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Neujahrskonzert: Welser-Möst polierte das Familiensilber

01. Jan. 2023 · Lesedauer 5 min

Am Ende konnte Franz Welser-Möst das fast vergessene Familiensilber der Strauß-Dynastie im Goldenen Saal des Musikverein mit philharmonischer Politur ungestört zum Funkeln bringen. Sechs Klimaaktivisten der Letzten Generation wurden von der Polizei in der Pause des Neujahrskonzerts 2023 angehalten, bevor sie etwaige Protestaktionen starten konnten. Eine Unterbrechung des musikalischen, in alle Welt ausgestrahlten Großereignisses wurde damit verhindert.

Die sechs Aktivisten im Alter zwischen 26 und 67 Jahren seien zum Teil noch vor dem Betreten des Saales wiedererkannt und angehalten worden, so die Landespolizeidirektion Wien. "Durch das konsequente und professionelle Einschreiten konnte das Neujahrskonzert, ein Kulturereignis von Weltrang, wie geplant stattfinden", freute sich Innenminister Gerhard Karner (ÖVP).

Der Premierenreigen der Wiener Philharmoniker zum Jahresauftakt lief mithin wie am Schnürchen. Dafür hatte sich Welser-Möst, der das Konzert heuer bereits zum dritten Mal leitete, im Notenarchiv der Walzer und Polkas der Familie Strauß und ihrer Zeitgenossen gestöbert. Als Ergebnis feierten mit Ausnahme der Pflichtzugaben "Donauwalzer" und "Radetzkymarsch" sowie des "Aquarellen"-Walzers sämtliche Stücke des Neujahrsmorgen ihr Neujahrskonzertdebüt.

Das Wagnis, auf viel geliebte Ohrwürmer des Wiener Ballrepertoires zu verzichten, war allerdings nur eines auf den ersten Blick. Denn der Charakter des bekanntesten Klassikkonzerts der Welt wird auch durch ein neues Programm nicht verändert - das gibt Zeugnis von der engen Verwandtschaft des Repertoires, bei dem einzelne Werke der Sträuße, der Hellmesbergers, Ziehrers und Suppès vor allem verschiedene elegante Silhouetten sind, geformt aus demselben musikalischen Stoff.

Wer diesen Stoff anzugreifen weiß, der lässt mit Prunk und Geschmeidigkeit, mit höfischer Galanterie und vorstädtischer Ausgelassenheit, mit Marsch-Bläserei und Walzerschwelgen des späteren 19. Jahrhunderts pünktlich zu jedem neuen Jahr das Goldene Wien in die Welt grüßen. Franz Welser-Möst, genauer Kenner des philharmonischen Pouvoirs, geht mit kapellmeisterlicher Musizierfreude ans Werk, lässt das "Prosit" aufmüpfig klingen schon mit den ersten Takten von Eduard Strauß' "Wer tanzt mit?"-Polka, als Einstand einer endlich zurückkehrenden Wiener Ballsaison. Manch "neues" Werk klingt wohlbekannt, etwa die "Zigeunerbaron-Quadrille" mit zahlreichen Motiven aus Johann Strauß' bekannter Operette, bei anderen scheint es seltsam, dass sie nicht zum Standard zählen - etwa die zärtlich-mutige Walzerromanze "Perlen der Liebe", die Josef Strauß seiner Frau zur Hochzeit komponierte.

Welser-Möst ist Perfektionist der großen Form, und begibt sich auch hier nicht ins Revueterritorium. Die Preziosen, die er aus dem Archiv geborgen hat, lässt er als großes Ganzes auftreten, arrangiert sie gleichsam zur Oper mit stets durchscheinendem Spannungsbogen. Besonderen Wert legt er dabei auf das anspruchsvollere Œuvre von Josef Strauß, dessen kühne Instrumentierung er intensiv ausleuchten lässt und der allein mehr als die Hälfte des gesamten Konzertprogramms komponierte. Seine "Heiterer Muth"-Polka française wurde von Gerald Wirth für Oberstimmenchor arrangiert - und so traten an Neujahr erstmals neben den Wiener Sängerknaben auch die Wiener Chormädchen auf den Orgelbalkon. Den musikalischen Höhepunkt - vom "Donauwalzer" abgesehen, der standesgemäß immer Höhepunkt ist - bildet das wahrscheinlich untypischste Stück für den Anlass, ein "Allegro fantastique" als fulminante Orchesterfantasie. Uraufgeführt wurde es übrigens 1861 im Casino Dommayer, dessen Besitzer Vorfahren von Franz Welser-Möst waren.

Erschienen war dabei wieder die Prominenz des Landes, von Bundespräsident Alexander Van der Bellen abwärts. Dieser hatte heuer neben seiner Gattin Doris die Rot-Kreuz-Betreuerin Sophia Triebnig und die geflüchtete Ukrainerin Olena Karpova als Ehrengäste geladen. Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) empfing den bulgarischen Präsidenten Rumen Radev, während Europaministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) ihr griechisches Pendant Miltiadis Varvitsiotis als offiziellen Gast an ihrer Seite hatte.

Während im Musikverein erstmals wieder Neujahr ohne Coronabeschränkungen vonstatten gehen konnte, wurde das Konzertereignis freilich auch in knapp 100 Länder weltweit via Fernsehübertragung gebracht. 15 ORF-Kameras waren im Goldenen am Werk, der von den Wiener Stadtgärten zum Blumenmeer verwandelt wurde. Für die TV-Regie zeichnete zum siebenten Mal Michael Beyer verantwortlich, wobei Teresa Vogl ihr Debüt als ORF-Kommentatorin in Nachfolge von Barbara Rett feierte. Der Pausenfilm von Barbara Weissenbeck und Nicholas Pöschl widmete sich indes dem Jubiläum der Wiener Weltausstellung von 1873. Und gleich dreimal während des Konzerts durften die Fernsehzuschauer sich an Balletteinlagen erfreuen, deren Choreografien zum dritten Mal Ashley Page beisteuerte. Die Tänzer wurden bei "Perlen der Liebe" im Rokokoschloss Laxenburg und seiner Parkanlage gefilmt, als Schauplatz für "Auf und davon" diente der Gartenpavillon von Stift Melk, und in den teilweise nicht öffentlich zugänglichen Innenräumen des Stifts spielte die dritte Tanzeinlage, die passend zur Location tatsächlich "An der schönen blauen Donau" zu sehen war.

Zum Konzertende wurde dann - abseits der Bühne - bereits das bestgehütete musikalische Neujahrsgeheimnis gelüftet: Am 1. Jänner 2024 wird der deutsche Dirigent Christian Thielemann am Neujahrspult stehen, zum zweiten Mal nach seinem Debüt 2019.

(S E R V I C E - www.wienerphilharmoniker.at/neujahrskonzert)

Quelle: Agenturen