APA - Austria Presse Agentur

VALIE EXPORT blickt zurück: "Linz ist besser als früher"

15. Apr 2020 · Lesedauer 5 min

Waltraud Lehner aus Linz alias VALIE EXPORT in Wien wird am 17. Mai 80 Jahre und feiert - wegen Corona nicht. Einen Wunsch hat die Medien- und Performancekünstlerin dennoch: Energie, um so weiterzumachen wie bisher, meinte sie im Gespräch mit der APA. Dass sie trotz Kirchenaustritts die neue Orgel in der Pöstlingbergkirche in Linz gestaltet, überrascht sie selber.

Waltraud Lehner aus Linz alias VALIE EXPORT in Wien wird am 17. Mai 80 Jahre und feiert - wegen Corona nicht. Einen Wunsch hat die Medien- und Performancekünstlerin dennoch: Energie, um so weiterzumachen wie bisher, meinte sie im Gespräch mit der APA. Dass sie trotz Kirchenaustritts die neue Orgel in der Pöstlingbergkirche in Linz gestaltet, überrascht sie selber.

APA: In Zeiten von Corona ist die Frage 'Wie geht es Ihnen?' freilich die erste.

VALIE EXPORT: Mir geht es derzeit so wie vielen, vielen anderen Menschen, man ist alleine zu Hause. Wenn man herausschaut, versteht man es eigentlich nicht, warum es so gefährlich ist, und ich muss manchmal wirklich nachdenken: Ist das alles Realität? Aber es ist so, man hat natürlich auch Bedenken, wie das alles ausgehen wird. Erinnerungen an die Nachkriegszeit kommen mir aber nicht, da wir ja in einem Wohlstand leben.

APA: Zu ihrem 80. Geburtstag waren in Linz im Lentos und in der Landesgalerie Sammlungssonderschauen geplant, die jetzt einmal auf Eis liegen. Das Crossing Europe Filmfestival will das Tribute für Sie im Rahmen des Ars Electronica Festivals Anfang September zeigen...

VALIE EXPORT: ... Ich hatte Pläne, aber die waren natürlich nicht Corona-adaptiert. Vielleicht wird im Herbst, was möglich ist, nachgeholt. Es ist halt jetzt allgemein kein Glück bringendes Jahr. Zum Tribute komme ich im September, wenn man ungefährdet reisen kann, natürlich sehr gerne nach Linz.

APA: Was bedeutet der Kultur-Stillstand durch die Pandemie aus Ihrer Sicht für die Künstler und die Szene?

VALIE EXPORT: Auf die künstlerische Arbeit hat es natürlich keine Auswirkungen, wenn man alleine im Atelier arbeitet oder einen Computer zur Verfügung hat, insofern kann es kein Stillstand sein. Es entstehen historische Beiträge über diese Zeit. Ich habe mein eigenes Tagebuch, da stehen meine Notizen drinnen. Ich bin jetzt konzentrierter auf die eigenen Gedanken, bin nicht so stark abgelenkt wie normal, da kann man ganz schöne Ideen ausarbeiten.

Aber was die Szene betrifft: Man muss die kleinen Kulturstätten unterstützen, denn die sind vor allem für junge Künstler wichtig. Die freie Szene hat soviel Energie, der Staat muss hier im Besonderen mithelfen, was er bisher oft vernachlässigt hat.

APA: Sie sind mit 20 Jahren von Linz nach Wien gegangen, um aus Ihrem bürgerlichen Leben auszubrechen. Wie ist Ihr Verhältnis heute zu Ihrer Geburtsstadt? Heute gibt es dort in der Tabakfabrik aus ihrem Vorlass ein Forschungscenter.

VALIE EXPORT: Nun, ich muss sagen, es ist besser als früher. Damals gab es in Linz kaum Galerien, es war alles sehr reaktionär und sehr zurückhaltend, man hat eine sehr starke Unterdrückung gemerkt. Wenn ich heute nach Linz komme, sehe ich, dass in den ganzen letzten Jahrzehnten so wahnsinnig viel passiert ist. Einen großen Teil dieses Aufbruchs hat man dem ehemaligen Bürgermeister Franz Dobusch zu verdanken, er hat unter anderem das Lentos gegründet. Linz ist eine sich immer wieder positiv ändernde Stadt geworden. Es hat sich eine ganz neue Medienkultur etabliert etwa mit dem Ars Electronica Center.

APA: Was hat Sie - aus der Kirche ausgetreten - dazu bewegt, die neue Orgel in der Pöstlingbergkirche in Linz zu gestalten? Das passt eigentlich so gar nicht zu Ihnen, oder?

VALIE EXPORT: Stimmt, das hat mich eigentlich auch selber überrascht, und ich habe es mir sehr lange überlegt, ein Konzept zu entwerfen. Aber ich hatte als Kind den Pöstlingberg und auch die Basilika so gerne, sie ist halt auch ein großes Wahrzeichen nach Linz hinunter. Die Erinnerung daran hat mich verführt dazu. Den Orgelpfeifen eine Umgebung zu geben, ist eine spannende Aufgabe.

APA: Und den religiösen Hintergrund blenden Sie aus?

VALIE EXPORT: Ja, den blende ich aus. Es ist eine Marienkirche mit sieben Schmerzen. Das trifft natürlich auch stark das Frauenbild. Das geht natürlich auch in das Gedankengut meiner feministischen Überlegung hinein: Wer war die Person Maria? Das ist mir nicht fremd.

APA: Thema Frauenbild: Wie sehen sie als Feministin die "#Me Too"-Bewegung?

VALIE EXPORT: Es ist ein ganz, ganz wichtige Debatte, das Nicht-Leugnen, Nicht-Erdulden müssen. Es muss den Männern langsam klar sein, dass es Grenzen gibt. Was mich an "#Me Too" aber stört, ist, dass Frauen wiederum von Männern verteidigt werden.

In den 1970er-Jahren haben wir Aktivistinnen gefordert, alles muss sofort sein. Heute geht immer nur ein bisschen weiter. Das liegt auch daran, dass junge Frauen alles bewältigen wollen, Kinder und Beruf, Männer helfen nicht dabei. Früher hieß es hingegen, wir wollen keine Kinder, wir wollen Karriere machen.

APA: Was wünschen Sie sich zum 80. Geburtstag?

VALIE EXPORT: Für uns alle Frieden, Gesundheit und Freude. Klingt sehr pathetisch. Für mich wünsche ich mir vor allem noch viel Energie: Ich will so weitermachen wie bisher.

Quelle: Agenturen