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Umjubelte Premiere der "Zauberflöte" bei der Mozartwoche

24. Jan. 2026 · Lesedauer 6 min

Ein Mozart-Märchen im Haus für Mozart. So lässt sich Rolando Villazons Inszenierung der "Zauberflöte" am Freitagabend im Rahmen der Salzburger Mozartwoche wohl am besten zusammenfassen. Der Regisseur und Intendant des Festivals macht aus dem Singspiel ein Wohnzimmertheater und stellt den Komponisten selbst ins Zentrum. Musikalisch wurde diese Idee exzellent von Dirigent Roberto Gonzalez-Monjas umgesetzt.

Die Regieidee in Kürze: Mozart erlebt kurz vor seinem Tod noch einmal seine "Zauberflöte". Villazon setzt auf ein doppeltes Prinzip, das den Abend zugleich antreibt und begrenzt: Er behauptet das Märchen und erklärt es sich zugleich über Mozart. Als Inspiration und Fundament der Inszenierung dient ein Text des Mozart-Zeitgenossen Friedrich Rochlitz aus dem Jahr 1798, der erzählt, Mozart sei in seinen letzten Lebensstunden gedanklich ganz bei einer zeitgleich laufenden Aufführung der "Zauberflöte" gewesen. So wird Mozarts Zimmer zur Bühne und zugleich Puppenstube, aus der die Opernwelt herausquillt. Figuren kommen aus Kästen, aus der Standuhr, aus dem Bücherregal, oder aus dem Flügel. Mozart, und später auch seine restliche Familie, sind dabei als Personen stets anwesend.

Opernhandlung als Spiegel eines Mozart-Alltags

Die Mechanik dieses Einfalls bleibt sichtbar und ist Teil des Reizes, weil sie das Theater als Bastelkasten vorführt. Villazon legt die Opernhandlung als Spiegel eines privaten Alltags aus. Mozart dirigiert nicht nur am Rand, er greift körperlich ein, gibt Gesten vor, bewegt Figuren wie Puppen und in intimen Momenten kippt die Oper direkt ins Schlafzimmerbild. Wenn Tamino und Pamina ihr Liebesduett singen, kuschelt sich Constanze zu Mozart ins Bett und das Duett bekommt eine zweite, häusliche Schicht. Das ist konsequent erzählt und zugleich ein ständiger Hinweis darauf, wie sehr diese Inszenierung auf das Gefühl des Wiedererkennens baut.

Dazu passt die Detailverliebtheit der Ausstattung, die das Märchen nicht psychologisiert, sondern ausstellt. Villazon feiert außerdem die Aufführungsgeschichte wie ein Museum der Zauberflöte-Ikonen, besonders deutlich mit dem meterhohen Sternenkleid der Königin der Nacht und einer Sternenhalle als Verweis auf die berühmte Schinkel-Inszenierung. Diese Bilder zünden, weil sie präzise gesetzt sind und nicht so tun, als wären sie neu erfunden. Gleichzeitig fordert Villazon dem Publikum die Bereitschaft ab, dieses Zitieren als Konzept zu akzeptieren, weil nicht jede Idee über den Status des Hübschen hinauswächst und manche Pointe im eigenen Überfluss steckenbleibt.

Bei den Sängerinnen und Sängern funktioniert Villazons Zugriff dort am besten, wo Typisierung und Stimme zusammenpassen. Theodore Platt ist als Papageno im bunten Federkostüm und mit roten Strumpfhosen als dauerhüpfender Clown geführt. Er darf kaum normal gehen, muss stets stolpern oder hüpfen und hat dabei dennoch hörbar Luft für einen kräftigen, spielfreudigen Bariton. Magnus Dietrich gibt den Tamino als durch und durch strahlenden Prinzen, ganz in Weiß, mit leuchtendem Tenor und Leichtigkeit in der Linie, die zu diesem Traumprinzenbild passt. Emily Pogorelc zeigt als Pamina eine Figur, die nicht nur leidet, sondern standhält. Das spiegelt sich in einem Sopran, der Kraft zulässt und damit zur Inszenierungsanlage passt.

Franz-Josef Selig steht als Sarastro im langen Gewand wie aus dem Bilderbuch auf der Bühne und wirkt in Haltung und Autorität herrschersicher, ohne dass die Figur auf bloße Statik reduziert wird. Kathryn Lewek lässt als Königin der Nacht eine große Rollenroutine hören, die Koloraturen sitzen mit Sicherheit, die Höhen kommen mit beachtlicher Leichtigkeit.

Stark besetzte Nebenrollen

Die Nebenrollen sind auffallend präsent besetzt. Alice Rossi, Stepanka Pucalkova und Noa Beinart bilden als drei Damen ein organisches Trio aus einem Guss. Rupert Grössinger ist als Sprecher und erster Priester mit einem farbigen, tragfähigen Bassbariton eine stabile Stimme zwischen gesprochenem Wort und Gesang. Tamara Ivanis spielt Papagena mit diebischer Freude, erst als "Altes Weib" verkleidet und dann als klassisch buntes Gegenstück zu Papageno. Paul Schweinester badet als Monostatos sichtbar in der Bosheit der Partie, die hier konsequent "Manostatos" heißt - ein Verweis auf Mozarts originale Schreibweise. Seinen Mantel trägt Manostatos als Requisitentasche mit einem Souvenirhaufen an Mozartfiguren darin. Ein Bild, das den Abend gut zusammenfasst, weil es den Komponisten zugleich als Heiligtum und als Fanartikel zeigt.

Mozart-Treue und Toleranz werden groß geschrieben

Apropos Manostatos: Beim Umgang mit heute problematischen Stellen macht die Inszenierung kein großes Ausrufezeichen, sondern streicht und verschiebt. Manostatos ist kein "Mohr", sondern schlicht schwarz gekleidet und singt später, dass ein Sklave hässlich sei. Eine Verschiebung, die die Herabsetzung vom Hautbild auf die soziale Rolle lenkt. In "Bei Männern, welche Liebe fühlen" wird die Paarformel erweitert, indem neben "Mann und Weib" auch "Mann und Mann" und "Weib und Weib" gesungen wird. Ein kurzer Eingriff mit großer Signalwirkung, gerade weil er ohne szenisches Hochziehen passiert. Am Ende zieht Villazon dann die emotionale Schraube an, wenn das "Lacrimosa" aus dem Requiem als Klammer eingesetzt wird. Dieser Griff ist dramaturgisch verständlich, weil er die Wohnung, das Bett und den Tod ohnehin schon im Bild hat, er wirkt aber auch dick aufgetragen, weil er der "Zauberflöte" für einen Moment die eigenen Lorbeeren aus der Hand nimmt und sie demonstrativ Mozart aufsetzt.

Wer hingegen wirklich einen Lorbeerkranz verdient hätte, ist Roberto Gonzalez-Monjas. Er zeigt ein sehr sicheres Gespür für Tempi und Gelassenheit, arbeitet Details hörbar heraus, hält das Klangbild transparent und trägt die Sängerinnen und Sänger auf Händen. Das Mozarteumorchester Salzburg leuchtet dabei in vielen Farben und die Begeisterung des Dirigenten ist im Zusammenspiel zwischen Graben und Bühne sichtbar. Begeistert reagiert am Ende des knapp vierstündigen Abends auch das Publikum. Es gibt großen Jubel und Bravo für alle Beteiligten und am Ende noch einmal eine Wiederholung des Finales mit Klatschen, wodurch der Abend in eine Villazon-Mozart-Feier mündete, die das Haus für Mozart spürbar auf Wohlfühlkurs entlässt.

(Von Larissa Schütz/APA)

(S E R V I C E - Wolfgang Amadeus Mozart: "Die Zauberflöte". Musikalische Leitung: Roberto Gonzalez-Monjas, Regie: Rolando Villazon, Bühne: Harald Thor, Kostüme: Tanja Hofmann, Licht: Stefan Bolliger, Choreographie: Ramses Sigl, Video: Roland Horváth/rocafilm, Dramaturgie: Ulrich Leisinger. Auf der Bühne: Sarastro: Franz-Josef Selig, Königin der Nacht: Kathryn Lewek, Tamino: Magnus Dietrich, Pamina: Emily Pogorelc, Papageno: Theodore Platt, Papagena: Tamara Ivanis, Erste Dame: Alice Rossi, Zweite Dame: Stepanka Pucalkova, Dritte Dame: Noa Beinart, Monostatos: Paul Schweinester, Sprecher/erster Priester: Rupert Grössinger. Mozart: Vitus Denifel, Constanze: Victoria D"Agostino, Mozarteumorchester Salzburg, Philharmonia Chor Wien (Choreinstudierung: Walter Zeh). Weitere Vorstellung am 27. und 30.1., www.mozarteum.at )

Zusammenfassung
  • Die Premiere der 'Zauberflöte' unter der Regie von Rolando Villazon eröffnete am Freitagabend die Salzburger Mozartwoche und setzte Mozart selbst ins Zentrum der Inszenierung.
  • Villazon nutzt einen historischen Text von 1798 als Grundlage und lässt Mozarts Zimmer zur Bühne und Puppenstube werden, in der Figuren und Familie gemeinsam agieren.
  • Die musikalische Leitung übernahm Roberto Gonzalez-Monjas, der mit dem Mozarteumorchester Salzburg für ein transparentes und farbenreiches Klangbild sorgte.
  • Die Inszenierung passt problematische Textstellen sensibel an, etwa indem Manostatos nicht mehr als 'Mohr' dargestellt wird und die Paarformel in 'Bei Männern, welche Liebe fühlen' erweitert wird.
  • Das Publikum zeigte sich am Ende des knapp vierstündigen Abends begeistert, es gab großen Jubel, Bravo-Rufe und eine Wiederholung des Finales.