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Mietshaus als Erzähler: Der Roman "Engel des Verschwindens"

13. März 2026 · Lesedauer 6 min

"Wisst ihr überhaupt, welches Glück ihr habt, in so einer Stadt zu leben?" Zwei Monate hat der kroatische Autor Slobodan Šnajder in einer Gastwohnung des Museumsquartiers verbracht und ist voll des Lobes über die Stadtverwaltung, den Öffentlichen Verkehr und das Kulturangebot von Wien. Hier hat er an einem großen Roman gearbeitet, der das Schlussstück einer Trilogie werden soll. Das Mittelstück stellt er am Dienstag in der Alten Schmiede vor: "Engel des Verschwindens".

2019 ist sein Roman "Die Reparatur der Welt" auf Deutsch erschienen, ein europäischer Epochenroman, der im Schwabenland beginnt, donauabwärts führt, seine dramatische Haupthandlung im kriegsverwüsteten Polen entfaltet und in Zagreb endet. Im Zentrum steht das Glück, das dazu gehörte, dass seine Eltern - ein in Slawonien lebender "Volksdeutscher", der sich als "Zwangsfreiwilliger" zur Waffen-SS melden musste, und eine junge Partisanenführerin - in den Katastrophen des Zweiten Weltkriegs zusammenfanden, damit er 1947 in Zagreb gezeugt werden konnte. Als Ungeborener kommentiert er im Buch gelegentlich den Fortgang der Ereignisse.

In "Engel des Verschwindens" setzt er ebenfalls auf einen ungewöhnlichen Erzähler: Ein altes Mietshaus im Zentrum von Zagreb kann sich nur wundern, was die Menschen in ihm so treiben. "Das Haus ist lebendig und klug", sagt der Autor, der es an der Ilica, einer der längsten und geschichtsträchtigsten Straßen der kroatischen Hauptstadt, platziert hat und versichert, man könne seinen Roman auch als Reiseführer verwenden. Das gilt auch für das ehemalige Sanatorium in Brestovac nördlich von Zagreb, das heute als Geheimtipp für Liebhaber von Lost Places gilt: "Brestovac ist unser Zauberberg."

Vor allem aber ist "Engel des Verschwindens" ein Geschichts- und Geschichtenbuch, das mit drei Zeitschnitten operiert. 1941 arrangiert man sich mit der Okkupation durch NS-Deutschland, 1945 ziehen die Partisanen als Befreier in der Stadt ein, 1991 zerfällt Jugoslawien in einem blutigen Bruderkrieg. Mit den Umbrüchen wechseln auch die Hausbewohner - Juden, Ustascha, Kommunisten, Kroaten und Serben kommen und müssen gehen. "In diesem Rein-Raus liegt eine gewisse Kontinuität", erläutert Šnajder seinen Bauplan.

Auch Tito verbringt hier eine Nacht

Der Autor unternimmt alles, um die Hausbewohner so plastisch wie möglich zu zeichnen, ihnen aber ihre Geheimnisse zu lassen. Vom Mussolini-Anhänger und "Haus-Ustascha" Mile im Keller über die eher jenseitig orientierte Frau Blavatsky bis zu Professor Gavranić im zweiten Stock entsteht ein buntes Bild. Schon bald ist aber klar, dass die wichtigste Bewohnerin in der Dachkammer haust: Das Findelkind Anđa Berilo, eine mutige und kämpferische junge Frau, bringt sich als Dienstmädchen durch, verliert unter tragischen Umständen zwei Kinder, die nicht die ihren sind, politisiert sich und wird zur Widerstandskämpferin.

Als der Kampf gewonnen ist, wird ihr klar, dass eine anonyme Gestalt, für die sie im Auftrag der Partisanenführung ihr Zimmerchen für eine Nacht zu räumen hatte, Genosse Tito selbst gewesen sein muss. Šnajder hat dem politischen Führer einige geradezu verklärend wirkende Szenen gewidmet. "Mit den Jahren denke ich immer besser über Tito. Dank Tito haben wir eine glückliche Jugend gehabt, verglichen mit den Ländern der Volksdemokratie."

Die Jugend im Visier

Die Jugend ist dem 77-Jährigen ein besonderes Anliegen, und es freut ihn, dass er mit diesem, in Kroatien 2023 erschienenen Roman mehr jugendliches Publikum erreicht hat als mit dem Vorgängerbuch. Die Jugend habe nur wenig historische Bildung, speziell über die Partisanenzeit, die Jugoslawien doch von allen anderen Ländern unterscheide, wüsste sie kaum etwas, moniert der Autor, der dabei Unterschiede zu Österreich wahrgenommen haben will.

"Bei meinem Besuch in Mauthausen habe ich mindestens zehn Schulbusse gesehen. Das finde ich fantastisch, niemand geht heute nach Jasenovac (einem von den Ustascha errichteten KZ, Anm.). Ich habe auch zwei Schulklassen im Haus der Geschichte gesehen. Nur das Museum im Karl-Marx-Hof war leer", schmunzelt der Autor, der in Mauthausen vergeblich Spuren seines hierher verschleppten Onkels gesucht hat, der dort als politischer Häftling wohl in den letzten Kriegstagen umgebracht wurde. In seinem nächsten Roman wird er eine wichtige Rolle spielen. Wann der Schlussteil der Trilogie erscheinen wird, kann Šnajder nicht abschätzen. An "Die Reparatur der Welt" hat er 10 Jahre geschrieben, für "Engel des Verschwindens" acht Jahre.

Ein "schreibendes Tier" in der "Mönchszelle"

Zuerst intensive Recherche, dann Befreiung vom Material zur Gewinnung dichterischer Freiheit - das ist Šnajders Leben als "schreibendes Tier", das sich im Winter zum Arbeiten auf eine kleine Insel zurückzieht und dort der Jüngste einer kleinen Gruppe von temporären Bewohnern ist. "Ich lebe dort wie in einer Mönchszelle. Schreiben ist Chaos, ich bin dann ein sehr unsoziales Wesen. Lesen ist auch eine einsame Aktivität - umso mehr gilt das für das Schreiben!"

Wie sein Vorgänger ist auch "Engel des Verschwindens" ein breit angelegtes Epochendrama voll schillernder Figuren und starker Bilder, von denen man einige nicht so leicht aus dem Kopf bekommt. Man spürt dabei die Lust am Erzählen und am Erfinden von Dingen, die den Realismus hinter sich lassen. Šnajder verbindet in seiner Prosa die politische Haltung des Essayisten und Kolumnisten ("Ich schreibe viel über Österreich!") mit der Bildmächtigkeit des Dramatikers. 1993 wurde sein Stück "Der kroatische Faust" von Hans Hollmann am Burgtheater aufgeführt. Dutzende Stücke hat er geschrieben, doch in Kroatien würden sie derzeit von den staatlich kontrollierten Theatern gemieden, erzählt er betrübt.

"Der Balkon am Heldenplatz ist im Moment leer."

Wie es mit Kroatien weitergehen werde, sei nicht absehbar, meint er. "Die Waagschalen sind im Augenblick im Gleichgewicht. In welche Richtung sie sich bewegen werden, ist noch nicht klar. Aber ich kann und will nicht glauben, dass diese Jugend profaschistisch ist. Es gibt einen Hunger nach Werten. Links und rechts ist vielen egal, es geht um Stärke." Das gelte aber für viele Länder, sagt der Autor, wohl auch für Österreich: "Der Balkon am Heldenplatz ist im Moment leer und wartet auf den Nächsten." An die Möglichkeit, als Autor Einfluss zu nehmen auf die Entwicklung - daran glaubt Slobodan Šnajder nicht mehr. "Ich habe so viel geschrieben in meinem Leben - umsonst." Seine Trilogie sei für ihn "ein Testament, ein letztes Wort".

In "Engel des Verschwindens" schreibt die Partisanin Anda zweimal einen Brief an den Genossen Tito. Das erste Mal erhält sie eine Geldanweisung, mit der der Staatschef offenbar die einstige Übernachtung begleichen möchte. Das zweite Mal hält sie ihm furchtlos vor, wie viele einstige Ideale der Kommunismus in der realen Umsetzung verraten hat. Der Leser zittert der Reaktion entgegen. Vergeblich. Šnajder verweigert die Auflösung. "Es ist ein Ende ohne Katharsis", sagt er nüchtern. "Wir haben im Moment dieses nicht analysierte kroatische Bewusstsein. Aber man kann nicht ein ganzes Volk auf die Couch legen."

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Slobodan Šnajder: "Engel des Verschwindens", Übersetzt aus dem Kroatischen von Matthias Jacob, Rebekka Zeinzinger, Zsolnay Verlag, 496 Seiten, 28,80 Euro, Buchpräsentation am 17. März um 19 Uhr in der Alten Schmiede, Wien 1, Schönlaterngasse 9)

Zusammenfassung
  • Der kroatische Autor Slobodan Šnajder stellt mit "Engel des Verschwindens" das Mittelstück seiner Trilogie vor, an dem er acht Jahre gearbeitet hat.
  • Der Roman, 2023 in Kroatien erschienen und 496 Seiten stark, wird von einem alten Mietshaus im Zentrum von Zagreb erzählt und umfasst die Jahre 1941, 1945 und 1991.
  • Im Mittelpunkt steht das Findelkind Anđa Berilo, das als Dienstmädchen, Mutter wider Willen und Widerstandskämpferin zentrale Ereignisse des 20. Jahrhunderts erlebt.
  • Das Haus beobachtet den ständigen Wechsel der Bewohner – darunter Juden, Ustascha, Kommunisten, Kroaten und Serben – und vermittelt so eine historische Kontinuität im Wandel.
  • Šnajder sieht seine Trilogie als "Testament" und bezweifelt, dass Literatur noch Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen nehmen kann.