APA - Austria Presse Agentur

"Rough And Rowdy Ways": Bob Dylans neues Meisterwerk

Juni 16, 2020 · Lesedauer 4 min

"Rough And Rowdy Ways" hat Bob Dylan sein am Freitag erscheinendes Album betitelt. Auf seiner ersten Veröffentlichung eigener neuer Songs seit acht Jahren geht es tatsächlich mitunter wild zu. Als "brutales Pulp-Noir Meisterwerk" bezeichnete ein Kritiker der "Chicago Times" die Produktion. Allerdings hat Dylans 39. Studio-Opus auch viel Schönheit zu bieten. An Rätseln mangelt es ebenfalls nicht.

79 ist Dylan am 24. Mai geworden. Spätestens mit dem Album "Time Out Of Mind" (1997) war Sir Bob nach für ihn eher glücklosen und durchwachsenen 80er-Jahren ein imposantes Comeback gelungen, dem grandiose Alterswerke folgten. Aber auch "Rough And Rowdy Ways" ist eine Art Comeback, schließlich brachte der 2016 zum Literatur-Nobelpreisträger gekürte Künstler zuletzt drei Tonträger mit Interpretationen von Standards aus dem "großen amerikanischen Songbook" heraus - darunter sogar eine dreifach LP ("Triplicate"/2017) mit Coverversionen wie "Stormy Weather" und "Stardust".

Dann kam der 27. März 2020 und Dylan überraschte seine Fans mitten im Corona-Lockdown mit dem Track "Murder Most Foul". Nicht nur, dass der Song quasi aus dem Nichts kam, erwies sich die 17-Minuten-Nummer (die nun auf der Doppel-CD die ganze zweite Silberscheibe einnimmt) als Opus Magnum im späten Schaffen des Musikers. Dylans bisher längster Song, eine Art Lamento, schildert zunächst das Attentat auf J.F. Kennedy aus mehreren Perspektiven, taucht dann tief in die Gegenkultur ein und wird zum Requiem für den amerikanischen Traum.

Der eine Woche später veröffentlichte Song "I Contain Multitudes" hält dieses Niveau und eröffnet nun "Rough And Rowdy Ways". Allein mit dem Opener und dem überlangen Schlussstück demonstriert Dylan eindrucksvoll, warum er den Nobelpreis zugesprochen bekam. Man müsse wie bei einem Gemälde etwas Abstand beim Betrachten einnehmen, um den Zusammenhang zu erkennen, ließ der Amerikaner im einzigen Interview zur Veröffentlichung gegenüber der "New York Times" wissen. Seine Worte sind in der Tat exakte Pinselstriche, die sich poetisch brillant - manchmal bissig, manchmal humorvoll, stets abgeklärt - zu Texten zusammenfügen, die viel Raum für Interpretationen und Spekulationen zulassen.

In "My Own Version Of You" durchstreift der Erzähler in bester Frankenstein-Manier Leichenhallen auf der Suche nach Körperteilen. Am Ende mischt er "Scarface Pacino and the Godfather Brando" (das Album strotzt übrigens vor Name-Dropping) und wenn er es richtig macht, werde er von der erschaffenen Kreatur errettet, croont Dylan. Es wäre zu einfach, die schwingende, wunderschön stimmig instrumentierte und gesungene Ballade auf ein reines Horrorepos zu reduzieren. So wie der Old-School-Blues "Goodbye Jimmy Reed" mehr als ein Tribut an die genannten Mississippi-Blues-Ikone ist. Es gibt viel zu entdeckten, auch über Dylan selbst.

Stilistisch treffen auf dem Album Blues, Prä-Rock-And-Roll-Pop und -R&B, Gospel und frühes Americana auf epische Stücke wie "Key West (Philosopher Pirate)", "eine Art kondensierte Bilanz der westlichen Kultur, abgehört auf einem Piratensender", wie die "Frankfurter Allgemeine" analysierte. In "Mother Of Muses" ruft der Barde mit einer 79-jährigen, viel belasteten Stimme, die hier noch extra mit grobem Schmirgelpapier fest abgerieben worden zu sein scheint, seine Inspiration an.

Apropos Stimme: Die passt perfekt zu räudigen Blues-Krachern ("False Prophet"), und dort, wo es in Tonlagen knarzt und knirscht, wie im Schunkelschmuselied "I've Made Up My Mind To Give Myself To You" kommt die kongeniale Band mit feinfühligen Klängen zu Hilfe. Nicht nur "rough and rowdy" (so droht der Ich-Erzähler an einer Stelle einem Typen, ihm mit einem Schwert den Arm abzuschlagen), auch düster darf's mitunter sein: "Black Rider" hört man am besten zu fortgeschrittener Nachtstunde.

Von Wolfgang Hauptmann/APA

INFO: www.bobdylan.com

Quelle: Agenturen