APA - Austria Presse Agentur

Milo Rau schreibt das Evangelium online neu

16. Dez 2020 · Lesedauer 3 min

Es ist wohl kein unzulässiger Superlativ, wenn man Milo Rau als den innovativsten Regisseur Europas bezeichnet, der stets auf der Suche nach neuen Ansätzen, Formaten, Zugängen ist und dort Innovatives auf die Beine stellt, wo es viele andere bei blumigen Absichtserklärungen belassen. Nicht anders ist das beim jüngsten Projekt des Regisseurs, dem Film "Das neue Evangelium". Dieser ist ein Passionsspiel des 21. Jahrhunderts. Drunter macht es der 43-Jährige nicht mehr.

Weitgehend mit dem Laienensemble aus dem vorherigen Projekt "Kongo-Tribunal" arbeitend, changiert "Das neue Evangelium" erneut zwischen Dokumentararbeit und Spielfilm. Rau gelingt es, die biblischen Gleichungen vom Staub der Geschichte und des wohlfeilen Kitsches zu befreien und stattdessen die Grundfragen der Menschheit in Hinsicht auf Gerechtigkeit, Mitmenschlichkeit und Solidarität wirklich ins Heute zu transferieren.

Ironischerweise hat Rau seinen Film in Matera gedreht - der damaligen Kulturhauptstadt Europas, die auch den Auftrag für das Projekt vergab. Matera ist aber auch jene süditalienische Stadt, die bereits für die Bibelepen von Pasolini und Gibson als Hintergrund diente. Und auch in der Bildsprache erinnert Rau mit seinem Kameramann Thomas Eirich-Schneider an Pasolinis Großaufnahmen von Gesichtern im Stile des Neorealismus als Treiber der Geschichte. Dieser cineastische Bezug wird noch dadurch unterstrichen, dass er Schauspieler und Schauspielerinnen aus den legendären Arbeiten der Vorgänger verpflichtet hat, so etwa Pasolinis Jesus-Darsteller Enrique Irazoqui als Johannes der Täufer oder Mel Gibsons Maria, Maia Morgenstern.

Vor allem dominiert aber einer "Das neue Evangelium": der dunkelhäutige Aktivist und einstige Streikführer Yvan Sagnet als Jesus. Der gebürtige Kameruner ist ein Menschenfischer im positiven Sinne, der mit seinen Anhängern, vulgo Jüngern respektive Jüngerinnen, sowie den ebenfalls unter Ausbeutung leidenden Kleinbauern die "Revolte der Würde" ausrufen. Wie vor 2.000 Jahren wird auch hier die herrschende Weltordnung infrage gestellt. Statt im Tempel wütet Jesus nun im Supermarkt und zerstört die Discounttomaten als Sinnbild der Ausbeutung. Schließlich schuften heute rund um Matera Migranten als miserabel bezahlte Arbeiter ohne Rechte auf den Feldern, die neben den Flüchtlingslagern für die Gestrandete liegen. Es ist ein Aufstand der Würde oder besser des Kampfes darum.

Nach der Weltpremiere in Venedig hätte der Film nun eigentlich in die heimischen Kinos kommen sollen - was, wie so vieles, Corona verhinderte. Aber Milo Rau wäre nicht Milo Rau, wenn er seinen Film im Pauschalabo bei Netflix, Amazon Prime oder Disney+ verheizen würde. Stattdessen verbindet der Filmemacher den digitalen Start seines Werkes mit einer Unterstützung der darbenden Kinobranche. So wird "Das neue Evangelium" ab dem morgigen Donnerstag (17. Dezember) in Deutschland und Österreich unter www.dasneueevangelium.de digital gestartet. 9,99 Euro kostet ein Streamingzugang, wobei 30 Prozent der Erlöse an ein Kino der Wahl gehen. Im Falle von Österreich wäre dies das Wiener Filmcasino.

(S E R V I C E - https://dasneueevangelium.de)

Quelle: Agenturen