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Liao Yiwus Roman "Wuhan" führt zurück zum Pandemiebeginn

11. Feb. 2022 · Lesedauer 4 min

Als im Oktober der in Berlin lebende chinesische Autor und Dissident Liao Yiwu Ehrengast des Festivals "Literatur im Nebel" in Heidenreichstein war, wurde er bereits angekündigt: Sein "Dokumentarroman" über das, was Menschen in Wuhan bei Ausbruch der Covid-19-Pandemie erleiden mussten. Neben dem menschlichen Leid und dem medizinischen Notstand sollten von allem die radikalen Maßnahmen des autoritären Staates im Mittelpunkt stehen. Nun ist "Wuhan" auf Deutsch erschienen.

Heute, wo nach der x-ten Mutation des Virus zwar in Europa die Infektionszahlen so hoch wie nie sind, aber dennoch allmählich Kurs in Richtung Normalität genommen wird, macht der Blick auf die Anfänge in mehrfacher Hinsicht schaudern. Einerseits sind weiterhin viele Dinge ungeklärt - so nimmt etwa die Debatte, ob nun der Wildtiermarkt oder ein Hochsicherheitslabor der Ursprung der Seuche war, breiten, von allerlei Dokumenten gestützten Raum ein. Andererseits zeigen uns die auf viele Erlebnis- und Augenzeugenberichte von damals gestützten Schilderungen, wohin die unter dem Titel der Seucheneindämmung angeordneten Maßnahmen in letzter Konsequenz führen: geradewegs in eine Diktatur, die Menschen einsperrt, sterben lässt, und gleichzeitig die Meinungsfreiheit und die freie Zirkulation von Informationen unterbindet. Was US-Autorin Hanya Yanagihara im dritten Teil ihres jüngst erschienenen Schmökers "Zum Paradies" beschreibt, die 2094 herrschende Dystopie eines Mutationen und Meinungen gleichermaßen bekämpfenden Staates - in "Wuhan" schildert dies Liao Yiwu als Realität des Jahres 2020.

"Wuhan" beginnt mit dem Fall des ehemals für das chinesische Staatsfernsehen arbeitenden TV-Journalisten Kcriss (Li Zehua), der als Bürgerjournalist in Eigenverantwortung aus Wuhan berichtet, im Krematorium recherchiert, wo die Verbrennungsöfen ohne Unterlass arbeiten, und sich einem biologischen Hochsicherheitslabor so unbekümmert nähert, dass die Sicherheitsdienste auf ihn aufmerksam werden. Ohne eine echte Straftat begangen zu haben, wird er in einer wilden Jagd verfolgt, aufgespürt und verhaftet - und dokumentiert dies live im Internet.

Der Kampf des Regimes gegen freie Informationen, staatliche Internet-Firewalls und ihre Überwindung, permanente Löschung von hochgeladenen Daten und Videos, Zensur und Selbstzensur sind in Liao Yiwus Buch ein ebenso wichtiges Thema wie die eigentliche Seuchenbekämpfung. Die bekannten Mechanismen, Leugnung der schlechten Botschaft und Verfolgung jener, die rechtzeitig warnen, wegen Panikmache, danach brutale Abschottung bei gleichzeitiger Überforderung im Medizinischen, werden hier noch einmal in aller unmenschlichen Deutlichkeit nachgezeichnet.

Liao Yiwu, dem es 2011 gelang, China zu verlassen und der 2012 als Autor, der "sprachmächtig und unerschrocken gegen die politische Unterdrückung aufbegehrt und den Entrechteten seines Landes eine weithin hörbare Stimme verleiht", mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, führt jedoch noch eine zweite Figur ein, die den zweiten Teil des Buches dominiert und diesen auch literarisch abhebt: Der Historiker Ai Ding wird zu einer tragischen Figur, als er wider die Vernunft ausgerechnet zum Ausbruch der Coronakrise sein vor langer Zeit gelöstes Rückflugticket von einem Forschungsaufenthalt in Berlin einlösen und zum chinesischen Neujahrsfest zu Frau und Tochter nach Wuhan zurückkehren möchte.

Die Abenteuer, die Ai Ding - im häufigen Austausch mit seinem in Berlin gebliebenen Freund, dem Autor Zhuang Zigui, wohl das Alter Ego des Dichters selbst - bei seiner Rückfahrt erlebt, werden immer abstruser, er selbst zunehmend zu einem Don Quichotte, zu einem Ritter der traurigen Gestalt, der gegen mächtige Windmühlen reitet. Doch ehe man sich der vielen tragikomischen Volten und der literaturhistorischen Anspielungen bis hin zu Simplicius Simplicissimus auch wirklich erfreuen kann, nimmt das Unbehagen zu: Diese Geschichte wird nicht mehr gut ausgehen. Eile tut not. Ai Dings Gattin ist trotz höchster Vorsichtsmaßnahmen ebenfalls angesteckt. Die Rückreise wird ein Wettrennen mit dem Tod und mit den Behörden. Beide sind schneller.

In seinem Nachwort zieht Liao Yiwu ein bitteres Resümee: "Als Dichter und Schriftsteller, der seit 10 Jahren im Exil lebt, hoffe ich, dass meine westlichen Leser begreifen: Wenn man die Suche nach Wahrheit und Wissenschaft aufgibt, wenn die Globalisierung ausschließlich aus Profitstreben besteht, dann ist die Prophezeiung oder Warnung Nietzsches Realität geworden: 'Gott ist tot!!!'"

(S E R V I C E - Liao Yiwu: "Wuhan. Dokumentarroman", übersetzt von Hans Peter Hoffmann und Brigitte Höhenrieder, S. Fischer Verlag, 352 Seiten, 24,70 Euro)

Quelle: Agenturen