APA/Herwig Höller

Ukrainerin legt Kunst in "offene Wunde" des Kosovo

25. Juli 2022 · Lesedauer 5 min

Neben Projekten in der Hauptstadt Prishtina bringt die am Wochenende eröffnete Manifesta 14 auch Kunst zum problematischsten Brennpunkt des Kosovo: Im Zentrum des ethnisch geteilten Mitrovica hat die ukrainische Künstlerin Stanislawa Pintschuk das bekannte Partisanendenkmal von Bogdan Bogdanović symbolisch versenkt. Gemeinsam mit dem 2010 in Wien verstorbenen Bogdanović träumt die gebürtige Charkiwerin dabei von einem "Europa ohne Denkmäler für Tod und Katastrophe".

Der Fluss Ibar trennt Mitrovica in eine südlichen, albanischen und einen nördlichen serbischen Teil, der auch Kosovska Mitrovica genannt wird. Die Kommunikation zwischen den Stadtteilen hält sich in Grenzen, Graffitis im Nordteil lassen wenig Zweifel daran, dass viele dort einen Anschluss an den serbischen Staat ersehnen und in keiner Republik Kosovo leben möchten. Unter der Hauptbrücke im Zentrum, die nach zahllosen Ausschreitungen weiterhin von schwerbewaffneten Carabinieri bewacht wird, spielten am Wochenende albanische Kinder.

Dank der Manifesta liegt hier seit wenigen Tagen aber auch eine künstlerische Attraktion im Fluss - es handelt sich um die wohl politisch relevanteste Arbeit der 14. Ausgabe dieser europäischen Wanderbiennale: Drei großformatige Metallgerüste mit minimalistischen Sitzgelegenheiten sollen die Bewohnerinnen und Bewohner von beiden Seiten zum Verweilen und Reden einladen. Die zwei angeschnittenen Kegel sowie eine Zylinderhälfte reproduzieren dabei in Originalgröße jene Formen, die der Architekt Bogdan Bogdanović (1922-2010) bei seinem modernistischen Denkmal für im 2. Weltkrieg gefallene Bergarbeiterpartisanen der benachbarten Trepča-Minen verwendete. Das 1973 errichtete Monument steht auf einem Hügel im Nordteil der Stadt und gilt als Wahrzeichen.

"Mitrovica bleibt eine offene Wunde und die Frage der europäischen Integration des Kosovo kann nicht gelöst werden, ohne dass es in meiner Stadt zu einer Lösung kommt", sagte Lulzim Hoti, Direktor des Kulturzentrums 7 Arte, der APA. Er begrüßte das Kunstprojekt und hoffte, dass sich auch die Bewohner von der anderen Seite angesprochen fühlen würden. Bisher hätten die serbischen Bewohner des nördlichen Stadtteils den Fluss kaum verwendet. Es scheine, dass sie den Ibar nicht als ihren Fluss sehen würden, kommentierte Hoti.

Mit der Installation erinnert die ukrainische Künstlerin, die zuletzt in Sarajevo lebte, freilich auch an den im jugoslawischen Modernismus inhärenten Internationalismus, der seit den Kriegen der Neunzigerjahre als nahezu utopisch erscheint. In Mitrovica selbst prallen auf engem Raum zwei völlig konträre Geschichtsnarrative aufeinander, die gerade in antimodernistischen Heldendenkmälern ihren Ausdruck finden.

Denkmäler im Süden der Stadt zeigen albanische Widerstandskämpfer, die in den Neunzigerjahren bei Gefechten mit serbischen Kräften um Leben kamen. Im Norden wird gleichzeitig an die serbischen Opfer der "terroristischen UÇK" (Albanische "Befreiungsarmee des Kosovo", Anm.) erinnert. Am serbischen Hauptplatz steht eine überdimensionale Statue des 1389 im Amselfeld gefallenen serbischen Fürsten Lasar, nebenan ein Denkmal eines russischen Diplomaten, der 1903 bei Unruhen in der Stadt getötet wurde. Denkmäler auf beiden Seiten verbindet lediglich eine ästhetische Rückkehr in das 19. Jahrhundert, bisweilen auf sehr niedrigem künstlerischen Niveau.

Pintschuk bezieht sich in ihrem Projekt auf eine Aussage von Bogdanović, der 2008 im Wiener Exil von einem Europa ohne Denkmäler für Tod und Katastrophe träumte und gleichzeitig für Monumente der Liebe, der Freunde und des Lachens plädierte. Die Situation in ihrer Heimatstadt Charkiw, wo Denkmäler angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, mit Sandsäcken und Gerüsten geschützt würden, lasse jedoch befürchten, dass in Europe gar keine Monumente zurückbleiben könnten, erklärte die Künstlerin im Projekttext. Ende März hatte die teilweise Zerstörung eines Charkiwer Holocaustdenkmal durch Artilleriebeschuss auch für internationale Schlagzeilen gesorgt.

Obwohl die diesjährige Manifesta 14 sich auf den Westbalkan konzentriert, ist der russisch-ukrainische Krieg im Sommer 2022 unausweichlich ein Thema. Alewtina Kachidse zeigt zwei Arbeiten in der kosovarischen Nationalgalerie: Die aus dem Donbass stammende Künstlerin, die der damalige Manifesta-Kurator Kaspar König nach der russischen Annexion der Krim 2014 auch als explizites Zeichen der Solidarität mit der Ukraine zur 10. Ausgabe der Biennale nach St. Petersburg eingeladen hatte, lebt außerhalb von Kiew und hatte riesiges Glück, dass russische Truppen ihr Dorf gerade nicht eroberten. In einem Video, das für Virtual Reality Brillen gedreht wurde, begab sich Kachidse in eine zerstörte Stadt in ihrer Nachbarschaft und sprach mit Kollegen über die wochenlange Besetzung und Zerstörung im Frühjahr. In comicartigen Zeichnungen erzählt sie zudem von ihren Kriegsmonaten und über Invasionen in der Pflanzenwelt.

Uneingeladen aktionistisch war in Prishtina während der Eröffnungstage hingegen Oksana Tschepelyk unterwegs: Die ukrainische Künstlerin hatte auf ihrem Kleid Fotos von Kindern befestigt, die seit dem 24. Februar durch den Krieg ums Leben gekommen waren. Sie wolle damit überprüfen, ob das Töten von Minderjährigen mittlerweile zur Norm geworden sei, erläuterte sie. Knapp 150 Tage nach Kriegsbeginn in der Ukraine hielt sich die Reaktion des Kunstpublikums jedoch in Grenzen.

Quelle: Agenturen