APA/APA/Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Wiener Staatsballett lässt seine Jungen von der Leine

17. Dez. 2022 · Lesedauer 3 min

Wenn die Sessel in der Wiener Volksoper nicht wegen der vorbeifahrenden Trams vibrieren, sondern wegen wummernder Bässe, ist die Chance groß, dass eine neue Edition des jungen Ballettabends "Plattform Choreographie" zu sehen ist. Am Freitagabend feierte die zweite Ausgabe des Nachwuchsformats des Wiener Staatsballetts Premiere. Wieder erhielten sechs Ensemblemitglieder die Chance, zum teils erstmals in ihrer Karriere choreografisch zu arbeiten.

Das einigende Momentum für nahezu alle der sechs Preziosen war dabei ungeachtet aller Divergenzen: Die Nachwuchschoreografen scheißen sich nichts. Ein Augenzwinkern, die Hereinnahme ursprünglich tanzfremder Bewegungsquellen und die fluiden Genderwechsel prägten die meisten Arbeiten. Weniger fließend war indes der Grad der Erfahrung der Beteiligten, hatten die ersten drei Proponenten des Abends - László Benedek, Trevor Hayden und Martin Winter - doch bereits zuvor choreografische Arbeiten vorgelegt, während Adi Hanan, Tessa Magda und Gabriele Aime sich erstmals auf das glatte Parkett der Gestaltung begaben.

Entsprechend variantenreich waren die unterschiedlichen Arbeiten des Abends, die zwischen Tanztheater und abstraktem Bewegungsfokus changierten. Der Ungar László Benedek transponiert in "Red Riding Hood" etwa das Rotkäppchen-Märchen in eine erotisch aufgeladene Parabel, in der die Archaik der Wolffraktion der Eleganz der Rotkappigen gegenübersteht. Das Wolfsein ist dabei nicht geschlechtlich konnotiert, stattdessen gehen Ängste und Erotisierung Hand in Hand. Augenzwinkernde Ehrensache, dass der Schöpfer zum Schlussapplaus im Schlafhemd der Großmutter auf die Bühne kam.

Dem Amerikaner Trevor Hayden gelingt das Kunststück, bei seiner Hommage an Bonnie und Clyde unter dem Titel "Wanted" ein sinnliches Pas de deux zu Hillbillymusik zu erschaffen und dabei auch noch als männlicher Protagonist einzuspringen. Martin Winter aus der Slowakei lässt hingegen für "Sen 0815" zu Bachs "Toccata" traumgenerierte, David-Lynch-artige Figuren und Szenen mit geringen Mitteln entstehen.

Die US-Amerikanerin Tessa Magda hingegen dekliniert in "Fall no Further" das Verhältnis einer Frau zum Männlichen durch - mit sattsam bekannten Variationen der Anziehung und Abstoßung, in der die Protagonistin Sarah Branch sich aber von der Opferrolle zur promisken Aktiven wandelt. Ein anderes Kaliber der Intimität stellt da "Shadows" der Israelin Adi Hanan dar, bei dem sich zwei Tänzer und eine Tänzerin im fluiden Wechsel zu lebenden Skulpturen gruppieren, im andalusischen Flair sportliche wie akrobatische Bewegungsmuster inkorporierend. Ein unglaublich reife Arbeit für ein Debüt.

Und schließlich bildete "Like a dog with two tails" des Italieners Gabriele Aime den fulminanten Abschluss eines energiestrotzenden Abends, indem der Wechsel von der grauen Einheitsgesellschaft zum lebensprallen Tanz zwischen Django Reinhardt und Balkan Brass nachgezeichnet wird. Die Bilanz: Die wenigsten dieser Nachwuchschoreografen müssen sich Sorgen um die berufliche Zukunft machen, wenn die eigene Tanzkarriere einmal ihrem Ende zugeht.

(S E R V I C E - "Plattform Choreographie 22/23" in der Volksoper, Währinger Gürtel 78, 1090 Wien. Weitere Aufführung am 18. Dezember. www.volksoper.at)

Quelle: Agenturen