Autor Salman Rushdie nach Attacke auf offener Bühne an Beatmungsgerät

12. Aug. 2022 · Lesedauer 8 min

Schriftstellerikone Salman Rushdie ist bei einer Lesung in den USA von einem 24-jährigen Amerikaner angegriffen und schwer verletzt worden. Rushdie wurde in ein Krankenhaus gebracht, operiert und seinem Manager Andrew Wylie zufolge an ein Beatmungsgerät angeschlossen.

Das Motiv des festgenommenen Mannes aus New Jersey ist laut Polizeiangaben weiterhin unklar. Der Vorfall ereignete sich am Freitag bei einer Lesung im Ort Chautauqua im Westen des US-Staates New York. Rushdie wurde in ein Krankenhaus gebracht, operiert und seinem Manager Andrew Wylie zufolge an ein Beatmungsgerät angeschlossen.

Neue Informationen zu seinem Zustand gab es am Samstag zunächst nicht. Der Polizei zufolge wurde Rushdie mindestens einmal in den Hals und den Bauch gestochen. Der 75-Jährige wurde mit einem Hubschrauber in ein örtliches Krankenhaus gebracht. Er könne nicht sprechen und werde wahrscheinlich ein Auge verlieren, schrieb Wylie nach Angaben der "New York Times". Nervenstränge in seinem Arm seien durchtrennt und seine Leber beschädigt worden. "Die Nachrichten sind nicht gut."

Der bei der Diskussion anwesende Politikprofessor Carl LeVan sagte AFP, der Angreifer sei auf die Bühne gerannt und habe offenbar in Tötungsabsicht "wiederholt und brutal" auf Rushdie eingestochen.

Keine Details zu den Hintergründen

Zu den Hintergründen des Angriffs gab es zunächst keine Details. Der mutmaßliche Angreifer soll aus Fairfield im nahe New York gelegenen Bundesstaat New Jersey stammen und allein gehandelt haben, hieß es von der Polizei. Ob die Messerattacke im Zusammenhang mit der jahrzehntealten Fatwa steht, blieb zunächst offen. Rushdie war vor über 30 Jahren per Fatwa zum Tode verurteilt worden: Wegen seines Werks "Die satanischen Verse" ("Satanic Verses") aus dem Jahr 1988 hatte der damalige iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini das religiöse Rechtsdokument veröffentlicht, das zur Tötung des Autors aufforderte. Khomeini warf Rushdie vor, in seinem Roman den Islam, den Propheten und den Koran beleidigt zu haben.

Die Tat fand bei einer Vorlesung Rushdies in der sogenannten Chautauqua Institution, einem Erziehungs- und Kulturzentrum statt - im Rahmen einer Serie unter dem Titel "Mehr als Schutz" ("More than Shelter"), bei der über die Vereinigten Staaten als Zufluchtsort für Schriftsteller im Exil und über die Verfolgung von Künstlern diskutiert werden sollte.

Nach Darstellung der Polizei stürmte der junge Mann die Bühne der von Hunderten Menschen besuchten Veranstaltung gegen 11.00 Uhr Ortszeit (17.00 Uhr MESZ) und stach auf Rushdie ein. "Mehrere Mitarbeiter der Veranstaltung und Zuschauer stürzten auf den Verdächtigen und brachten ihn zu Boden", sagte ein Sprecher. Ein Polizist habe den 24-Jährigen festgenommen. Unterdessen wurde Rushdie von einem Arzt aus dem Publikum behandelt bis Rettungskräfte eintrafen. Nach Informationen des US-Senders CNN soll das Institut noch zwei Tage zuvor abgelehnt haben, die Sicherheitsvorkehrungen zu erhöhen. Unklar sei aber, ob mit den empfohlenen Maßnahmen das Attentat auf Rushdie habe verhindert werden können, schrieb der Sender.

Die "New York Times" zitierte eine Zeugin: "Es gab nur einen Angreifer. Er war schwarz gekleidet. Er hatte ein loses schwarzes Kleidungsstück an. Er rannte blitzschnell auf ihn zu." Ein Reporter der US-Nachrichtenagentur Associated Press berichtete, der Angreifer habe zehn bis 15 Mal auf Rushdie eingeschlagen oder gestochen. Der ebenfalls angegriffene Interviewer erlitt nach Polizeiangaben eine Kopfverletzung. Er konnte das Krankenhaus aber zwischenzeitlich wieder verlassen.

Ayatollah rief zu Tötungen auf 

Das islamische Rechtsgutachten des Ayatollahs rief damals nicht nur zur Tötung Rushdies auf, sondern auch all derer, die an der Verbreitung des Buches beteiligt waren. Seitdem lebte Rushdie in ständiger Todesgefahr an wechselnden Orten, unter falschem Namen und unter Polizeischutz. Die Lage entspannte sich erst in den späten 1990er Jahren. Aber der Tötungsaufruf gegen Rushdie wurde nie aufgehoben. Mehrere Übersetzer seiner Werke wurden bei Angriffen verletzt oder sogar getötet, wie der 1991 ermordete Japaner Hitoshi Igarashi. Drohungen gegen Veranstaltungen mit Rushdie gab es weiter.

Nach Angaben seines Verlags aus dem vergangenen Jahr hätte die Fatwa für Rushdie inzwischen aber längst keine Bedeutung mehr. Er sei nicht mehr eingeschränkt in seiner Bewegungsfreiheit und brauche auch keine Bodyguards mehr. Er lebte zuletzt wieder ein weitgehend normales Leben in New York. Die Jahre des Versteckens gingen jedoch nicht spurlos an ihm vorüber. Er verarbeitete diese Zeit in der nach seinem Aliasnamen benannten Autobiografie "Joseph Anton" aus dem Jahr 2012.

Vor wenigen Tagen noch hatte Rushdie dem Hamburger Nachrichtenmagazin "stern" gesagt, dass er sich in den USA sicher fühle. "Das ist lange her", sagte Rushdie im Interview mit Korrespondent Raphael Geiger Ende Juli auf die Frage, ob er noch immer um sein Leben bange. "Für einige Jahre war es ernst", sagte Rushdie weiter. "Aber seit ich in Amerika lebe, hatte ich keine Probleme mehr." Der Autor habe dabei aber auch vor dem politischen Klima und möglicher Gewalt in den USA gewarnt: Das Schlimme sei, "dass Morddrohungen alltäglich geworden sind".

Weltweites Bestürzen

Die Tat löste weltweit Entsetzen aus. Der US-Senator und Mehrheitsführer der Demokraten im Senat, Chuck Schumer, schrieb auf Twitter, die Tat sei ein "Angriff auf die Rede- und Gedankenfreiheit. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schrieb, Rushdie sei von "Hass und Barbarei" getroffen worden.

Der scheidende britische Premierminister Boris Johnson zeigte sich "entsetzt". Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling und Bestseller-Autor Stephen King drückten ebenfalls ihre Bestürzung aus und schrieben, sie hofften, es gehe Rushdie gut. Der US-amerikanische Autorenverband PEN America zeigte sich schockiert über den Angriff auf seinen ehemaligen Präsidenten. Rushdie werde seit Jahrzehnten wegen seiner Worte angegriffen, aber er habe sich nie beirren lassen und nie gezögert, schrieb die Vorsitzende Suzanne Nossel in einem Statement.

UN-Generalsekretär und US-Regierung entsetzt

Die US-Regierung und UN-Generalsekretär António Guterres haben mit Entsetzen auf den Angriff auf den Schriftsteller Salman Rushdie reagiert. Die USA und die Welt seien Zeugen eines "verwerflichen Angriffs" geworden, erklärte der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, am späten Freitagabend (Ortszeit). "Diese Gewalttat ist entsetzlich."

"In keinem Fall ist Gewalt eine Antwort auf Worte, die von anderen in Ausübung ihrer Meinungs- und Ausdrucksfreiheit gesprochen oder geschrieben wurden", teilte Guterres' Sprecher Stephane Dujarric am Freitagabend (Ortszeit) mit. Der UN-Generalsekretär wünsche Rushdie baldige Genesung.

Freude in Irans Medien

In iranischen Medien ist der Messerangriff auf den mit dem Roman "Die satanischen Verse" weltbekannt gewordenen Schriftsteller Rushdie hingegen begrüßt worden. In der regierungsnahen Zeitung "Kayhan", deren Chefredakteur vom weltlichen und geistlichen Oberhaupt des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, ernannt wird, hieß es am Samstag: "Tausend Bravos (...) für die mutige und pflichtbewusste Person, die den abtrünnigen und bösen Salman Rushdie in New York angegriffen hat". Weiter hieß es: "Die Hand des Mannes, der dem Feind Gottes den Hals umgedreht hat, muss geküsst werden."

Die Schlagzeile der Hardliner-Zeitung "Vatan Emrooz" lautete: "Messer im Nacken von Salman Rushdie". Die Zeitung "Khorasan" brachte die Schlagzeile: "Satan auf dem Weg zur Hölle". Die Nachrichtenseite Asr Iran veröffentlichte ein Zitat von Khamenei, in dem es heißt, der vom ehemaligen iranischen Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Khomeini abgeschossene "Pfeil" werde eines Tages das Ziel treffen. Von der Führung in Teheran lag noch keine Stellungnahme vor.

Französische Satirezeitung "Charlie Hebdo" verurteilt Rushdie-Angriff

Die französische Satirezeitung "Charlie Hebdo" hat den Angriff auf den Schriftsteller Salman Rushdie scharf verurteilt. "Nichts rechtfertigt eine Fatwa, ein Todesurteil", schrieb die Zeitung am Samstag in ihrer Internet-Ausgabe mit Blick auf den Mordaufruf des iranischen Ayatollah Khomeini gegen Rushdie von vor mehr als 30 Jahren wegen angeblicher Beleidigung des Propheten.

"Während wir dies schreiben, kennen wir die Motive des Angreifers nicht", erklärte "Charlie Hebdo", das 2015 zum Ziel eines islamistischen Anschlags in Paris geworden war, nachdem das Blatt mit der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen weltweit Empörung bei strenggläubigen Muslimen ausgelöst hatte. In seiner gewohnt ironisch-satirischen Art spekulierte die Zeitung darüber, ob der Täter wegen der globalen Erwärmung oder der schwindenden Kaufkraft aufgebracht gewesen sei - oder wegen "des Verbots, aufgrund der Hitzewelle seine Topfpflanzen zu gießen".

Rushdie hatte sich 2015 hinter die Satirezeitung gestellt, nachdem Islamisten die Redaktion gestürmt und zwölf Menschen getötet hatten. Redaktionsleiter Laurent Sourisseau unter seinem Künstlernamen Riss - einer der wenigen Überlebenden des Anschlags - schrieb nun, dass der Angreifer vermutlich praktizierender Muslim gewesen sei und dass er seine Tat vermutlich im Namen der Fatwa ausgeführt habe. Riss hob hervor, dass "Gedanken- und Meinungsfreiheit" in Religionen und insbesondere im Islam keinen Platz hätten. Mit Blick auf die Fatwa sprach er von "kleinen und mittelmäßigen spirituellen Anführern, die intellektuell unfähig und kulturell oft völlig unwissend" seien.

Spannendes Leben 

Geboren wurde Rushie im Jahr der indischen Unabhängigkeit 1947 in der Metropole Mumbai (damals Bombay). Er studierte später Geschichte am King's College in Cambridge. Seinen Durchbruch als Autor hatte er mit dem Buch "Mitternachtskinder" ("Midnight's Children"), das 1981 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet wurde.

Gegen Unwahrheiten und Autokratie 

Rushdie veröffentlichte mehr als zwei Dutzend Romane, Sachbücher und andere Schriften. Sein Stil wird als Magischer Realismus bezeichnet, in dem sich realistische mit fantastischen Ereignissen verweben. Dennoch sieht er sich unbedingt der Wahrheit verpflichtet. Diese sieht er zunehmend in Gefahr, was auch im Zentrum seiner jüngst veröffentlichten Essays steht, die in Deutschland unter dem Titel "Sprachen der Wahrheit" herauskamen. Der seit vielen Jahren in New York lebende Schriftsteller stemmt sich darin gegen Trumpisten und Corona-Leugner. "Die Wahrheit ist ein Kampf, das ist keine Frage. Und vielleicht noch nie so sehr wie jetzt", sagte er in einem Interview des US-Senders PBS im vergangenen Jahr.

Quelle: Agenturen / Redaktion / ddj