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Songs und Seiltricks machen Bregenzer "Sturm" sehenswert

24. Juli 2022 · Lesedauer 3 min

Prospero ist müde. Wolfram Koch wirkt wie eine Mischung aus Landstreicher und Rolling Stones-Zweitbesetzung. Damit seine Tricks noch zünden, braucht er Ariels Hilfe. Lorena Handschin im Glitzerkleid zieht dabei nicht bloß die Fäden, sondern gleich dicke Schiffstaue. Und sie beweist mit einigen Songs echte Popstar-Qualitäten. Es war ein erfrischend ungewohnter "Sturm", der am Samstag als Premiere einer Berliner Koproduktion durch das Theater am Kornmarkt in Bregenz fegte.

Dabei hat Jan Bosses Inszenierung, die nach drei Vorstellungen im Rahmen der Bregenzer Festspiele ab 1. September in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin gespielt wird, durchaus auch Tempo-Probleme. Einiges ist gestrafft in der Fassung, die in pausenlosen 135 Minuten gespielt wird, was Nicht-Kenner der Plots mit seiner nur nacherzählten Vorgeschichte in manche Verständnisprobleme bringen kann. Anderes kommt dagegen nicht und nicht vom Fleck. Tatsächlich bekommt die Aufführung erst dann den richtigen Groove, wenn Ariel - live begleitet von Musikerin Carolina Bigge - zum Mikro greift. Dann hört man etwa die berühmten Zeilen "Hell is empty. And all the devils are here" gleich mehrmals als Rockballade.

Dass auch Linn Reusse als Miranda und Julia Windischbauer als in grüne Gaze gehüllter Caliban in dem einen und anderen Song ihre beeindruckenden Singstimmen unter Beweis stellen dürfen, zählt zu den größten Pluspunkten der Aufführung, die zwar kein überzeugendes Gesamtkonzept, aber viele schöne Facetten aufweist. Dass Prospero, der vormalige Herzog von Mailand und nunmehrige Inselherrscher, mehr ein Theater- und Zauberkünstler ist - diese Interpretation hat man schon einige Male gesehen. Dass auf der Insel aber ein Urwald aus Schiffstauen wuchert (Bühne: Stéphane Laimé), der viel fantasievoller als bloß für die eine oder andere Tarzan-Nummer genutzt wird, dürfte neu sein. Sicher neu ist die Übersetzung von Jakob Nolte, die sich etwas mühsam "durch das altenglische Original hangelt", mehr Distanz als Nähe schafft und mitunter reichlich seltsam klingt. "Tust du lieben mich?" - "Ich tu lieben und ehren und schätzen dich", heißt es da etwa, oder: "Was ist die Zeit?" - "Nacht der mittleren Saison."

Dafür hat sich Kostümbildnerin Kathrin Plath viel Unkonventionelles einfallen lassen und geraten die Vater-Tochter-Auseinandersetzungen, die Liebesszenen oder die Rüpelszenen zwischen Stephano (Jeremy Mockridge) und Trinculo (Tamer Tahan) besonders kurzweilig. Wie schon Maria Happel in Thorleifur Örn Arnarssons Burgtheater-Inszenierung von "Der Sturm" im Frühjahr, bleibt auch Wolfram Koch als Prospero erstaunlich blass. Die angestrebte Auseinandersetzung mit Mechanismen von Macht und Unterdrückung, Ausbeutung und Aneignung gelingt bestenfalls in Ansätzen. Pfiffige Bilder und großteils ausgezeichnete Schauspieler boten jedoch ausreichenden Grund für einen Jubelsturm am Ende der Premiere. So ist Bregenz. Auch ein Sturm kann geliebt werden - vorausgesetzt, er fegt nicht über die Seebühne.

(S E R V I C E - William Shakespeare: "Der Sturm", Regie: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath. Mit Lorena Handschin, Wolfram Koch, Jeremy Mockridge, Linn Reusse, Tamer Tahan, Julia Windischbauer; Carolina Bigge (Live-Musik), Koproduktion Bregenzer Festspiele mit dem Deutschen Theater Berlin, Theater am Kornmarkt. Weitere Vorstellungen: 25., 26. Juli, www.bregenzerfestspiele.com)

Quelle: Agenturen