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Viel Beifall für Ai Weiweis "Turandot"-Inszenierung in Rom

23. März 2022 · Lesedauer 4 min

Zwischen Tradition und Innovation: Die "Turandot"-Inszenierung des chinesischen Künstlers und Dissidenten Ai Weiwei überzeugte das Publikum bei der Premiere am Dienstag in Rom. Bei seinem Debüt als Opernregisseur fesselte der Konzeptkünstler die Zuschauer im Teatro dell ́opera mit einer klassischen Bühne, überragt von Videobildern mit Flüchtlingen und gewalttätigen Anti-Regime-Demonstrationen, die das in der ganzen Oper präsente Gefühl der staatlichen Bedrohung verstärken.

Videos mit Protesten in Hongkong, Kriegsszenen, Bilder von Flüchtlingslagern und Migranten, die auf Booten Flüsse durchqueren, ärztliche Teams im Einsatz gegen die Corona-Pandemie: Ai Weiwei greift auf die jüngsten Weltgeschehnisse zurück, um das bedrückende Klima staatlicher Gewalt zu untermalen, die bei der Puccini-Oper im Vordergrund steht. Der 64-jährige Starkünstler schafft damit Szenen von so starker Wirkung, dass sie an einigen Stellen die Aufmerksamkeit von der Musik und dem Geschehen auf der Bühne etwas ablenken.

"Wir sind verloren", singt der Chor im dritten Akt, während Bilder von Schlagstöcken, Würgegriffen und Tränengas die Bildschirme füllen. Ai Weiwei entschied sich für die Version ohne das von Puccinis Zeitgenossen Franco Alfano nach dem Tod des Komponisten hinzugefügte Ende, was die Zweideutigkeit der Oper noch erhöht. Das Puccini-Meisterwerk endet mit dem Tod der Sklavin Liù, die sich aus Liebe für Prinzen Calaf opfert.

Mit langem Applaus würdigte das römische Publikum die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv, die beim Verbeugen auf der Bühne mit einem Band in den Farben der Flagge ihrer Heimat an der Hüfte auftrat. Aus der Ukraine stammen auch die Sopranistin Oksana Dyka in der Rolle der Turandot und Bariton Andreji Ganchuk, der einen Mandarin spielt.

"Von den ersten Takten an spürt man diesen apokalyptischen Charakter, der in der Luft liegt", sagte Lyniv über die Oper, die nach Puccinis Tod im Jahr 1924 unvollendet blieb. Nachdem sie im vergangenen Jahr als erste Dirigentin im Bayreuther Festspielhaus gleichermaßen Kritik und Zuschauer begeistert hatte, schrieb die frühere Chefdirigentin der Oper Graz im Jänner erneut Geschichte, als sie zur Musikdirektorin des Opernhauses von Bologna ernannt wurde - als erste Frau in Italien.

Die aus der ukrainischen Stadt Brody, etwa 100 Kilometer östlich von Lemberg, stammende Lyniv hatte "Turandot" zum ersten Mal vor acht Jahren in Odessa dirigiert. Viele Mitglieder des Orchesters, des Ballettkorps und des Chors von Odessa würden jetzt gegen die russische Invasion kämpfen, sagte die Dirigentin. Die 44-Jährige hat sich in den letzten Wochen wiederholt gegen die russische Invasion in ihrem Land ausgesprochen und einen Offenen Brief an Russlands Präsidenten Vladimir Putin geschrieben, in dem sie unter anderem daran erinnert, dass "ukrainische Kinder unter dem Heulton der Sirenen geboren und als neue Krieger heranwachsen werden".

Großen Beifall ernteten Oksana Dyka in der Rolle der Turandot und die anderen Darsteller, vor allem die italienische Sopranistin Francesca Dotto als intensive Liù , der amerikanische Tenor Michael Fabiano, der in der Rolle des Calaf überzeugte, und der von Roberto Gabbiani geleitete Chor. Auch dem Belgier Peter Van Praet, der für das Lichtdesign verantwortlich war, wurde lange applaudiert.

"Wegen der Pandemie haben wir zwei Jahre lang warten müssen, um die 'Turandot' zu inszenieren. Heute ist die Welt ganz anders als vor zwei Jahren, wir erlebten die Pandemie und in Europa ist Krieg ausgebrochen. Das, was geschehen ist, beeinflusst auch die künstlerische Vision dieser Oper. Dieses Meisterwerk Puccinis regt uns an, uns zu hinterfragen, welche Bedeutung für uns Liebe, Menschlichkeit, Frieden und Demokratie haben. Als Künstler haben wir eine Stimme in der Welt und eine Oper kann zum Weg werden, um den Wert des Friedens zu verteidigen", erklärte Ai Weiwei bei einer Pressekonferenz vor der Premiere, der unter anderem der Stardirigent Antonio Pappano und der römische Filmkomponist Nicola Piovani beiwohnten.

"Turandot" hat für Ai Weiwei, der gerade von der Albertina modern mit einer großen Personale in Wien geehrt wird, eine besondere Bedeutung. Nachdem er vor 35 Jahren als Migrant von Peking nach New York zog, hatte er sich als Statist bei einer Inszenierung von "Turandot" des verstorbenen Regisseurs Franco Zeffirelli ein wenig Geld verdient. "Ich war damals wirklich arm, mit dem Geld wollte ich mir ein paar Hotdogs kaufen. Ich kämpfte um einen Platz in der Kulturszene. Es ist unglaublich, dass diese Oper wieder in mein Leben zurückgekehrt ist. Dass ich als Regisseur 'Turandot' inszenieren darf, ist für mich ein Traum und das Ende eines langen Werdegangs", sagte der Konzeptkünstler und Bildhauer vor der Aufführung.

"Turandot" wird bis zum 31. März in Rom aufgeführt. Die öffentlich-rechtliche TV-Anstalt RAI wird die Oper am Donnerstag auf ihrem Kulturkanal RAI 5 ausstrahlen.

(S E R V I C E - https://www.operaroma.it)

Quelle: Agenturen