Unter die Haut gehendes "Radio Sarajevo" in Linz
Tijan Sila wurde in Sarajevo groß, erlebte mit, wie 1992 der Bosnienkrieg begann. Bald darauf flüchtete seine Familie aus der belagerten Stadt nach Deutschland. In seinem Roman "Radio Sarajevo" verarbeitet er seine Erinnerungen, schildert aus der Perspektive eines Kindes, wie es ist, im Krieg aufzuwachsen, in einer Stadt, in der von einem Tag auf den anderen statt fröhlichem Multikulti plötzlich Feindschaft zwischen ethnischen Gruppen herrscht. Regisseurin Sara Ostertag und Dirk Baumann haben daraus eine Bühnenfassung erarbeitet.
Schüsse fallen. Die Erwachsenen sagen, das sind nur Unruhen, es wird keinen Krieg geben, die Menschen wollen doch Frieden, oder? Leider haben Erwachsene oft Unrecht, merkt Tijan rasch. Aber - ist Krieg nicht so ähnlich, wie damals, als sich seine Freunde Sead und Rafik geprügelt haben bis einer blutete? Nein, ist es nicht. Kinder umarmen sich rasch wieder und gut ist"s. Hier ist kein Ende, keine Versöhnung in Sicht. Es folgt der erste Tote im Grätzel, der nächste, der eine stirbt an der Front, der andere verblutet auf der Straße, so ist eben die neue Normalität.
Bald sind Tijan und seine Freunde versiert darin, Heckenschützen auszuweichen, wissen, wann man im Keller Schutz suchen muss und wie man am Schwarzmarkt Batterien ergattert, damit man Radio hören und mit ein bisschen Glück zu "The Time of My Life" die Dirty-Dancing-Choreo nachtanzen kann. Sie schwänzen die Schule, wenn sie nicht ohnehin zu hat, suchen in den Trümmern nach Brauchbarem, finden ein Pornoheft, das man gegen Cola tauschen kann - Kaugummi wollen sie nicht, weil der macht Hunger und den haben sie ohnehin schon. Eine bizarre Mischung aus kindlichem Spiel und verstörender Kriegsrealität.
Mehrsprachigkeit auf der Bühne
Tijan Sila hat sein Buch bewusst auf Deutsch geschrieben, Ostertag lässt aber auch kroatisch, bosnisch und serbisch gesprochene Teile einfließen. Die Fassung von ihr und Baumann ist eine dichte Abfolge von Szenen, die organisch ineinander übergehen. Ö1-Nachrichten aus den 1990ern geben einen historischen Rahmen, das Publikum erlebt an der eigenen Nase, warum viele Kriegsflüchtlinge den Geruch von Feuerwerkskörpern später nicht mehr aushalten.
Absolutes Highlight ist Jelena Popržans Musik. Sie reicht von melancholischen Volksliedern bis zu einem aggressiven Kriegssound. Wenn sie ihrer Viola Gewehrsalven entlockt und mit ihrer Donnergeige - einem selbst gebauten Mega-Instrument aus Klaviersaiten, Metallfedern und an Seilen hängenden Trommeln - das Vorbeipfeifen von Geschossen und dumpfe Detonationen imitiert, duckt man sich instinktiv.
Starkes Mini-Ensemble rund um Gast Luka Dimić
Das vierköpfige Ensemble schlüpft in wechselnde Rollen. Der u.a. aus dem Film "Eismayer" bekannte Luka Dimić - er ist selbst in Sarajevo geboren - ist als Zehnjähriger genauso glaubwürdig wie als Teilnehmerin an der Miss-Sarajevo-Wahl, Daniel Klausner und Klaus Müller-Beck schlagen sich trotz deutscher Muttersprache bemerkenswert tapfer bei den Fremdsprachen-Passagen. Jelena Popržan - sie stammt aus Novi Sad - hat mit ihrer Musik noch nicht genug und spielt die weiblichen Parts im Stück.
Das Stück ist eine Koproduktion mit Ostertags Teata in der Gumpendorfer Straße in Wien, wo es ab Herbst zu sehen sein wird. Angesichts der unterschiedlichen Bühnen und Räumlichkeiten wird es wohl Änderungen geben. Vor allem will Ostertag in Wien aber durch Übertitel in den Sprachen Ex-Jugoslawiens die Mehrsprachigkeit noch stärker betonen.
(Von Verena Leiss/APA)
(S E R V I C E - "Radio Sarajevo" nach dem gleichnamigen Roman von Tijan Sila, Bühnenfassung: Sara Ostertag und Dirk Baumann, Koproduktion mit dem Teata in der Gumpendorfer Straße, Wien. Inszenierung: Sara Ostertag, Bühne und Kostüme: Nanna Neudeck, Live-Musik: Jelena Popržan. Mit: Luka Dimić, Daniel Klausner, Klaus Müller-Beck, Jelena Popržan. Weitere Vorstellungen am 25. und 31. März, 7., 10. und 20. April, 27. Mai, Landestheater Linz, Kammerspiele. https://www.landestheater-linz.at)
Zusammenfassung
- Fast jedes fünfte Kind wächst laut UNICEF in Krisen- oder Konfliktgebieten auf, was der Roman 'Radio Sarajevo' von Tijan Sila durch die Perspektive eines Zehnjährigen im Bosnienkrieg eindrucksvoll schildert.
- Die österreichische Erstaufführung von Sara Ostertags Bühnenfassung am Freitagabend in den Linzer Kammerspielen überzeugte mit einem mehrsprachigen Ensemble, einem intensiven Soundtrack von Jelena Popržan und wurde mit Standing Ovations gefeiert.
- Die Inszenierung verdeutlicht den Alltag im Krieg, in dem Kinder lernen, Heckenschützen auszuweichen, auf dem Schwarzmarkt Batterien zu tauschen und in einer neuen, von Gewalt geprägten Normalität zu leben.
