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Flughafen-Simulation auf Überholspur für den Bachmann-Preis

25. Juni 2022 · Lesedauer 7 min

Der letzte Lesetag brachte einen neuen Co-Favoriten: Der deutsche Soziologe Juan S. Guse amüsierte am Samstag mit einem absurden Text, der in der Simulation des Frankfurter Flughafens mitten im Wald endet, nicht nur das Publikum bei den 46. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, sondern überzeugte auch große Teile der Bachmann-Preis-Jury.

Die deutsche Autorin Leona Stahlmann eröffnete mit ihrem Text "Dieses ganze vermeidbare Wunder" den dritten Lesetag, ein Auszug aus ihrem in wenigen Wochen bei dtv erscheinenden zweiten Roman "Diese ganzen belanglosen Wunder". Stahlmann, 1988 in Fulda geboren und am Staffelsee lebend, wurde von Michael Wiederstein nach Klagenfurt eingeladen.

In einer apokalyptisch wirkenden Welt erinnert sich Leda an die Geburt ihres Kindes. "In dem Sommer, als Leda im neunten Monat schwanger war, titelten die Zeitungen zum ersten Mal das Überschreiten der Thermometeranzeige bei siebenundvierzig Grad. Sie dachte, es würde unmöglich sein, jetzt noch ein Kind großzuziehen. Dieses Kind großzuziehen. Dann kam das Kind." Um dieses Kind, Zeno, kreisen ihre Gedanken. "Jetzt bist du hier, mein Rattenkind, mein Federvieh, aus einem träumenden Nichts herausgefallen und in einer Zumutung gelandet, da musst du jetzt durch..." Zeno ist mittlerweile zwölf Jahre alt und zwischen den Beschreibungen einer Marschlandschaft geht der Text immer wieder zu existenziellen Fragen zurück: Was zählt der eigene private Kummer, wenn die Welt untergeht?

Mara Delius brachte ein paar Kritikpunkte an dem "ansonsten interessanten, starken Text" vor und vermisste u.a. die konkrete Ausführung der Apokalypse. "Für mich ist dieser Text das literarische Äquivalent von Fast Fashion", kritisierte Philipp Tingler und ortete Kitsch: "Dieser Text erschöpft sich in Posen." - "Das Thema der Erotik finde ich interessant", meinte Insa Wilke, kritisierte jedoch stilistische Ungenauigkeiten und dekorative Stellen im Text. Nicht wirklich überzeugend, fand das Klaus Kastberger: "Ob das immer zusammenpasst?"

Am Panta Rhei-Motiv und an anderen mythologischen Anspielungen begeisterte sich Vea Kaiser. "Wir haben es hier mit sechs Versuchen einer Mutter zu tun, dem eigenen Kind das Ende der Welt zu erklären", ortete Michael Wiederstein Traditionen von "Climate Fiction und Nature Writing": "Ich glaube, dass man diese Geschichte tatsächlich nur mit Pathos erzählen kann. Pathos ist aber nicht gleich Kitsch." Wiederstein sah die Klimadebatte endlich beim Bachmann-Preis angekommen: "Wir wissen längst, was zu tun ist - nur macht das niemand. Genau das kritisiert dieser Text." Das sei jedoch noch kein Qualitätsnachweis, konterte Kastberger. Formal sei der Text interessant, in der konkreten Durchführung scheitere er über weite Strecken, so Brigitte Schwens-Harrant.

"Schulze" heißt der Text, den der seit zwölf Jahren in Wien lebende Düsseldorfer Autor und Kurator Clemens Bruno Gatzmaga, eingeladen von Brigitte Schwens-Harrant, im Anschluss vorlas. Sein im Februar 2021 erschienener Debütroman "Jacob träumt nicht mehr", der in Österreich für den Debütpreis nominiert wurde, hatte einen Einblick in die stressreiche Welt von Marketing- und Werbebranche gegeben. Auch sein Bachmann-Preis-Text spielt in der Wirtschaft. Herr Schulze, offenbar ein wichtiger Unternehmer, der an diesem Vormittag vor die Presse treten muss und dem eine jüngere, ehrgeizige Kollegin unter Druck setzt, wacht in der Früh auf "und bemerkt, dass er in die Unterhose uriniert hat". Zu seiner Frage, wie das passieren konnte, kommt die Sorge, dass seine Frau Elke seine Unruhe bemerken könnte. Doch plötzlich ist Elke gar nicht mehr da - und Schulze muss sich alleine fertig machen für seinen Tag. Der Chauffeur wartet bereits - und schon tritt er unter Blitzgewitter vor die Mikros. Der Satz "Ich habe einen Fehler gemacht", liegt ihm auf der Zunge. Als er den Mund aufmacht, ist jedoch stattdessen zu hören: "Mit Verlaub, unser Plan steht."

Heftige Jurydiskussionen waren die Folge. Kastberger fand den Text "extrem originell" und toll, nicht nur, weil er endlich die Probleme des alten, weißen Mannes thematisiere, sondern weil er sich auf Klitzekleines konzentriere, die Großes verursachten: "Diese Tröpfchen bringen eine ganze Welt zum Einsturz." Erstaunlicherweise gab es diesmal eine Teil-Koalition mit Philipp Tingler: "Im Großen und Ganzen finde ich den Text gut." Auch Michael Wiederstein meinte: "Schulze war okay!" Völlig konträr hingegen Vea Kaiser, die Schulze den Gang zum Urologen empfahl. Schwens-Harrant sah einen "sehr präzise gearbeiteten Text", auch der Rest der Jury konnte durchaus mehr als drei Tröpfchen in dem Text entdecken.

Mit zwei absurden Zukunftsgeschichten, angesiedelt zwischen Fantasy und Science-Fiction, wurde am Nachmittag das Wettlesen beendet. Zunächst las der in Hannover lebende Soziologe Juan S. Guse, Jahrgang 1989 und auf Einladung von Mara Delius nach Klagenfurt gekommen, eine Geschichte, die von der Suche nach seltsamen Menschen handelt, die im Taunus entdeckt worden war. Der Text "Im Falle des Druckabfalls" erzählt von der jungen Inés, die sich mit vielen Wissenschaftern, Behördenvertretern, NGO-Mitarbeitern und Journalisten in einem Basislager nahe Kronberg eingerichtet hat, wo der "Erstkontakt" mit den "scheinbar unbekleideten Menschen, die etwas Helmartiges auf ihren Köpfen tragen", stattgefunden hat. Sie freundet sich mit dem (real existierenden) Dramatiker Wolfram Lotz an und wird Mitglied einer Expedition, die schließlich eine irritierende Entdeckung macht: Mitten im Taunus haben die versteckt Hausenden den Frankfurter Flughafen nachgebaut und simulieren hier Flughafenbetrieb. Die Expedition lässt sich auf das Spiel ein...

Guse erhielt viele Lacher und viel Applaus des Publikums. Begeistert zeigten sich auch Vea Kaiser, Insa Wilke und Klaus Kastberger, der meinte: "Dieser leichte Zugang lässt mich mehr über die Gegenwart nachdenken als die ganzen Moralhämmer, die wir gehört haben." Mara Delius hob die vermeintliche Schlichtheit des Textes hervor, der in extreme Tiefen führe. Michael Wiederstein zog eine Parallele zum Literatur-"Basecamp" in Klagenfurt und erfreute sich daran. Nur sanfte Stil-Kritik wandte Brigitte Schwens-Harrant ein, während Philipp Tingler ortete "eine gewisse Schlichtheit der Sprache" und meinte: "Es ist immer schwierig, die Gratwanderung zu machen zwischen dem Schlichten und dem Banalen." Juan Guse darf sich wohl auf die morgige Preisverleihung freuen.

Den ebenfalls vom Publikum gefeierten Abschluss machte der jüngste Teilnehmer des Feldes, der 1994 geborene Wiener Autor, Musiker und Spoken Word-Künstler Elias Hirschl, den Klaus Kastberger eingeladen hatte. Sein Text "Staublunge" erwies sich als absurder Zukunftsblick in eine Welt, in der zwar alle Infrastruktur zusammengebrochen scheint, in der dennoch Wirtschaftsmodellen gehuldigt wird, die genau diesen Zusammenbruch herbeigeführt haben. Die Ich-Erzählerin datet Jonas, Gründer des Start-ups "Same Day Crew", einem simplen Lieferdienst, der in einer Hausruine am Rande der nach Einstellung des Kohleabbaus zu einer Geisterstadt gewordenen einstigen Industriestadt seine Zentrale hat. Alles bricht zusammen, die ausgebeuteten Fahrradboten streiken, werden entlassen, und machen einen Aufstand. Aber Jonas ist unerschütterlich sicher: "Das wird ganz groß!" Dann tritt er auf eine weggeworfene Spritze, beginnt zu fiebern, muss ins Krankenhaus. Die Lieferzeit, die er auf fünf Minuten drücken wollte, steht am Ende bei 30 Minuten. Die Welt steht auf keinen Fall mehr lang.

"Ich finde den Text so mittel - und als ich das das letzte Mal über einen Text gesagt habe, den Herr Kastberger mitgebracht hat, hat er dann gewonnen. Er hat also alle Chancen", startete Philipp Tingler in die Jurydiskussion. "Zeitlos ist der Text nicht, er ist aber auch nicht schlecht." Gewisse Längen orteten neben Tingler auch Mara Delius und Vea Kaiser, die das "herrlich apokalyptische Endszenario" toll fand und sich "irrsinnig begeistert" zeigte. "Leicht voyeuristische Armuts-Porno-Szenen" fand Michael Wiederstein im Text, der für Schwens-Harrant "sprachlich sehr gut funktioniert".

Am Sonntag (ab 11.35 Uhr) werden von der Jury nach einem neuen Modus die Preise unter den neun Autoren und fünf Autorinnen vergeben. Neben dem Bachmann-Preis (25.000 Euro) ist dies der Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro), der Kelag-Preis (10.000 Euro) und der 3sat-Preis (7.500 Euro). Die Jurymitglieder geben noch heute ihre Punktewertung ab, wobei sie nicht für die von ihnen selbst Nominierten abstimmen dürfen. Kurzfristig wurde der Modus geändert: Jedes Jurymitglied vergibt nun statt 1 bis 9 Punkte nur noch 1 bis 4 Punkte. Der Justiziar addiert daraufhin die Ergebnisse und erstellt daraus die Preisträgerliste. Die Bekanntgabe startet erstmals mit dem am wenigsten dotierten Preis. Nur für den Fall, dass es bei einem Preis Punktegleichstand geben sollte, stimmt die Jury wie bisher öffentlich ab.

Bereits heute zwischen 15 und 20 Uhr ist das Publikum aufgerufen für den BKS Bank-Publikumspreis (7.000 Euro plus Stadtschreiberstipendium) unter bachmannpreis.ORF.at online abzustimmen. Von jeder E-Mail-Adresse kann nur eine Stimme abgeben werden.

Quelle: Agenturen