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"Lysistrata" im Kasino als Demontage eines Sexstreiks

Heute, 09:54 · Lesedauer 4 min

Die Liebe als Vorwand für den Beginn eines Krieges ist in der Literatur ein gern bemühter Topos. Seltener ist die Liebe - oder der Sex - ein Grund, einen Krieg zu beenden. Entsprechend setzen auch die heimischen Bühnen häufiger auf große (griechische) Tragödien. Nicht so das Burgtheater, das im Kasino nun Aristophanes' eher selten gespielte Komödie "Lysistrata" auf den Spielplan gesetzt hat. Warum eigentlich, blieb nach der Premiere am Donnerstag allerdings fraglich.

Das im Jahr 411 vor unserer Zeitrechnung uraufgeführte Stück, das Aristophanes im 20. Jahr des Peloponnesischen Krieges schuf, dreht sich um die Frauen Athens und Spartas, die mittels Sexentzug das Ende des Krieges erzwingen wollen. So besetzen sie unter der Führung von Lysistrata die Akropolis und verweigern sich ihren heimkommenden Männern. Dass nicht jede Frau im Liebesrausch zu ihren Vorsätzen stehen kann, verkompliziert das kollektive Vorhaben. Für die Aufführung im Burgtheater-Kasino hat Chefdramaturg Thomas Jonigk gemeinsam mit dem Ensemble eine stark verdichtete und noch mehr verblödelte Version geschaffen, die das Ansinnen der Frauen - und die liebestollen Männer - der Lächerlichkeit preisgibt.

Als Bühnenbild, für das im Programmheft keine Urheberschaft zu finden ist, dient die Front einer Burg, die ganz nah ans Publikum gerückt ist. Die weißen Zinnen sind verschiedenen Tetris-Formen nachempfunden, in den Bogentüren lehnen die Frauen und schmieden ihre Pläne. Im Zentrum steht Mavie Hörbiger in einem offenen, beigen Oversized-Anzug (Kostüme: Selina Schweiger) als Lysistrata, die ihre Geschlechtsgenossinnen zum passiven Kampf aufruft. Ines Marie Westernströer gibt im zitronengelben Kleid die zunächst zögerliche, dann aber überzeugt mitmachende Nachbarin Kalonike, Seán McDonagh gibt im wallenden Kleid die kokette Myrrhine und Annamária Láng stößt aus Sparta hinzu, um den pan-griechischen Sexstreik auf gegnerischer Seite zu unterstützen. In übertriebener Manier lästern sie über die sexuelle Steuerbarkeit der Männer. Wie Hörbiger Worte wie "Latte", "Ständer" oder "Schwanz" mit verzogenem Gesicht intoniert, ist eine komödiantische Meisterleistung, verliert in der Wiederholung in den nur 75 Minuten jedoch bald den Witz.

Auf der anderen Seite stehen die Männer: Allen voran gibt sich Roland Koch als in zünftige Tropenkleidung (warum?) gezwängter Ratsherr der Lächerlichkeit preis. Michael Wächter nimmt seinen Ständer besonders ernst und tritt mit Kleiderständer aus dem Publikum heraus auf und Lola Klamroth zelebriert (mit Banane in der Unterhose) den stets lüsternen, in Selbstgefälligkeit badenden Kinesias. Ungläubig treten die Krieger ihren Frauen gegenüber, die sie bisher als willige, brave Gefährtinnen als selbstverständlich erlebt haben. Wirklich witzig ist an diesem überdrehten Abend jene Szene, in der Myrrhine ihren Mann Kinesias scheinbar zu verführen beginnt, ihn dann aber kurz vor dem Akt eiskalt abblitzen lässt. Es dauert also nicht lang, und die Männer stimmen Friedensverhandlungen zu. Dass sie - kaum sind sie ins Innere der Burg vor- und in ihre Frauen eingedrungen - aber gleich wieder weiterstreiten, ist die traurige Moral der Geschichte.

Das Ensemble hat sichtlich Spaß am Spiel, treibt die Blödelei aber allzu sehr auf die Spitze. Hinzu kommt, dass auf dem schmalen Streifen zwischen Burgfassade und Publikum nicht in die Tiefe, sondern zu jeweils einer Seite gespielt wird. Das ist vor allem für jene Zuschauer unglücklich, die auf der lang gezogenen Tribüne am Rand sitzen - wo nämlich auch die Begleitmusik (Dani Catalán Dávila) aus den Boxen plätschert und die auf der Bühne gesprochenen Sätze übertönt. Dass Sex-Entzug im 21. Jahrhundert als Druckmittel nicht unbedingt mehr das Mittel der Wahl ist, Frauen in der Kommunikation über andere Fähigkeiten verfügen und wohl auch Männer nicht mehr so einfach zu bestrafen sind, lässt sich lediglich aus der Überzeichnung des Abends herauslesen. Warum man den Männern und Frauen bei diesem antiquierten Eiertanz zusehen muss, bleibt offen.

(Von Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - "Lysistrata" von Aristophanes in der Übersetzung von Erich Fried im Kasino des Burgtheaters. Regie: Thomas Jonigk & Ensemble, Kostüme: Selina Schweiger, Musik: Dani Catalán Dávila. Mit Mavie Hörbiger, Ines Marie Westernströer, Seán McDonagh, Annamária Láng, Roland Koch, Lola Klamroth und Michael Wächter. Weitere Termine: 5., 13. und 28. März sowie am 18. April und 2. Mai. www.burgtheater.at )

Zusammenfassung
  • Im Burgtheater-Kasino feierte am Donnerstag eine 75-minütige, stark überzeichnete Version von Aristophanes' Komödie 'Lysistrata' Premiere, in der Frauen Athens und Spartas durch Sexentzug das Ende des Krieges erzwingen wollen.
  • Mavie Hörbiger führt als Lysistrata ein Ensemble an, das die Rollen bewusst klischeehaft und übertrieben anlegt, wobei insbesondere die Szene der abgebrochenen Verführung zwischen Myrrhine und Kinesias hervorsticht.
  • Die Inszenierung von Thomas Jonigk und dem Ensemble wird für ihre Blödelei und mangelnde Aktualität kritisiert, zudem erschweren Akustikprobleme und eingeschränkte Sicht für Randplätze den Theaterbesuch.