"Israel. Was geht mich das an?"

Neuerscheinung: "Israel. Was geht mich das an?" - 15 Autoren antworten

04. Nov. 2022 · Lesedauer 4 min

Als "massiv" bezeichnet der langjährige Israel-Korrespondent Ben Segenreich das internationale Interesse an Israel. Gleichzeitig geht das Land "wohl alle etwas an", betont der Journalist Stefan Kaltenbrunner, der gemeinsam mit dem Kolumnisten und Stahlindustriellen Erwin Javor das Buch "Israel. Was geht mich das an?" herausgegeben hat.

15 Autorinnen und Autoren beschreiben darin ihre persönliche Sicht auf den Nahost-Staat. Die Anthologie wird am Samstag in Wien präsentiert.

Wolf Biermann kommt in dem Werk zu Wort, ebenso wie Robert Schindel, Doron Rabinovici, Julya Rabinowich, Danielle Spera und Peter Huemer. Beigetragen haben auch Harry Bergmann, Jaron Engelmayer, Mirna Funk, Charles Lewinsky, Ahmad Mansour, Esther Schapira, Joshua Sobol sowie Christian Ultsch. Die Autoren mit den unterschiedlichsten Biografien beleuchten die politischen, historischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge auf verschiedene Art und Weise: literarisch, persönlich, journalistisch, emotional, wissenschaftlich fundiert. Die Beiträge warnen auch vor einem neuen Antisemitismus, der immer salonfähiger zu werden scheint.

"Nichts ist stabiler als Judenhass"

Die deutsche Schriftstellerin und Journalistin Mirna Funk etwa geht auf den neuen "extrem freshen" Antizionismus mit angesagten Social-Media-Begriffen auf Plattformen wie Tiktok und Instagram ein. "Dieser coole Antizionismus ist nichts weiter als eine Folgeform des Antisemitismus, der wiederum aus dem Antijudaismus entstand und 2.000 Jahre alt ist. Nichts ist stabiler als Judenhass. Deswegen geht er auch nicht weg. Er ist gekommen, um zu bleiben."

Buch-Covermena-watch

"Beim Thema Israel scheinen einige Menschen eine so fixierte Meinung zu haben, dass die Toleranz für Ambiguität auf der Strecke bleibt", meint der deutsch-israelische Psychologe Ahmad Mansour, der eindrücklich seine eigene Einsicht in Sachen Antisemitismus beschreibt. Erst nach seiner Ankunft in Deutschland habe der gebürtige arabische Israeli die israelische Sicht verstanden, so Mansour: "Der Wunsch der jüdischen Israelis, in Sicherheit und selbstbestimmt zu leben, die Angst vor einer erneuten Vernichtung, die leider nicht unbegründet ist, treibt die Gesellschaft seit ihrer Gründung um und an."

Ungerechtigkeit und Doppelstandards

Kritik an der israelischen Regierungspolitik und ihrem Umgang mit der arabischen Minderheit und der palästinensischen Bevölkerung sei legitim, werde jedoch oft missverstanden, geht die deutsche Journalistin Esther Schapira mit Israel-Kritikern hart ins Gericht: "Die Verweigerung der Empathie für ein Volk und sein Land, das von Anfang an um sein Überleben kämpfen musste und das noch nie erlebt hat, was für die meisten der Kritiker und Kritikerinnen selbstverständlich ist, dass es zwar Nachbarschaftskonflikte, vielleicht sogar Bürgerkriege gibt, dass die pure Existenz des Staates aber nicht infrage gestellt wird, lässt mich immer wieder zur Staatsanwältin Israels werden, die wütend die Ungerechtigkeit und Doppelstandards anklagt, mit denen dem jüdischen Staat ein ums andere Mal kurzer Prozess gemacht wird."

Mehrere Autoren streichen die unterschiedliche Beurteilung Israels durch einige internationale Organisationen hervor. Der UNO-Menschenrechtsrat (UNHCR) etwa verurteilte Israel von 2006 bis 2021 öfter als alle anderen Staaten der Welt zusammengenommen, betont Segenreich. "Demnach würde also das winzige Israel Jahr für Jahr im Alleingang öfter die Menschenrechte verletzen als Nordkorea, China, der Iran, Syrien, Weißrussland, Russland und alle anderen mehr oder weniger schurkischen Staaten im Teamwork!"

Präsentation in Wien

Dass Österreich seit der Regierungszeit von Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz hier einen proisraelischeren Kurs fährt, berichtet der Journalist Christian Ultsch. Sehr persönlich sind die Texte der früheren Journalistin und Museumsdirektorin Danielle Spera sowie der Schriftsteller Doron Rabinovici und Robert Schindel. Grandios erzählt Julya Rabinowich von ihrer Beziehung zu ihrer Cousine, die sich entschlossen hat, in Israel zu leben. Der Werbefachmann und Autor Harry Bergmann scheint beim Schreiben seines Beitrags sogar Frieden mit seinem Vater gefunden zu haben, dem er "immer wieder zum Vorwurf" gemacht hatte, mit seiner Familie die Heimat Israel zu verlassen, "um ausgerechnet dorthin zurückzugehen, wo jüdisches Leben ausgelöscht wurde und sich der Antisemitismus auch weiterhin als offensichtlich chronisches und vererbbares Leiden festgenistet hatte".

Der Wiener Oberrabbiner Jaron Engelmayer widmet sich der religiösen Bedeutung des Landes Israel, während der Journalist Peter Huemer und der Dramatiker Joshua Sobol sich mit der Geschichte befassen. Sobol verweist darauf, dass 200.000 Juden 1938 in Österreich gelebt hatten. 130.000 konnten rechtzeitig flüchten, rund 10.000 nach Palästina. 65.000 starben in Vernichtungslagern. Und Sobol betont: "Was geht mich Israel an? Genau diese Geschichte".

Ein vielschichtiges, abwechslungsreiches und lesenswertes Buch, das am 5. September 2022 um 19 Uhr im Stadttheater Walfischgasse in Wien präsentiert wird. 

Hinweis: Stefan Kaltenbrunner ist PULS 24-Chefredakteur.

Quelle: Agenturen