APA - Austria Presse Agentur

Sehens- und lesenswert: Maria Lassnigs Briefe an Obrist

14. Apr 2020 · Lesedauer 3 min

Es ist ein wunderbares Kunstbuch, aber kein Briefwechsel: Was nun von der Maria Lassnig Stiftung herausgegeben wurde, sind nämlich nur Maria Lassnigs Briefe an den fast 50 Jahre jüngeren Kurator Hans Ulrich Obrist. Was der 1968 geborene Schweizer, vom Magazin "ArtReview" unter die Top Ten der einflussreichsten Persönlichkeiten der Kunstwelt gereiht, an sie geschrieben hat, ist ausgespart.

Es ist ein wunderbares Kunstbuch, aber kein Briefwechsel: Was nun von der Maria Lassnig Stiftung herausgegeben wurde, sind nämlich nur Maria Lassnigs Briefe an den fast 50 Jahre jüngeren Kurator Hans Ulrich Obrist. Was der 1968 geborene Schweizer, vom Magazin "ArtReview" unter die Top Ten der einflussreichsten Persönlichkeiten der Kunstwelt gereiht, an sie geschrieben hat, ist ausgespart.

Als 17-Jähriger sei er erstmals mit dem Nachtzug von Zürich nach Wien gefahren und habe hier mehrere Atelierbesuche absolviert, darunter bei Maria Lassnig in der Maxingstraße, erzählt der heutige Leiter der Londoner Serpentine Gallery in seinem Vorwort. Der erste Brief Lassnigs ("Lieber, sehr lieber Herr Obrist") datiert aus 1993, nachdem Hans Ulrich Obrist gemeinsam mit Kasper König die Festwochen-Ausstellung "Der zerbrochene Spiegel. Positionen zur Malerei" kuratierte, in der Lassnig eine Schlüsselposition einnahm.

Die Künstlerin, zeitlebens vom Gefühl geplagt, in der Rezeption unter ihrem Wert geschlagen zu werden, wittert in dem jungen Kurator sofort einen potenziellen Verbündeten. "Ich habe weder Nachkommen noch Verwandtschaft die sich meiner Bilder annehmen könnten, so muss ich versuchen selbst noch zu retten, denn meine Bilder sind kaum noch in Museen zu sehn u. wenn ich mich verflüchtige werden es diese auch", schrieb sie aus dem Kärntner Feistritz. "Vielleicht könnten Sie etwas helfen?"

Es wurde eine über 20 Jahre dauernde für beide Teile bereichernde Freundschaft und Arbeitsbeziehung (in der man stets beim "Sie" blieb"). Und Obrist half. Am meisten vermutlich mit Lassnigs Einzelausstellung 2008 in der Serpentine Gallery, über deren schwieriges Zustandekommen Obrist nur kleine Andeutungen macht: Weil sie Angst hatte, "sich vor der internationalen Kunstöffentlichkeit zu blamieren", wollte die Künstlerin die Schau kurz vor der Eröffnung absagen. Erst "stundenlange Überzeugungsarbeit" konnte sie umstimmen.

Die Ausstellung wurde ihr internationaler Durchbruch, und als sie sich danach brieflich bedankt ("Sie sind ein wahres Glücksgeschenk für mich u. die Welt!"), beklagt sie sich im gleichen Atemzug: "Lieber Hans Ulrich, die ganze Welt kommt um meine Ausstellung zu sehn, das ist wunderbar für mich - aber die Österreicher wissen garnix davon!"

Was den von Hans Ulrich Obrist, Peter Pakesch und Hans Werner Poschauko herausgegebenen Band so sehenswert macht, sind nicht nur die zahlreichen Abbildungen von Werken und Fotos sowie die durchgehend zweisprachige Transkription, sondern auch die Abbildung aller Briefe und Postkarten. Maria Lassnig schrieb nämlich mit der Hand. Sie "lebte über viele Jahrzehnte ein analoges Leben", schreibt Obrist, der seit 2013 auch mit einem "Handwriting Project" auf Instagram gegen das Verschwinden der Handschrift kämpft.

Lassnig nimmt sich viel Zeit, um ihre Gedanken zu Papier zu bringen, und in Obrist, der 2000 auch ihre "Tagebücher 1943 bis 1997"herausgab, hatte sie sicherlich jemanden gefunden, dem sie sich vorbehaltlos anvertrauen konnte. Dennoch wurde der Ton kaum je privat oder gar vertraulich. Lassnigs letzter Brief an Obrist datiert von Jänner 2014. "Mit der Kunst zusammen: da verkommt man nicht! Ohne Kunst verkommt man u. ich besonders." Der Brief blieb unvollendet und unabgeschickt. Knapp fünf Monate später starb Maria Lassnig im Alter von 94 Jahren.

"Maria Lassnig. Briefe an Hans Ulrich Obrist" etnhält ein Vorwort von Hans Ulrich Obrist und zahlreiche Abbildungen von Lassnigs Werken bzw., Briefen und Postkarten. Das von Obrist, Peter Pakesch und Hans Werner Poschauko für die Maria Lassnig Stiftung herausgegebene Buch (Verlag der Buchhandlung Walther König) umfasst 296 Seiten und kostet 30,70 Euro.

Quelle: Agenturen