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Schreckensvision: Hanya Yanagiharas Roman "Zum Paradies"

28. Jan. 2022 · Lesedauer 5 min

Nach ihrem Bestseller "Ein wenig Leben" war das neue Buch der US-Autorin Hanya Yanagihara von Fans in aller Welt sehnsüchtig erwartet worden. "Zum Paradies" heißt der dreiteilige und zwei Jahrhunderte mit fast 900 Seiten umspannende Roman, doch er führt geradewegs in eine Hölle. Was 1893 in Manhattan seinen optimistischen Ausgang nimmt, endet 2094 ebendort in einer Schreckensvision eines Gemeinwesens, das dem Kampf gegen immer neue Pandemien alle Menschlichkeit geopfert hat.

Aufgrund der verstörenden Aktualität des fast die gesamte zweite Hälfte des Buches einnehmenden dritten Teils, der den Zeitraum 2043 bis 2094 umfasst, prägt dieser Zukunftsblick, in dem Namen, Erzählstränge und Konstruktionsprinzipien der vorangegangenen Teile (deren Schlusssätze allesamt auf "zum Paradies" enden) aufgenommen werden, die Gesamtwirkung. In diesem, "Zone Acht" betitelten Teil entfaltet der Roman eine Wucht, die es mit den großen Dystopien wie George Orwells "1984" oder Aldous Huxleys "Brave New World" aufnehmen kann und auch an José Saramagos "Die Stadt der Blinden" erinnert.

Das New York in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts leidet zwar unter dem Klimawandel (Kälteanzüge sind fürs Ausgehen nahezu obligatorisch, Trinkwasser ist streng rationiert), vor allem aber sind es immer wieder auftretende neue Seuchen, die die Menschheit in Bann halten. Quasi das gesamte Staatswesen hat sich der Erforschung und Bekämpfung ständig neuer Viren und Mutationen untergeordnet. Trotz restriktiver Absonderungen von Erkrankten und Eindämmung jedes Reiseverkehrs tauchen alle paar Jahre neue Bedrohungen auf, die sich zu Pandemien entwickeln und Schneisen des Todes in der Bevölkerung hinterlassen. Es gibt fast nur noch Regierungsbeamte, die zur Überwachung, und Wissenschafter, die zur Forschung eingesetzt werden.

Der eng mit Peking kooperierende Staat, der Bürgerrechte radikal eingeschränkt sowie Internet und Fernsehen abgeschafft hat, kämpft mit einem Mangel an jungen Leuten und mit den Spätfolgen früherer, kaum erprobter Gegenmittel. Auch das Mädchen Charlie, das von seinem Großvater liebevoll umsorgt wird, ist dauerhaft geschädigt: Sie ist unfruchtbar und kontaktgestört. Doch Liebes- und Sozialleben wie einst gibt es fast nur noch im Untergrund. Wie es dazu kam, davon erzählt dieser teilweise als Briefroman angelegte dritte Teil. Der Großvater, der als ranghohes Mitglied der Verwaltung an der Konzeption der rigiden Eindämmungsmaßnahmen (die für viele die Preisgabe an den sicheren Tod bedeuteten) beteiligt war, wird von den Aufständischen hingerichtet. Vorher kann er noch die Flucht seiner geliebten Enkelin in das wesentlich liberalere "Neubritannien" vorbereiten. Ob sie gelingen wird, lässt das Buch am Ende offen.

Doch diese Reise in die Zukunft beginnt über 200 Jahre früher am gleichen Ort. Das hochherrschaftliche Haus am Washington Square von Manhattan (den schon Henry James 1881 zum Schauplatz und Titel eines seiner Romane machte), das viel später quasi-enteignet und mit zugemauerten Fenstern verschandelt wird, sieht schon 1893 eine enge Großvater-Enkel-Beziehung. Der Patriarch einer der wohlhabendsten und einflussreichsten Familien New Yorks möchte seinen Lieblingsenkel, den elternlosen David, verheiraten, doch der ziert sich. Was wie ein betulicher viktorianischer Gesellschaftsroman daherkommt, stellt sich bald als ungewöhnliche und ganz und gar fiktive Variante der US-Geschichte dar: New York ist ein Free State, in dem - ganz anders als in den Südstaaten - homo- und heterogeschlechtliche Ehen gleich behandelt werden. Doch geschlossen werden (meist mit Hilfe von Heiratsvermittlern) nicht Liebes-, sondern Vernunftehen. David verweigert sich jedenfalls dem von Opa Auserkorenen, einem deutlich älteren, gut situierten Mann, und wirft sich lieber einem windigen Jüngeren in die Arme, selbst um den Preis seiner Enterbung.

Beziehungen zwischen Männern, zwischen Älteren und Jüngeren, zwischen Großvater und Enkeln sind die in ihrer insistierenden Wiederkehr irritierenden Leitmotive, die sich durch alle drei Teile dieses monumentalen Buches ziehen. Verwirrend und ärgerlich ist jedoch Yanagiharas Manie, die Namen der Protagonisten in allen Teilen auftauchen zu lassen. So schwirrt dem Leser irgendwann der Kopf vor lauter Davids, Charles' und Edwards, vor lauter Binghams und Griffiths und Bishops, ohne dass sich eine schlüssige Generationenfolge ausnehmen ließe.

Im zweiten Teil kommt ein weiterer Grundton hinzu, der endlich auch den Schutzumschlag erklärt, das Gemälde "I'okepa, Hawaiianischer Fischerjunge" des niederländischen Malers Hubert Vos. Yanagihara ist selbst Tochter eines Hawaiianers und einer gebürtige Südkoreanerin und wuchs zum Teil in Hawaii auf. Und sie macht aus diesem zweiten Buch, "Lipo-wao-nahele" genannt, eine Suche nach den Ursprüngen ihrer Heimat und eine Anklage gegen den Umgang der USA mit den indigenen Völkern. Dieser Teil spielt 1993. Gestorben wird an AIDS und Krebs. Und der Versuch, inmitten der geschäftstüchtigen Nüchternheit das einstige Naturparadies und Insel-Königreich wieder auferstehen zu lassen, muss wie die Fieberfantasie eines Unzurechnungsfähigen wirken. Man weiß nur: So geht es auch nicht "zum Paradies".

Es ist eine wunderliche, eine wundersame, aber keine wunderbare Trilogie, die Hanya Yanagihara hier in einem einzigen Buch vorgelegt hat. Manches wirkt seltsam klein und eng, anderes groß und wuchtig. Dass sie für die Bilder der Katastrophe, die uns erwartet, die deutlich kräftigeren, ja überzeugenderen Farben findet als für das Schöne, das möglich gewesen wäre, bedrückt. Nein, glücklich kann man mit diesem Buch nicht werden.

(S E R V I C E - Hanya Yanagihara: "Zum Paradies", Aus dem Englischen übersetzt von Stephan Kleiner. Claassen, 896 Seiten, 30,90 Euro)

Quelle: Agenturen