Retro-KI im Sitcom-Gewand: "SOPHIA" in den Kammerspielen
Eigentlich klingt es wie eine Episode "Black Mirror". Doch statt mit trockener Science-Fiction verarbeitet "SOPHIA" die Schattenseiten moderner Technik mit Situationskomik im Wohnzimmer. Weil es in der Ehe von Professor Wolfgang (Joseph Lorenz) nicht mehr rund läuft, soll die per Agentur bestellte Roboterdame Sophia (Silvia Meisterle) das Leben des Geisteswissenschafters wieder auf die Reihe bringen. Nur Tochter Helena (Alma Hasun) ist das zum Geburtstag des Vaters nicht geheuer, als sie den Schwiegersohn in spe (Nils Arztmann) vorstellen will.
Häufig nimmt in Amélie Niermeyers Inszenierung die titelgebende Sophia die Bühne für sich ein. Meisterle spielt sichtlich motiviert wie eine lebendig gewordene Alexa-Sprachassistentin, die mit guter Miene Wikipedia-Floskeln plappert und maschinenartig über die Bühne stolpert, bevor sie im zweiten Akt den melancholischen Roboter gibt. In den Dialogen verleiht aber oft der abgehobene Professor den Szenen den nötigen Schwung. Zumal der Vater besonders mit dem nerdigen Schwiegersohn harmoniert, der besessen von der neuen Cyborg-Gemahlin ist. Lediglich die Tochter passt nicht ganz ins Gesamtbild. Zwischen den beiden Nerds soll die vom Roboter-Chaos überforderte Helena wohl einen Anker für das Publikum darstellen. Ihre Wutausbrüche und Verdutztheit gehen in der Dynamik der übrigen Figuren aber nicht auf.
Riesige Schenkelklopfer sind rar, aber eine hohe Dichte an gut abgestimmten Pointen gleicht das relativ locker aus. Allerdings ruht sich das Skript dabei oft auf bewährten Sitcom-Elementen aus. Es bietet zwar einen Haufen an Informatik-Gags und Albernheiten mit Sophias Roboterfähigkeiten. Daneben müssen trotzdem altbekannte Klischees aushelfen, wie der Vater, der über die Liebschaften der Tochter herzieht oder mit der Baby-Frage ankommt. Das funktioniert dank soliden Darstellern und gutem Timing, vernachlässigt aber den Science-Fiction-Rahmen.
Retro-KI im Sitcom-Gewand
Wenn Sophia auf Befehl brav in die Küche dackelt, hat das außerdem mehr von Retro-Futurismus als moderner KI - inklusive Piepstönen wie aus alten Folgen "Star Trek". Ein lebendiges Allzweckwerkzeug wie Sophia ist auch heute unterhaltsam. Allerdings hat das Genre, seit vor knapp 100 Jahren Fritz Langs erste Androidin auf den Leinwänden erwachte, bereits neue Maßstäbe gesetzt. Man denke an das Oscar-prämierte "Her" (2013), das fast prophetisch realistische Chatbot-Lebensgefährten beschwor. Dagegen wirkt "SOPHIA" überholt.
Das Stück regt - auch mit den Witzen - gelegentlich durchaus zum Nachdenken über moderne Technik an. Selbst wenn es nur darum geht, was es bedeuten mag, unsere Einkäufe zu automatisieren. Nur die großen Fragen, etwa nach Maschinenbewusstsein, fühlen sich teils mit dem Holzhammer ins Skript geklopft an. Eine kurzweilige Roboter-Komödie muss keine Philosophie-Stunde sein. Die Bewerbung von "SOPHIA" macht dieses Fass aber selbst auf. Wer daher eine gewichtige Androiden-Geschichte sucht, wie bei Klassikern etwa von Philip K. Dick, die das Stück selbst nennt, wird an diesem Abend nur bedingt fündig.
(Von Klaus Kainz/APA)
(S E R V I C E - "SOPHIA oder Das Ende der Humanisten" von Moritz Rinke in den Kammerspielen der Josefstadt. Regie: Amélie Niermeyer, Bühne: Christian Schmidt, Kostüme: Stefanie Seitz. Mit Silvia Meisterle, Joseph Lorenz, Alma Hasun, Nils Arztmann. Nächste Vorstellungen: 27.2., 3., 4., 14.-16.3., www.josefstadt.org)
Zusammenfassung
- Das Stück 'SOPHIA oder Das Ende der Humanisten' von Moritz Rinke feierte am Donnerstag seine Uraufführung in den Kammerspielen des Theaters in der Josefstadt und setzt das Thema künstliche Intelligenz humorvoll im Sitcom-Stil um.
- Im Mittelpunkt steht der Professor Wolfgang, dessen Ehekrise durch die Roboterfrau Sophia gelöst werden soll, wobei klassische Informatik-Gags und Retro-Elemente dominieren und aktuelle KI-Diskussionen eher oberflächlich bleiben.
- Die nächsten Vorstellungen finden am 27.2., 3., 4. und 14.-16.3. statt, mit Silvia Meisterle als Sophia, Joseph Lorenz als Professor Wolfgang sowie Alma Hasun und Nils Arztmann.
