APA - Austria Presse Agentur

"Meine Privatgalerie": Zu Besuch bei Lieselott Beschorner

28. Jan 2021 · Lesedauer 6 min

"Wenn ich sterbe, sind Sie schuld." Es gibt entspannendere Begrüßungen als diese. Lieselott Beschorner verzeiht man gerne diesen zwischen Sarkasmus und rauem Charme angesiedelten Kommentar, mit dem sie ihre Haustüre in Wien-Gersthof öffnet. Mit 93 Jahren und zahlreichen Vorerkrankungen zählt die Künstlerin zur Hochrisikogruppe. Es ist alles andere als selbstverständlich, dass sie Besuch empfängt. Ein Hausbesuch mit gültigem Coronatest, FFP2-Maske und Zwei-Meter-Abstand.

Ihre auf ihren Wunsch "Kunstbedürfnisanstalt" genannte Ausstellung in der Landesgalerie Niederösterreich (Kunst sollte ein Bedürfnis sein, für Künstler wie Besucher, erklärt sie) hat sie noch nicht gesehen. Sie habe aus begreiflichen Gründen derzeit besonders große Scheu vor Menschenansammlungen, sagt Beschorner. Und: "Ich sehe ja fast nichts mehr. Nur noch Nebel und Schemen." Eine durch Masern verursachte Makuladegeneration machte schon früh unansehnliche Sehbehelfe notwendig. "Meine Brille ist immer dicker geworden, und meine Komplexe immer größer." Später drehte sie den Spieß um: Ihre riesige, vor 60 Jahren selbst entworfene "Showbrille", ein Mittelding aus Designerstück und Schweißerbrille, die sie für Fotos gerne aufsetzt, wurde zu ihrem Markenzeichen.

Auch die Öffentlichkeit hatte noch kaum Gelegenheit, die Kremser Präsentation eines außergewöhnlichen künstlerischen Lebenswerks zu studieren. Wenige Tage nach der Eröffnung erfolgte ein neuerlicher Lockdown. Landesgalerie-Direktor Christian Bauer und Berthold Ecker vom Wien Museum MUSA, der 2011 mit der ersten größeren Beschorner-Personale seit Jahrzehnten die Wiederentdeckung der Künstlerin eingeleitet hatte, haben im dritten Stock des neuen Museums einen sorgfältigen Parcours durch ein eigenwilliges Werk aus Stoffpuppen, bizarren Tonköpfen, Masken, Zeichnungen und Collagen gestaltet. Mitten in der Ausstellung stößt man auf eine große Fototapete. Sie zeigt Beschorners dicht behängte "Wand der Erinnerung", an der Werkzeuge, Haushaltsgeräte, Schlüssel, Alltagsgegenstände und Erinnerungsstücke arrangiert sind.

Wenige Tage später steht man in der Veranda des Jahrhundertwende-Hauses, das Beschorner seit ihrem 15. Lebensjahr bewohnt, vor der imposanten Original-Wand. Dieser auch durch alte, farbige Butzenscheiben beeindruckende Raum ist so kalt wie fast alle übrigen. Im Winter hat sich die Künstlerin, für die in jedem Stockwerk ein Rollator bereitsteht, ins Erdgeschoß zurückgezogen. Weil die Rauchfänge geschliffen gehören, gebe es hier den einzigen beheizbaren Raum, erklärt die allein lebende Frau. Expeditionen in die anderen Etagen oder gar ins Atelier in der Dachmansarde riskiert sie derzeit nicht. Klettert man über die steilen, glatten Steinstufen empor, versteht man, warum: An den Wänden des Stiegenhauses befinden sich - wie in allen übrigen Räumen - dicht gehängte Werkgruppen wie ihre Wachsfiguren, die es aus konservatorischen Gründen nicht nach Krems geschafft haben, aber keine Handläufe. "Wenn ich da ausrutsche, findet mich tagelang niemand", konstatiert sie.

Eine Begegnung mit Lieselott Beschorner ist ein Erlebnis für sich. Mit trockenem Humor und nüchterner Weltsicht spricht sie am Wohnzimmertisch über ihre Ausbildung in eiskalten Akademie-Studiensälen der Nachkriegsjahre, die sie "eine heldenhafte Zeit" nennt: "Es hat geheißen: Zuerst einen halben Tag Schutt schaufeln, dann dürfen wir einen halben Tag zeichnen." Sie war an der Akademie der bildenden Künste Studienkollegin von später prominenten Künstlern wie Arik Brauer, Friedensreich Hundertwasser und Arnulf Rainer und eines der wenigen weiblichen Secessions-Mitglieder und sagt heute: "Ich war nie eine Frauenrechtlerin." Erst als ein ihr zugesagter Kunstpreis letztlich an ihren damaligen Mann ging, wurde sie stutzig. Trotz einiger Ausstellungserfolge wurde der Kunstmarkt nie auf sie aufmerksam. "Ich bin geschäftsmäßig ungeeignet bis dorthinaus. Ich hätte gar nichtgewusst, wie man das macht..." Also arbeitete sie als Lehrerin für Fachzeichnen, Auslagengestaltung und Maskenbildnerei an der Berufsschule für Friseure und Perückenmacher.

Während von Kästen und Regalen einige ihrer grotesken, animalischen Tonköpfe auf sie herabblicken, erzählt sie davon, nicht unglücklich zu sein. Sie habe immer mit bescheidenen Mitteln ihre Sache verfolgen können, ohne auf Markt oder Moden Rücksicht nehmen zu müssen. "Ich bin nicht berühmt geworden und nicht reich. Aber ich bin zufrieden, was ich erreicht habe." Dazu zählt auch, dass ihrem Wunsch entsprochen werden wird, dass ihr Werk nach ihrem Tod als Teil der MUSA-Sammlung eine Einheit bleibt. "Ich hab gesagt, ich will gar nichts dafür. Ich will nur, dass es nicht auf den Mist kommt, und, dass nichts rausgezupft wird. Das ist eine Familie, das ist wie meine Kinder. Ich will, dass die beisammen bleiben." Ein Rundgang durch das Haus, in dem bereits 2.300 Objekte inventarisiert sind, macht einem klar, warum.

Die Wohnräume wurden im Lauf der Jahre zu Beschorners "Schauräumen", zu "meiner Privatgalerie", in der Mobiliar und Alltagsgegenstände mit der Zeit von ihren eigenen Kunstwerken überwuchert und in Besitz genommen wurden. "Ich hab mich hier eingegraben", nennt die Künstlerin das. Überall trifft man auf sorgsam drapierte Tonköpfe, Masken und Kleinskulpturen aus einer grauen, undefinierbaren Masse, auf Zeichnungen und Reliefbilder, auf "Groteskerien", "Schichtenbilder" und Textilarbeiten. In ihren "Puppas", aus Wolle, Nylonstrümpfen und anderen Materialien gefertigten Stoffpuppen, sind afrikanische Einflüsse überdeutlich, in anderen Werkserien finden sich Abstraktion und Outsider Art widergespiegelt. Viel Emotion steckt darin, aber auch einiges an Witz. Eine Wand ist mit Knopfpuppen dicht behängt. Serien liebt Beschorner. Ihre Schaffensphasen gleichen Schüben. Und es reißt nicht ab, obwohl sie kaum mehr etwas sieht. "Ich zeichne noch immer mit schwarzer Kohle auf weißem Papier, in der Hoffnung, dass das, was drauf ist, noch irgendwie ausschaut wie eine Zeichnung."

Nach diesen in den vergangenen zwei, drei Jahren entstandenen "Sekundenzeichnungen" kam Corona. Und damit ein neuer Sog. "Corona hat mich umgeworfen. Ich hab gefunden, jetzt sind wir total erledigt. Diese Unfreiheit auf allen Gebieten macht mich völlig verrückt", sagt die Künstlerin. Auf dutzenden Blättern hat sie das Virus mit Wachsölkreide porträtiert. Eigentlich sieht es gar nicht gefährlich aus. Doch Beschorner nimmt es ernst. Und wird sich dennoch nicht impfen lassen. "Ich hab so viele Krankheiten eingeheimst, die man sich nur wünschen kann. Bei mir wirken keine Medikamente mehr."

Die Ausstellung in der Landesgalerie Niederösterreich wurde soeben bis 2. Mai verlängert. Wann tatsächlich wieder aufgesperrt wird, hängt von der Bundesregierung ab. Man sollte den Besuch unter keinen Umständen versäumen. Das Haus in Gersthof ist dagegen nicht zugänglich und wird nach Beschorners Tod dereinst wohl kein Museum, sondern eher für einen Wohnhaus-Neubau abgerissen werden. Kaum jemand wird dann noch wissen, welche Wunderwelt sich hier einmal verborgen hat. Doch einstweilen lässt sich Lieselott Beschorner nicht unterkriegen. Ihr Abschiedsgruß lautet: "Hoffen wir das Beste und sind wir aufs Schlimmste gefasst..."

(S E R V I C E - "Lieselott Beschorner. Kunstbedürfnisanstalt", Ausstellung in der Landesgalerie Niederösterreich, Wiedereröffnung von den Anti-Corona-Maßnahmen abhängig, Laufzeit verlängert bis 2. Mai, Katalog: 124 Seiten, 19,90 Euro, https://www.lgnoe.at)

Quelle: Agenturen