APA - Austria Presse Agentur

Meeses "Kampf-Lolita" im Volkstheater als Reizüberflutung

05. Nov 2021 · Lesedauer 5 min

Steht man vor einem Gemälde des deutschen Künstlers Jonathan Meese, muss man erst einmal gegen die allgegenwärtige Reizüberflutung ankämpfen. Wandert man in einer Galerie durch eine seiner Ausstellungen, fällt jedoch bald auf: Die Motive wiederholen sich. So ähnlich erging es auch dem Publikum im Volkstheater am Donnerstagabend bei der Uraufführung von "KAMPF_L.O.L.I.T.A (EVOLUTION IST CHEF)". Dort wütete das 51-jährige Enfant terrible drei pausenlose Stunden lang.

Das Haus tituliert das Stück, das hauptsächlich Nabokovs "Lolita"-Motiv, den Science-Fiction-Fantasy-Film "Zardoz" und natürlich den Nationalsozialismus umkreist, als Universums-Uraufführung. Tatsächlich wurde es unter dem Titel "Lolita (R)evolution (Rufschädigendst) - Ihr Alle seid die Lolita Eurer Selbst!" bereits im Februar 2020 in Dortmund uraufgeführt, wo Volkstheaterdirektor Kay Voges damals wirkte. Dann kam Corona. Und so hatte Meese in den vergangenen eineinhalb Jahren ausreichend Zeit, den Stoff so weiterzuentwickeln, dass die Performance laut Angaben des Hauses eine völlig neue geworden ist. Allerdings wird wohl auch in Wien keine Aufführung der anderen gleichen. Denn was Meese und seine fünf Mitstreiter hier auf die Bühne klotzen, hat derart viel mit Chaos zu tun, dass es kaum reproduzierbar scheint.

Doch von Anfang an: Geschlagene 15 Minuten bleibt der Vorhang zunächst geschlossen. Auf ihn projiziert Meese die Lesung einer "Lolita"-Zusammenfassung seiner betagten Mutter, die bei keinem seiner Auftritte fehlen darf. Doch während sie bei der (gestreamten) Performance "1000 Jahre Boys" im Mai noch im Zentrum des Geschehens stand, begnügt man sich diesmal mit dem filmischen Prolog sowie einem Mini-Auftritt am Ende des Abends. Dazwischen inszeniert sich Meese - stilecht wie stets in langem Mantel, Hakenkreuz-Schleife und SS-Kappe - als Sektenführer. Mit seinen Mitstreitern Maximilian Brauer, Uwe Schmieder, Martin Wuttke, Lilith Stangenberg und Anke Zillich sitzt er um einen Tisch und beschwört ein aufblasbares Plastikpferd. Weil: "Wir sind die Sekte der Selbstdenunziation!"

Als solche kreist man einen Gutteil des Abends dann aber nicht um das Pferd, sondern um Lolita, die Stangenberg mit unglaublicher Intensität in durchscheinendem weißen Kleidchen auf die Bühne bringt, wobei sie gefühlte 90 Mal das Horst-Wessel-Lied intoniert. Das tut sie auch noch, während sie irgendwann unter Schmerzensschreien und den gierigen Blicken der Männer als stramme deutsche Frau ein Kind (das Leuchtpferd!) gebiert. Dazwischen spricht der ebenfalls mit viel Körpereinsatz agierende Brauer mal mit seinen nackten Pobacken, verzaubert Wuttke (der im Jänner durch Bernhard Schütz ersetzt wird) als schwarzhaarige und in Latex gehüllte Intima von Adolf Hitler oder hüpft Schmieder in Lederhose und Zipfelmütze über die Bühne.

Diese hat - Überraschung - Meese selbst gestaltet. Während im Hintergrund immer wieder großformatige Gemälde herabgelassen werden, finden sich auf der Drehbühne unter anderem eine Gebetsbank, Schaukeleinhorn und ein oben aufgeschnittener Wohnwagen, auf den der Künstler die Worte "Richard Wagner ist Chef" gepinselt hat. Als Requisiteur hat Meese auch dafür gesorgt, dass im Laufe des turbulenten Abends eine häufig zum Einsatz kommende Peitsche, eine stark riechende Dose Würstchen und eine Sahnetorte vorkommen, während auf zwei Bildschirmen, die auf Telefonzellen am Bühnenrand drapiert sind, zeitgleich die Filme "Zardoz" und "Der Fan" von Eckhart Schmidt in Endlosschleife laufen.

Wenn nicht gerade das Horst-Wessel-Lied gesungen wird, brüllen Meese und seine Mitstreiter allerlei Phrasen in die Mikrofone. "Wir wollen den totalen Guru!", heißt es da. Oder: "Kunst ist ein Hobby für die Perversen!". Aber auch: "Wir müssen wieder Rückschritte machen, wenn wir weiterkommen wollen!" Und so geht dieser bunte, laute Abend immer weiter und weiter, bis Darth Vader geröchelt hat, Richelieu seinen Monolog hatte und Udo Jürgens' "Griechischer Wein" in mehrfacher Ausführung zu "Deutsch müssen wir sein" umgedichtet wurde. Natürlich darf auch Alizées "Moi... Lolita" nicht fehlen. Pünktlich um 22.30 Uhr schließt sich zum Missfallen der Truppe der Vorhang. Zu den Klängen von Rammsteins Lied "Sonne" kommt dann nicht selbige, sondern schließlich Meeses Mutter aus dem Publikum auf die Bühne.

Mit - Achtung, voller Titel - "KAMPF-L.O.L.I.T.A. (EVOLUTION IST CHEF) oder L.O.L.I.T.A. D.Z.I.O. (ZARDOZ FLIEGT WIEDER!) oder L.O.L.I.T.A DE LARGE (Das 3. Baby) oder DIE BARBARENLOLITAS (Kampf um Kunst) oder DR. ERZLOLITA DE L.O.L.I.T.A (ZARDOZ LEBT) oder DIE ZARDOZLOLITAS (Keine Angst)" hat Meese einen Abend geschaffen, an dem er einmal mehr den Kunstmarkt hinterfragt, braune Flecken in Deutschland und Österreich anprangert und nebenbei noch den Feminismus scheitern lässt. All das kann man sich aus den wenigen verständlichen, dafür aber oftmals wiederholten Sätzen zusammenreimen. Oder man entschließt sich, diese Performance wie ein Gemälde zu betrachten. Als Reizüberflutung in 5D.

(S E R V I C E - "KAMPF-L.O.L.I.T.A. (EVOLUTION IST CHEF)" von und mit Jonathan Meese (Regie, Bühne, Kostüm) im Volkstheater. Mit Maximilian Brauer, Uwe Schmieder, Martin Wuttke, Lilith Stangeberg und Anke Zillich. Weiterer Termin am 2. Dezember sowie Wiederaufnahme im Jänner. Infos und Tickets unter www.volkstheater.at)

Quelle: Agenturen