APA/APA/Bregenzer Festspiele/Anja Köhler

"Melencolia" ergründete Melancholie in Bregenz nur wenig

19. Aug. 2022 · Lesedauer 3 min

Die letzte Premiere der diesjährigen Bregenzer Festspiele - die Uraufführung von "Melencolia" - versuchte der Melancholie auf die Spur zu kommen. Als "Show gegen die Gleichgültigkeit des Universums angekündigt" wurden die Besucher auf der ausverkauften Werkstattbühne am Donnerstagabend nicht nur vom Ensemble Modern, sondern auch von mehreren großen Screens empfangen. Die Musik ist laut, schräg, schrill und nervös. Die Verbindung zur Melancholie aber bleibt im Dunkeln.

Bei "Melencolia" handelt sich um ein Auftragswerk der Bregenzer Festspiele und des Ensemble Modern. Komponistin Brigitta Muntendorf und Dramaturg Moritz Lobeck nahmen Albrecht Dürers Bild "Melencolia I" (1514) als Ausgangspunkt für ihr Werk, in dem die digitale Welt mit der realen interagiert. Auf der Bühne stehen zwei Greenscreen-Studios, über die die Musiker oder der Frauen-Chor immer wieder in virtuelle Welten versetzt werden. Zeitgleich verfolgen die Besucher diese Projektionen auf drei großen Bildschirmen. Von 60 Lautsprechern umgeben, sitzen sie in einer 3D-Klanglandschaft, die sie aus allen Richtungen beschallt. Ebenfalls auf der Bühne befinden sich als animierte Wesen Objekte aus Dürers Bild.

"Melencolia" erzählt keine durchgehende Geschichte, sondern besteht aus sieben Bildern zu sieben unterschiedlichen Situationen. Nornen, das sind schicksalsbestimmende Wesen aus der nordischen Mythologie, kommen dabei ebenso vor wie der Kopfstoß von Zinedine Zidane im Fußball-WM-Finale 2006 oder der japanische Popsong "Tsugaru Kaikyo Fuyugeshiki" aus dem Jahr 1977. Dazwischen spielt Saeid Shanbehzadeh als digitaler Gast den Ney-anban, einen Vorläufer des Dudelsacks, und stellt die Frage: "Wo kommst du her?" Das Ensemble Modern tritt mit 14 Musikerinnen und Musikern auf. Einzelne der Protagonisten wurden in der Erarbeitung des Stücks gefilmt und in die Screens "eingebaut", auf denen etwa auch Landschaftsbilder oder Wesen zu sehen sind.

Die Besucher sind aufgrund der Vielzahl an visuellen und akustischen Eindrücken stark gefordert. Hochleistung vollbringende Musiker, die jederzeit in höchster Präzision zu Werke gehen, Chor, Musiker und Wesen auf Screens, Töne und Stimmen von allen Seiten, die eher kein Wohlgefühl bereiten, sondern stimmungsmäßig an einen Horrorfilm und manchmal auch an die Westernmusik von Ennio Morricone erinnern. Mehrmals schaukelt sich die Musik hoch, bevor sie sich schrill in einer Art Höhepunkt entlädt. In die Gegebenheit einzutauchen fällt ob der Überfrachtung schwer, auch machen manche Zitate über die Melancholie das Phänomen nicht greifbarer. Sie bleibt ein Rätsel. "Das Stück stiftet mehr Chaos als Ordnung, entwickelt musikalisch eine ganz eigene Logik und wirft mehr Fragen auf als es beantwortet", stellt Komponistin Muntendorf im Programmheft fest. Der Applaus der Festspiel-Gäste fällt am Ende freundlich aus, Begeisterung aber kommt nicht auf.

(S E R V I C E - "Melencolia" von Brigitta Muntendorf (Komposition) und Moritz Lobeck (Inszenierung). Eine Show gegen die Gleichgültigkeit des Universums, Auftragswerk der Bregenzer Festspiele und des Ensemble Modern. Visuelle Welten: Veronika Simmering, Ausstattung: Sita Messer, Licht: Begona Garcia Navas, Video: Warped Type, Programmierung: Maximiliano Estduies, Klangregie: Norbert Ommer, Ensemble Modern: Dietmar Wiesner, Christian Hommel, Hugo Queiros, Ona Ramos Tinto, Sava Stoianov, Uwe Dierksen, Ueli Wiget, David Haller, Rainer Römer, Jagdish Mistry, Giorgos Panagiotidis, Megumi Kasakawa, Michael Maria Kasper, Paul Cannon. Eine weitere Aufführung am 20. August. Informationen unter https://bregenzerfestspiele.com/de/programm/melencolia)

Quelle: Agenturen