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Selbstermächtigung statt Marginalisierung bei den Festwochen

02. Juni 2022 · Lesedauer 3 min

Was bedeutet Selbstermächtigung für Menschen, die von der Mehrheitsgesellschaft nicht als "normal" eingestuft werden? Was ist Selbstgewissheit im Licht von Künstlicher Intelligenz? Und wer sorgt für den Schutz der körperlichen und seelischen Unversehrtheit in einer Welt, in der alles immer schneller und komplexer wird? Fragen wie diese verhandelt das australische Back to Back Theatre bei den Wiener Festwochen in "The Shadow Whose Prey The Hunter Becomes" im Theater Akzent.

Es ist eine Art Selbsthilfegruppe mit Publikum, zu der sich Chris Hansen, Sarah Mainwaring und Scott Price versammeln. Vor dem historischen Hintergrund von Ausbeutung marginalisierter Gruppen verhandeln sie zunächst ganz praktische Tipps ("Du darfst dich in der Öffentlichkeit nicht zwischen den Beinen berühren"), bevor es ans Eingemachte geht. Wollen sie, die mit unterschiedlichen Behinderungen leben, weiterhin "behindert" genannt werden? Wäre nicht "neurodivers" treffender? Wie kann die Gesellschaft sensibilisiert werden, Menschen mit besonderen Bedürfnissen Gehör zu leihen? Teile des Ensembles sind aus unterschiedlichen Gründen sprachlich und körperlich divers, ihre Worte werden von einer fiktiven Künstlichen Intelligenz in Echtzeit auf einen Bildschirm im Bühnenhintergrund projiziert, die deutschen Übersetzungen laufen parallel auf zwei Bildschirmen an den Bühnenrändern. Doch bald meldet sich auch die KI selbst zu Wort, stellt Fragen und gibt Ratschläge. Die Grenzen verschwimmen.

Den Hintergrund für "The Shadow Whose Prey The Hunter" bilden Berichte über Missbrauch in kirchlichen und staatlichen Einrichtungen, die die Öffentlichkeit seit einigen Jahren erschüttern. Aber auch gefallene Schauspieler und Sänger - von Kevin Spacey bis Michael Jackson - werden von den Protagonisten identifiziert, wenn es um die Ausbeutung von Schutzlosen geht. Dass die Darsteller selbst zu jener Gruppe gehören, die von Ausgrenzung und Demütigung betroffen ist, verleiht dem Gesagten eine unmittelbare Brisanz, ohne voyeuristisch daherzukommen. Hier sprechen Menschen das aus, was ihnen widerfährt und noch mehr: Sie setzen sich zur Wehr, hinterfragen Hintergründe und diskutieren Lösungsansätze. Und das so lange, bis es scheint, als wäre das Publikum schwer von Begriff.

Regisseur Bruce Gladwin hat gemeinsam mit dem Back to Back Theatre einen Theaterabend geschaffen, der nicht auf einer theoretischen Ebene moralisierend den Zeigefinger hebt, sondern selbigen direkt in offene Wunden legt. Was bedeutet normal, was heißt intelligent? Unterlegenheit ist schnell hergestellt, kristallisiert sich im Laufe des einstündigen Abends heraus. Am Ende kommt das Trio zum Schluss: Es kann jeden treffen. Lang anhaltender Applaus für ein Stück, das keine Tabus scheut.

(S E R V I C E - Wiener Festwochen - Back to Back Theatre: "The Shadow Whose Prey The Hunter Becomes" im Theater Akzent. Regie: Bruce Gladwin, mit Chris Hansen, Sarah Mainwaring und Scott Price. Weitere Termine: 2. und 3. Juni, 20 Uhr. Infos und Tickets unter www.festwochen.at)

Quelle: Agenturen