnet ihnen: "Sie und ich, wir sind alle gemeinsam tot", verblichen mit dem Eintritt ins Theater. Damit hat sich das Publikum nun abzufinden, aber alles hat bekanntlich seine Vor- und Nachteile und auf der Positivseite ist zu verbuchen: "Jetzt, wo wir alle tot sind, da können wir auch ganz anders miteinander reden." Kein Blatt mehr vor dem Mund, weil's eh schon wuscht ist. Dass man "manchmal gerne zu einer Beretta Kaliber 50 greifen würde", kommt in dieser Runde gleich viel leichter über die Lippen. Solange man unter den Lebenden weilte, hatte man Hemmungen.
"Ich habe das Gefühl, dass alles, was wir als Gesellschaft definiert haben, gerade neu verhandelt wird", sagte Krasanovsky im Vorfeld der Uraufführung. Im Stück zeigt sich das etwa, wenn Wolf und Lamm ein neues Narrativ erschaffen wollen - von "Wolf frisst Lamm" zu "Lamm frisst Wolf". Blöderweise fallen sie dann gemeinsam dem Jäger mit SUV und Schießgewehr zum Opfer. Wie Kraus reiht auch Krasanovsky Episoden aneinander, die nichts miteinander zu tun haben oder lose verbunden sind.
Fotomoment "immer ganz anders als das dann später erzählt wird"
Die Schauspieler, die alle in zahlreiche Rollen schlüpfen, betreten zu Beginn einen völlig nackten Raum, allmählich erwacht auch das Theater in der Ausstattung von Tom Schellmann zum Leben - es scheint im Gegensatz zu den Menschen darin nämlich nicht tot zu sein - und die Bühne wird zum Wald, zur Tanzfläche, zum heimischen Wohnzimmer, in dem die Jägerfamilie Geburtstag von Tochter "Schweinchen" feiert, die das Abknallen von Tieren milieubedingt gut findet.
Manche Szenen sind kraftvoll, wie etwa jene vom Hauptmann (wieder Brunnemann), der sich mit seinen Kriegsverbrechen brüstet - "sonst glaubt ja keiner an dich" - oder der Drohne (Karin Pele), die ihre Macht über die da unten ausspielt. Das titelgebende Polaroid beklagt, dass "der Moment, der auf mir drauf ist, immer ganz anders war, als das dann später erzählt wird". Das Chaos auf der Bühne entspricht jenem der Gegenwart, in der man mit Blick auf die Welt nicht mehr weiß, was man denken soll.
Aristoteles und seine Schimpansen
Viele Episoden sind tiefgründig-böse, andere lustig, alle skurril. Dazwischen gibt es in dem rund 90-minütigen Stück aber auch Längen - warum ist eigentlich Aristoteles nebst einer radelnden Schimpansenfamilie dabei? Egal, er ist auch tot, was einen gemeinsamen Nenner mit dem Publikum darstellt, und in der realen Welt versteht man auch nicht immer alles. Entlassen wird das Publikum mit dem Satz "Herzliches Beileid" - so schlimm war es nun wirklich nicht.
(Von Verena Leiss/APA)
(S E R V I C E - "Wölfe, Lämmer, Polaroids" von Josef Maria Krasanovsky, Regie: Krasanovsky, Dramaturgie: Matthias Kreitner, Ausstattung: Tom Schellmann, Licht: Anselm Fischer, Musik: Mira Gregoric. Mit u.a.: Martin Brunnemann (Michael/Beretta Mama/Jägersgroßvater/Hauptmann), Johanna Egger (Ada/Wolf/Jägerstochter/Schwester Maria/Sängerin/Polaroid), Hanna Kogler (Luka/Aristoteles/Jägersfrau) Karin Pele (Romy/Feuerwehrmann/Drohne/Schauspielerin), Lukas Weiss (Jonas/Lamm/Jäger/Katze). Theater Phönix Linz, Wiener Straße 25, weitere Aufführungen am 21., 22., 25., 26., 27. Februar, 5., 6., 7., 11., 13., 14., 18., 20., 21. März jeweils 19.30 Uhr, Infos unter tickets@theater-phoenix.at)
Zusammenfassung
- Die schwarzhumorige Revue "Wölfe, Lämmer, Polaroids" von Josef Maria Krasanovsky feierte am Donnerstag im Linzer Theater Phönix ihre Uraufführung und dauert rund 90 Minuten.
- Das Stück, inspiriert von Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit", besteht aus einer Collage skurriler Episoden und wurde gemeinsam mit Dramaturg Matthias Kreitner entwickelt.
- Weitere Aufführungen finden am 21., 22., 25., 26., 27. Februar sowie an mehreren Terminen im März jeweils um 19:30 Uhr statt.
