APA/APA/HERBERT NEUBAUER/HERBERT NEUBAUER

Mahler verleiht Flügel: Philharmonisches in Salzburg

07. Aug. 2022 · Lesedauer 3 min

In ihrem zweiten Konzertprogramm der heurigen Salzburger Festspiele haben die Wiener Philharmoniker am Sonntag nicht nur "Zeit mit Bartok" verbracht, sondern vor allem mit Andris Nelsons - und das tut diesem Orchester immer gut. Unter seiner behutsamen, detailreichen Leitung offenbarten sie einem beglückten Publikum die flügelschlagenden Kräfte Gustav Mahlers in seiner 5. Symphonie und boten Pianist Yefim Bronfman schlagkräftig Paroli in Bartoks 2. Klavierkonzert.

Wer "Zeit mit Bartok" verbringen möchte - wie der gleichnamige Festspielschwerpunkt - braucht zunächst einen Pianisten oder eine Pianistin, die mit einem der virtuosesten Kollegen seiner Zeit mithalten kann. Seine Klavierwerke schuf Bartok in erster Linie für den Eigenbedarf: als halsbrecherisches Solistenmaterial für seine Auftritte mit Orchester. In Salzburg übernimmt mit Bronfman ein Bartok-Profi diesen Solopart, der zwar im Vergleich der Bartok-Konzerte zu den leichteren, insgesamt aber immer noch zu dem schwierigsten gehört, was man am Klavier so anstellen kann. Ein rasantes Abenteuer mit ständiger Absturzgefahr - Bronfman bewältigt die Partie nicht nur, er hat sie so verinnerlicht, dass er sie förmlich auszuatmen scheint.

Die zweite Hälfte gehört Gustav Mahler, und hier zeigt sich einmal mehr, weshalb Andris Nelsons für die Philharmoniker, gerade in der arbeitsreichen Salzburger Sommerzeit, eine solche Wohltat ist. Der lettische Dirigent - mit Boston Symphony und Gewandhausorchester Chef von zwei der traditionsreichsten Klangkörper der Welt - verehrt die Klangqualitäten der Wiener in seiner ruhigen, gelassenen Art, ohne sie als einzige Argumente ins Feld zu führen. Das macht sich gerade im Kernrepertoire - Mahler - bezahlt: Zurückhaltend, schwerfällig, fast trottend geht Nelsons in den ersten Satz, baut seinen Bogen so groß, dass er zwischendurch stillzustehen scheint, und bremst Streicherschmelz und Holzbläserbalsam so lang, bis man sie ersehnen darf.

Stattdessen macht er sich mit hoher Zärtlichkeit um Details verdient, zimmert den Blechbläsern kunstvolle Podeste für ihre Soli, lässt das Scherzo hier und dort von hervorblitzenden Rubati funkeln und schickt das Adagietto mit winzigen Flügelstößen immer weitere Himmelshöhen. Selten kann man diesen bekanntesten Satz aus Mahlers Schaffen so im Detail modelliert, so genau, so transparent und dabei so zutiefst unkitschig erleben. Und auch im Finale widersteht Nelsons der Versuchung, mit großer Geste in die Synthese zu wogen, sondern bleibt in der Spannung, bleibt lauschend, in sanfter Wachsamkeit, die dem Taktstock auch in der großen Bewegung noch eine kleine mitgibt. Losbrechender Jubel, langer Applaus.

Quelle: Agenturen