Superflux im Weltmuseum: Heilige Sneakers und der Gott Markt
Weltmuseum-Direktorin Claudia Banz zeigte sich am Montag bei der Presseführung stolz, die erste größere Einzelausstellung des von Anab Jain und Jon Ardern vor 17 Jahren gegründeten und inzwischen international renommierten Studios beherbergen zu können. Drei immersive Projekte umfasst die Schau, die im Rahmen der Wiener Klima Biennale stattfindet. "Welche Vorfahren werden wir einmal gewesen sein?" - diese Frage ziehe sich als roter Faden durch die präsentierten begehbaren Zukunftsentwürfe der Briten, so Banz. Ihnen allen gemein ist ein kritischer Blick auf das sogenannte Anthropozän - also auf unser Zeitalter, in dem der Mensch der Erde seinen Stempel aufdrückt und sich einer kapitalistischen Logik folgend in Naturraub, Ressourcenverschwendung und Konsumismus ergeht.
"Relics of Abundance" thematisiert die Auswüchse der Massenkonsum-Ära auf intelligente wie humorvolle Weise. Die Grundidee: Künftige Archäologinnen und Archäologen stoßen auf Überbleibsel unserer Zeit und rekonstruieren ihre Bedeutung als spirituelle Objekte, mit denen einer Gottheit namens Markt gehuldigt wurde, erklärte Anab Jain. Der Wandtext im Raum wird dann auch entsprechend eingeleitet. "Sie treten zeremoniellen Objekten gegenüber. Bitte verhalten Sie sich in diesem Raum leise, um den spirituellen Andachtscharakter zu respektieren", liest man. Superflux interpretieren unsere Alltagsdinge von elektronischen Geräten über Möbel bis zum Schuhwerk nicht als Gebrauchsgegenstände, sondern als mythologisch aufgeladene Artefakte.
Ein TV-Gerät wird hier als "Schrein" ausgestellt, der als "Mittelpunkt des Meditationsrituals" diente, heißt es auf der Erklärungstafel. Das iPhone wird als "Obsidianspiegel" bezeichnet: "Man glaubte, dass ein längerer Blick auf die Obsidianfläche die Kommunikation mit einem mächtigen Wesen erleichtern würde, das in einer himmlischen 'Wolke' residierte", liest man. Ein Paar Sneakers wird zum "Ornament der Erneuerung", ein rituelles Objekt, das mit saisonalen Erneuerungsriten in Verbindung stehe: "Die Anhänger glaubten, dass materielle Besitztümer regelmäßig einem Opferprozess unterzogen werden mussten (...), bevor sie mit geringfügigen formalen Anpassungen neu hergestellt wurden."
"Wir können neue Mythen schreiben"
Diese vermeintlich heiligen Reste einer "gescheiterten Moderne" (Banz) haben Superflux aber nicht im Original ausgestellt, sondern selbst rekonstruiert, dafür jedoch andere Materialien verwendet und die Dinge damit komplett ihres Nutzwerts beraubt. Der Fernseher besteht aus Beton, die Turnschuhe aus Blei, ein ikonischer Stuhl aus Stroh- und Getreidehalmen. "Wollen wir als eine Spezies erinnert werden, die für ihre Berge an weggeworfenen Turnschuhen bekannt war?", warf Anab Jain die Frage auf und meinte: "Wir können neue Mythen schreiben. Dazu wollen wir einladen." Unter die Fake-Relikte hat das Duo "echte" historische ethnologische Objekte aus der Sammlung des Weltmuseums "geschummelt", was die Installation um eine zusätzliche Ebene erweitert.
Ergänzt wird die Ausstellung "The Craftocene" - die Wortschöpfung von Superflux soll einen utopischen Gegenentwurf zum Anthropozän beschreiben und handwerkliche Produktion, wechselseitige Fürsorge und ökologische Wiedergutmachung in den Fokus rücken - von zwei Installationen, die bereits an anderen Orten gezeigt wurden. "Nobody Told Me Rivers Dream" (2025) war zuletzt im Londoner Design Museum zu sehen. Hier soll eine KI neues Wissen generieren, wobei nicht der Mensch, sondern die Natur die Basis für die Prompts liefert. Sensorobjekte erfassen etwa Wind, Vogelgezwitscher oder Gezeiten am Ufer der Themse. Diese Daten werden mit Volksweisheiten über das Wetter und anderem lokalen Wissen verschnitten.
Die Installation "Refuge for Resurgence" war 2021 erstmals auf der Architekturbiennale in Venedig zu sehen. Ein großer Holztisch ist für ein Mahl vorbereitet, zu dem verschiedene Lebewesen eingeladen sind. Die Utensilien bestehen aus wiederverwertetem Müll wie Bremslichtern, Teeportionierern oder Federn. Ein Bankett der Arten, an dem sich Wespe und Fuchs, Pilz und Mensch gemeinsam laben und damit gleichwertige Akteure sein können, ist nicht das schlechteste Bild für einen Neuanfang des Zusammenlebens.
(S E R V I C E - "Superflux. The Craftocene" im Weltmuseum Wien und als Teil der Klima Biennale, 3.3.-16.8., https://www.weltmuseumwien.at/ )
Zusammenfassung
- Die Ausstellung 'Superflux. The Craftocene' im Weltmuseum Wien zeigt vom 3. März bis 16. August 2026 drei immersive Installationen des Londoner Studios Superflux, darunter die eigens für Wien entwickelte Arbeit 'Relics of Abundance'.
- In der Installation werden Alltagsgegenstände wie Sneakers, iPhones und Fernseher als spirituelle Relikte einer vergangenen Konsum-Ära inszeniert und aus Materialien wie Beton, Blei oder Stroh nachgebildet, um ihren Nutzwert zu nehmen.
- Die Schau ist Teil der Wiener Klima Biennale und stellt kritisch die Frage, wie zukünftige Generationen auf das Anthropozän und den heutigen Massenkonsum zurückblicken werden.
