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Tindersticks mit neuem Album: "Musik entsteht aus starken Emotionen"

16. Feb 2021 · Lesedauer 6 min

Es sei kein Pandemie-Album, aber eine Reaktion: Das sagt die britische Indie-Band Tindersticks über ihre am Freitag erscheinende 15. Studioarbeit "Distractions". "Musik entsteht aus einer starken Emotion", führte Mastermind Stuart A. Staples im APA-Interview aus. Die Corona-Situation habe ihn "regelrecht angetrieben". Aufgenommen haben Tindersticks ihren längsten Song, drei Coverversionen und eine Reflexion auf den Terror in Frankreich 2015.

APA: "Distractions" ist ein klassisches Album-Album mit einem roten Faden und Songs, die zusammenpassen, eine Einheit ergeben, aber doch verschiedene Stimmungen ausdrücken und unterschiedliche Stilelemente vereinen. Sie betonen, es sei gar nicht geplant gewesen, aber doch ein Lockdown-Album...

Stuart A. Staples: Eigentlich begann ich mit der Arbeit daran vor der Pandemie. "Man Alone" und "The Bough Bends", das erste und das letzte Stück auf dem Tonträger, schrieb ich Anfang 2020. Aus diesen ist "Distractions" gewachsen. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell passiert. Ende Jänner gingen wir auf Tour, ich ließ die Songs unfertig zurück, um irgendwann auf sie zurückzukommen. Wir gaben 30 Konzerte, mussten dann abbrechen und jeder zu sich nach Hause zurückkehren. Aber da war noch eine Energie da, ein Momentum. Wir mussten einfach kreativ weitermachen.

APA: Wie hat das im Lockdown funktioniert?

Staples: Ich habe Songskizzen angefertigt und an die anderen Bandmitglieder geschickt. Sie haben ihre Ideen beigesteuert. Monate später wurden die Auflagen gelockert, und wir konnten gemeinsam ins Studio. Das Album ist also eine Mischung aus etwas, das aus der noch vorhandenen Energie heraus entstehen musste, und einer Reaktion auf die Pandemie. Denn es war schwierig, unter den gegebenen Umständen zu arbeiten. Man musste um alles kämpfen - dieses Verlangen, trotz dieser Umstände etwas zu schaffen, schimmert durch das Album.

APA: Was hat Sie besonders herausgefordert?

Staples: Ich arbeite im Studio normalerweise mit einem Techniker, nie allein. Aber nun musste ich selbst zurecht kommen. Das hat mich zwar zusätzlich motiviert, aber natürlich ist es wunderbar, mit meinem Studiotechniker zu arbeiten. Letztendlich hatte ich doch noch zehn Tage mit ihm, um das Album fertigzustellen. Da lernte ich die Zusammenarbeit noch mehr zu schätzen. Wenn diese Situation vorbei ist, werden die Leute einiges viel mehr zu schätzen wissen. Natürlich merken jetzt viele, dass man im Homeoffice auch gut arbeiten kann. Aber wenn mehrere Menschen zusammen sind, ergibt das eine ganz andere Energie und Dynamik. Über Zoom zu kommunizieren, ist fantastisch, aber es ist nicht das selbe, wie jemandem gegenüberzusitzen.

APA: "Man Alone" ist ein extrem intensiver Song und der längste im Schaffen der Tindersticks bisher.

Staples: Bei diesem Lied, aber auch bei anderen Stücken auf dem Album, habe ich die klassische erzählende Form verlassen. Da versuche ich, eine Idee rüberzubringen, aber von verschiedenen Seiten auf diese zuzugehen. Ich erlaube es einem Gefühl, im Zentrum des Songs zu existieren, ohne es exakt auf den Punkt zu bringen, also zu eindeutig zu beschreiben.

APA: Eine eindeutige Reaktion auf den Anschlag auf das Bataclan ist der Song "Tue-moi". Der Terrorakt liegt rund fünf Jahre zurück. Warum diese zeitliche Distanz, haben Sie auf den "richtigen" Zeitpunkt gewartet?

Staples: Ich habe nicht gewartet, ich habe dafür lange gebraucht. Ich kenne das Bataclan sehr gut. Als es passierte, fühlte ich mich sehr nah - ich weiß, wo der Sänger steht, wie es im Saal riecht, all diese Dinge. Der Song wurde von diesem Gefühl entzündet, aber es dauerte, bis mir die Umsetzung klar war. Dagegen wusste ich sofort, dass ich ihn auf Französisch singen muss. Das wurde zu einem Langzeitprojekt. Es hätte nicht funktioniert, den Text in Englisch zu verfassen und ihn zu übersetzen. Ich schrieb zuerst nieder, was ich eigentlich ausdrücken will. Gemeinsam mit meiner Frau, die Französisch beherrscht, haben wir dann am Text zu arbeiten begonnen und schließlich Freunde aus Frankreich ins Boot geholt.

APA: Sie haben "A Man Needs A Maid" von Neil Young und "The Lady With The Braid" von Dory Previn gecovert. Was verbindet diese?

Staples: Beide handeln von Intimität. Young hat das Lied als einen sehr orchestralen und dramatischen Song ausgearbeitet. Ich habe immer gefühlt, dass da etwas Einfacheres dahinter steckt, das wollte ich finden. Das Stück drückt die Angst vor Intimität und deren Folgen aus. Previns Songs dagegen ist ein Verzweiflungsschrei nach Intimität, aber leichtfüßig und mit Humor umgesetzt. Es gibt ein Thema, das sich durch unser gesamtes neues Album zieht, das mit Intimität zu tun hat: Mensch zu sein.

APA: Nicht intim, sondern laut und rebellisch ist "You'll Have to Scream Louder", im Original von den Punkrockern Televison Personalities. Trotzdem passt es gut auf "Distractions".

Staples: Auch das war nicht plant, nicht einmal am Tag, bevor wir das Lied aufgenommen haben. Das Album, von dem es stammt, war für mich als 19-Jähriger so wichtig, ich kenne jedes Wort auswendig. An einem Samstag Ende April vergangenen Jahres bin ich aufgewacht und mir schwirrten all diese Dinge im Kopf herum - die Pandemie, der Brexit und die Gefühle, die man gegen die eigene Regierung hegt, die Zustände in Amerika, die Tötung von George Floyd. Plötzlich begann ich "You'll Have To Scream Louder" zu singen, der Song hat mich gefunden. Eine Stunde später stand ich im Studio...

APA: Das Lied hat über die Jahre wohl wenig an Aktualität verloren.

Staples: Als dieser Song in den frühen Achtzigern in England geschrieben wurde, war das eine Zeit der Unruhe: der Bergarbeiter-Streik, Margret Thatcher, Polizeibrutalität, Rassismus und Sexismus. Gegen all das hat meine Generation rebelliert und versucht, Veränderungen zu ermöglichen. Es hat auch welche gegeben. Aber an diesem Tag im April fühlte es sich wie eine Reise in die Vergangenheit an, wie wenn sich die Welt zurückdrehen würde. Mich bedrückte das Gefühl, dass es ein nie endender Kampf gegen all das sein könnte, was wir verändern wollten.

APA: Sie haben das Lied aber sehr tanzbar aufbereitet.

Staples: Discomusik war für mich früher etwas Schreckliches. Musik musste Tiefe haben. Nach dem Motto: Man kann nicht Joy Divison hören und gleichzeitig Chic gut finden. Heute sehe ich das anders. Disco entstand in einer sehr beklemmenden Zeit, die Leute wollten dem Alltag entfliehen. Das hatte ich im Kopf, als ich an unserer Version zu arbeiten begann.

(Das Interview führte Wolfgang Hauptmann/APA)

(S E R V I C E - https://tindersticks.co.uk)

Quelle: Agenturen