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Salman Rushdie: Ein Mahner für Freiheit

12. Aug. 2022 · Lesedauer 4 min

Meistererzähler, Provokateur und Ikone der Meinungsfreiheit: Der Schriftsteller Salman Rushdie ist im Jahr der indischen Unabhängigkeit 1947 in der Metropole Mumbai (damals Bombay) als Sohn eines erfolgreichen Geschäftsmanns geboren worden.

1992 wurde Rushdie mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet. Am Freitag wurde der 75-Jährige im US-Staat New York attackiert und am Hals verletzt.

Über das Leben 

Über seine Kindheit in Indien sagte der Autor einmal, sie habe ihn mit einem "Lagerhaus an fantastischen Erzählungen" beschenkt, "wundervolle Geschichten aller Art". Mit 14 Jahren wurde er zum Grenzgänger zwischen den Kulturen, als er auf das englische Eliteinternat Rugby geschickt wurde. Dort musste er die schmerzhafte Erfahrung machen, "nicht nach meinem Charakter, meiner Person beurteilt zu werden, sondern nach meiner Ethnizität", wie er einmal schrieb. Er studierte später Geschichte am King's College in Cambridge.

Migration im Fokus 

Das Thema Migration zieht sich quer durch sein Werk. Rushdie betrachtet sie als große Bereicherung und fühlt sich zunehmend in der Pflicht, das auch zu sagen: "Eine der Sachen, die mich wirklich gefreut hat, war zu lesen, dass die beiden Wissenschafter, die in Deutschland den Pfizer-Impfstoff entwickelt haben, türkische Immigranten waren", sagte Rushdie in einem Interview Anfang Februar im Rahmen des Edinburgh International Book Festival. Das sei "ziemlich schön", befand er.

"Mitternachtskinder" 

Seinen Durchbruch hatte er mit dem Buch "Mitternachtskinder" ("Midnight's Children"), das 1981 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet und seither zwei Mal zum besten Booker-Prize-Gewinner gewählt wurde. Er erzählt darin die Geschichte von der Loslösung Indiens vom Britischen Empire anhand der Lebensgeschichte von Protagonisten, die genau zur Stunde der Unabhängigkeit geboren werden und mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet sind.

Die Folgen der "Satanic Verses" 

Ebenfalls zu großer Bekanntheit, jedoch auf andere Weise, verhalf ihm der Roman "Satanische Verse" ("Satanic Verses"), der von einigen Muslimen als blasphemisch verurteilt wurde. Seinen Höhepunkt fand die Kontroverse, als Irans Revolutionsführer Ayatollah Khomeini ein islamisches Rechtsgutachten erließ, das zur Tötung Rushdies und all derer aufrief, die an der Verbreitung des Buches beteiligt waren. Ein japanischer Übersetzer wurde später tatsächlich getötet. Rushdie musste untertauchen, erhielt Polizeischutz. Als Rushdie der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur zuerkannt wurde, wurde dies nicht kommuniziert. Wegen dessen Sicherheitssituation wurde der Preis erst im Mai 1994 in einer überraschenden Zeremonie an den Autor überreicht.

Fehde mit Le Carré

Als wäre das nicht Sorge genug, lieferte er sich eine jahrelange im Feuilleton des "Guardian" ausgetragene Fehde mit dem inzwischen gestorbenen Autor John Le Carré, der ihm vorwarf, das Unheil selbst über sich gebracht zu haben. Rushdie revanchierte sich unter anderem, indem er Le Carré als Wichtigtuer ("pompous ass") bezeichnete. Später legten die beiden den Streit bei und äußerten Bedauern darüber.

Die Zeit des Versteckens 

Nach Angaben seines Verlags aus dem vergangenen Jahr hat die "Fatwa" des Ayatollahs für Rushdie inzwischen aber längst keine Bedeutung mehr. Er sei nicht mehr eingeschränkt in seiner Bewegungsfreiheit und brauche auch keine Bodyguards mehr. Die Jahre des Versteckens gingen jedoch nicht spurlos an ihm vorüber. Er verarbeitete diese Zeit in der nach seinem Aliasnamen benannten Autobiografie "Joseph Anton" aus dem Jahr 2012.

Gegen Unwahrheiten und Autokratien 

Rushdies Stil wird als Magischer Realismus bezeichnet, in dem sich realistische mit fantastischen Ereignissen verweben. Dennoch sieht er sich unbedingt der Wahrheit verpflichtet. "Die Literatur, welche Technik auch immer sie verwendet, realistisch oder fantastisch, versucht, einem eine Form der Wahrheit über das menschliche Wesen zu vermitteln", erläutert er.

Wahrheit, die er als Konzept zunehmend in Gefahr sieht, steht auch im Zentrum seiner jüngsten Veröffentlichung, einer Sammlung von Essays, die unter dem deutschen Titel "Sprachen der Wahrheit" veröffentlicht wurde. Der seit vielen Jahren in New York lebende Schriftsteller stemmt sich gegen Trumpisten und Corona-Leugner. "Die Wahrheit ist ein Kampf, das ist keine Frage. Und vielleicht noch nie so sehr wie jetzt", sagte er in einem Interview des US-Senders PBS im vergangenen Jahr.

Rushdie veröffentlichte insgesamt mehr als zwei Dutzend Romane, Sachbücher und andere Schriften. Im Jahr 2007 wurde er von der Queen zum Ritter geschlagen.

Jan ForoboskoQuelle: Redaktion / foj