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Salzburger Festspiele starten wieder durch

15. Juli 2022 · Lesedauer 4 min

Ab Montag erschallt wieder der "Jedermann"-Ruf über den Salzburger Domplatz - sollte das Wetter mitspielen. Ansonsten findet das Sterben des reichen Mannes eben im Festspielhaus statt. So oder so: Stellt der "Jedermann" am 18. Juli für die Titelfigur das Ende dar, ist er für die Festspiele traditionell der Startschuss. Diese präsentieren dann bis 31. August wieder zahlreiche Neuinszenierungen - und müssen erstmals ohne ihre langjährige Galionsfigur auskommen.

Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler hat ihr Amt schließlich an Kristina Hammer übergeben, die nun erstmals in neuer Funktion während des Festivals zu erleben sein wird. Gleich geblieben ist indes die hohe Zahl an Karten. Aufgelegt wurden heuer für die 174 Aufführungen 224.933 Tickets in einer Preisspanne zwischen 5 und 455 Euro. Und auch am Softstart in den Festspielsommer, der Ouverture spirituelle, hält man fest. Dieses Einstimmen vor der offiziellen Eröffnung steht heuer unter dem Motto "Sacrificium" und weist Werke wie Arthur Honeggers Oratorium "Jeanne d'Arc au bûcher" auf, wobei hier Irène Jacob die ursprünglich vorgesehenen Isabelle Huppert ersetzt, die aus Termingründen zurückzog.

Sein Erscheinen fix angekündigt hat hingegen der Wahlwiener und Schriftsteller Ilija Trojanow, der am 26. Juli beim Festakt in der Felsenreitschule mit seiner Rede "Der Ton des Krieges, die Tonarten des Friedens" die Ausgabe 2022 offiziell und hochpolitisch einläutet. Dann ist auch endlich die Stunde der großen Inszenierungen gekommen, wobei Intendant Markus Hinterhäuser zumindest im Opernbereich einen gewissen Schwerpunkt auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gelegt hat, stammen doch drei der neu inszenierten Opernwerke aus 1918 bzw. 1921.

Die Ausnahme bildet Carl Orffs Mysterienspiel "De Temporum Fine Comoedia" aus 1971, das als Doppelabend mit Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" in der Felsenreitschule am 26. Juli den Auftakt des Premierenreigens bildet. Während Bildermagier Romeo Castellucci inszeniert, ist nun fix Teodor Currentzis am Pult des Gustav Mahler Jugendorchesters zu erleben, nachdem sich im Vorfeld in den Medien eine Debatte um den Einsatz des greco-russischen Dirigenten angesichts des Angriffskrieges gegen die Ukraine entsponnen hatte. Hinterhäuser verteidigte den 50-Jährigen, der in keiner Weise eine Nähe zum System Putin habe. "Sein ganzes künstlerisches Wirken sehe ich als Gegenmodell", unterstrich der Intendant im APA-Gespräch.

Hinterhäuser steht mithin zu seiner Festspielfamilie, die sich über die Ausgaben unter seiner Ägide hinweg entwickelt hat. Dazu gehört etwa auch Christof Loy, der nach seiner umjubelten "Cosí fan tutte" wieder mit von der Partie ist und am 29. Juli im Festspielhaus Puccinis "Il Trittico" inszeniert, bei dem ihm mit Franz Welser-Möst ein Festspielveteran zur Seite steht. Salzburg-Liebling Asmik Grigorian singt in allen drei Teilen des Werks die Hauptrolle. Und schließlich kehrt nach seinem Festspieldebüt mit Offenbachs "Orphee aux enfers" 2019 Barrie Kosky zurück und inszeniert Leoš Janáčeks "Káťa Kabanová" am 7. August.

Die Treue zu seinen Künstlerinnen und Künstlern stellt Hinterhäuser nicht zuletzt damit unter Beweis, dass er zwei bei ihrer Premiere umstrittene Arbeiten mit Neueinstudierungen eine zweite Chance bietet. So darf Lydia Steier am 30. Juli ihre bei der Festspielhaus-Premiere 2018 kritisierte "Zauberflöte" nun für das kleinere Haus für Mozart redimensionieren, wobei ihr Shootingstar Joana Mallwitz im Orchestergraben zur Seite steht. Und Shirin Neshat bearbeitet ihre aus 2017 stammende "Aida", wenn auch ohne die damalige Titelsängerin Anna Netrebko. Von den Pfingstfestspielen wird schließlich Rolando Villazóns Rossini-Deutung "Il Barbiere Di Siviglia" übernommen, natürlich wieder mit deren künstlerischer Leiterin Cecilia Bartoli.

Neue Festspielgesichter hingegen sind im Schauspiel zu entdecken - wenn man vom weitgehend komplett gebliebenen "Jedermann"-Team um Lars Eidinger und Verena Altenberger in Michael Sturmingers Inszenierung absieht. So sind alle Regiekräfte der Neuproduktionen Festspiel-Debütantinnen und -Debütanten. Auf der Perner-Insel legt der Belgier Ivo van Hove mit der Burgtheater-Koproduktion "Ingolstadt" eine Verschmelzung von Marieluise-Fleißer-Stücken vor (27. Juli), während Yana Ross Schnitzlers "Reigen" (als Koproduktion mit dem Zürcher Schauspielhaus) tags darauf in der Szene Salzburg von zehn zeitgenössischen Autorinnen und Autoren überschreiben lässt.

Und während Theatermacher Thorsten Lensing am 6. August seine Uraufführung "Verrückt nach Trost" in der Universität Mozarteum vorstellt, folgt am 18. August wieder auf der Perner-Insel der von der jungen Polin Ewelina Marciniak versammelte Blick von Autoren wie Euripides, Racine oder Goethe auf die weibliche Antikenfigur der "Iphigenia". Überdies hat Schauspielchefin Bettina Hering, die 2023 ihr letztes Jahr im Amt begehen wird, eine Marathonlesung der "Göttlichen Komödie" angesetzt. Schließlich dient das Dante-Opus-Magnum auch als übergreifendes Motto für die Festspiele 2022 - auch wenn die Welt derzeit nicht viel zu lachen hat.

(S E R V I C E - www.salzburgerfestspiele.at)

Quelle: Agenturen