APA - Austria Presse Agentur

Volkstheater-Dunkelkammer: Zurück zur Zukunft mit "Encore"

22. Okt 2021 · Lesedauer 3 min

Die Dunkelkammer als Zeitkapsel und Startrampe: Die Uraufführung von Calle Fuhrs Episodendrama "Encore - über das Ende und Danach" in der Nebenspielstätte unter dem Dach des Wiener Volkstheaters hat am Donnerstag nicht nur zurück ins Jahr 1969 und voraus bis 2046, sondern auch auf den Mond, ja zu einer neuen Menschheitskolonie im All geführt. Der Abend beantwortete jedoch nicht, was "spekulatives Ensembletheater über die angeknackste Gegenwart" sein soll.

Calle Fuhr ist im neuen Direktionsteam von Kay Voges eigentlich "künstlerischer Produktionsleiter für das Volkstheater Wien in den Bezirken". Er ist aber auch Autor und Regisseur - und hat in dieser Personalunion sein neues Stück auch gleich selbst uraufgeführt. Er hatte dafür ein fünfköpfiges Team zur Verfügung. In einer Kooperation mit der Schauspielschule Graz arbeiteten die Studierenden Clara-Luise Bauer, Rebekka Biener und Martin Peñaloza Cecconi mit den beiden Volkstheater-Ensemblemitgliedern Gitte Reppin und Stefan Suske zusammen. Keine schlechte Idee, denn die sechs Episoden, aus denen Fuhr sein Stück gebaut hat, verlangen rasche Etablierung von Situationen und Konstellationen, die Mini-Bühne in dem kleinen Raum erlaubt kein Versteckspiel.

So klar die einzelnen Szenen gebaut sind, so schwer tut man sich dabei, schlüssige Zusammenhänge zu erkennen. Einerseits spielt Fuhr mit Materialien der Wirklichkeit, andererseits versucht er auch, wie Roland Schimmelpfennig mit magischen Realitätsverschiebungen zu arbeiten. Es beginnt mit einer Rede des Astronauten William Anders vor Absolventen der Uni Wien (in Wirklichkeit vor der Uni San Diego), in der er über sein berühmtes erstes Foto des blauen Planeten spricht, und geht über zum OPEC-Überfall 1975. Man sieht den Terroristen Carlos (Cecconi) im Gespräch mit einer weiblichen Geisel (Reppin), die offenbar keine Sekretärin, vielleicht aber Agentin, Polizistin oder ebenfalls Terroristin ist. Als Nächstes finden wir uns in der Redaktion einer engagierten Zeitschrift, bei der die auf Übernahme durch den "Standard" hoffende Chefredakteurin Umweltthemen als gestrig und unsexy erklärt. Wir schreiben das Jahr 1999.

Mit einer eigenartigen Episode in einer Agentur, bei der ein vermeintlicher Architekt (Suske) dem Vizebürgermeister (Cecconi) eine Baumpflanzung anstelle eines Neubaus des OPEC-Gebäudes vorschlägt und dabei mit den uns heute nur allzu bekannten Korruptionsmethoden Bekanntschaft macht, landen wir in der Gegenwart, mit einem Dialog einer Autorin und einer Raumfahrtpilotin in einem stecken gebliebenen Lift zehn Jahre in der Zukunft. Die größte Angst haben die Frauen jedoch weniger vor dem Stromausfall, sondern vor den mittlerweile aufgrund des Klimawandels auch in Europa heimischen Tigermücken. Die Pilotin soll an einer All-Besiedlungs-Mission teilnehmen, die jedoch bewusst ins Verderben gestürzt wird, wie man später erfährt. 2046 ist der Entrepreneur Torrer (Suske) nämlich des Ökozids angeklagt und versucht sich trotz eindeutiger Beweislage herauszuwinden: "Für mich gibt es kein Ende. Es gibt immer ein Danach."

Das gilt auch für "Encore": Das sah nach 90 Minuten einen freundlichen Schlussapplaus, doch kein Verlangen nach Zugaben vor. Fuhr hatte seinen Episoden zwar manche Auflösung und Verknüpfung gegönnt, was Carlos nun wirklich mit den Mond-Missionen der NASA zu tun hat, blieb jedoch ein wenig im Erdschatten. Im Dunkel. In der Dunkelkammer.

(S E R V I C E - "Encore - Über das Ende und das Danach" von Calle Fuhr, Regie und Bühne: Calle Fuhr, Kostüm: Friederike Wörner, Mit Clara-Luise Bauer, Rebekka Biener, Martin Peñaloza Cecconi, Gitte Reppin und Stefan Suske. Volkstheater Wien, Dunkelkammer, Nächste Vorstellung: 9.11., 20 Uhr, www.volkstheater.at)

Quelle: Agenturen