APA/Bettina Frenzel / Kosmos Theater

Kunstraum statt Knast: "Knechte" im Wiener Kosmos Theater

16. Feb. 2022 · Lesedauer 3 min

Die 1985 geborene und heute in Dresden lebende Deutsche Caren Jeß gilt als aufstrebende Theaterautorin. 2020 wurde sie mit der Grazer Uraufführung ihres Stücks "Bookpink" Nachwuchsdramatikerin des Jahres. Am Dienstag hatte ihr neuestes Stück "Knechte" im Wiener Kosmos Theater Premiere. Als Diplominszenierung des Studiengangs für Schauspiel und Regie der Universität Mozarteum Salzburg war der Abend eine gleich mehrfache Talentprobe.

Jeß hat für ihr Stück Erfahrungen aus Schreibworkshops in Berliner Gefängnissen verwendet, die sie gemeinsam mit einer Freundin gehalten hat - was eine ziemlich herausfordernde Sache für die jungen Frauen gewesen sein dürfte. Es geht anhand von fünf ihre Haft absitzenden jungen Männern um toxische Männlichkeit, um Konfrontation mit den Mitgefangenen und mit der eigenen Schuld. Und die ist durchaus mannigfaltig. Vom Autodiebstahl über Unfall mit Todesfolge bis zum grausamen Ehrenmord an der Freundin reichen die Delikte. Doch darüber sprechen sie nicht gerne.

Ebru Tartıcı Borchers, Jahrgang 1990, die nach einem Schauspielstudium in Ankara mit dieser Arbeit ein Regiestudium am Mozarteum abschließt, bringt keine Monster auf die Bühne, sondern recht sympathische junge Leute, die nur manchmal ihre dunkle Seite aufblitzen lassen. Man muss einige Fantasie beweisen, sich ihre Taten wirklich vorzustellen. Ausstatter Sam Beklik setzt nicht auf einen realistischen, hässlich-grauen Gefängnishof, sondern auf einen weißen, von Schnur-Vorhängen strukturierten Kunstraum, in dem Jeremy, Kevin, Aslan und Özgür in schicken roten Overalls wie Teilnehmer einer Performance wirken. Azahara Sanz Jara hat zu fetziger Musik immer wieder coole Tanzeinlagen choreografiert, und Igor Karbus darf einige Kostproben seiner Rap-Ambitionen unterbringen.

Allmählich schälen sich Lebensgeschichten heraus. Der Macho, der seiner Freundin aus Eifersucht umgebracht hat und nun auf islamischer Prediger macht, gleichzeitig aber mit seinen homosexuellen Neigungen nicht klarkommt (Servan Durmaz); der immer gut gelaunte Romantiker, von dem man nicht recht weiß, ob seine angehimmelte deutsche Freundin wirklich existiert (Alaaeldin Dyab); der nüchterne Analytiker, der sich nach verlorener Wette eine "Speckwanze" auf den Hintern tätowieren lassen muss (Nikita Buldyrski). Am wenigsten erfährt man vom namenlosen Außenseiter, der aus der Sicherungsverwahrung nur manchmal ins Rampenlicht darf (Kai Götting) und oft Gesprächsthema des restlichen Quartetts ist. Nur kurz blickt man in einen Abgrund, der einen Pfad vom eigenen Missbrauch zur Mordserie erahnen lässt.

"Knechte" hat keine wirkliche Entwicklung, kein Ende und auch keine eindeutige Aussage. Dass man die fünf jungen Männer auf der Bühne am Ende der 95 Minuten beinahe lieb gewonnen hat, mag man gut oder schlecht finden. Für die fünf jungen Darsteller war es jedenfalls sehr gut: Viel Schlussapplaus sorgte für ein glückliches Rückstrahlen ins Publikum.

(S E R V I C E - "Knechte" von Caren Jeß, Uraufführung, Diplominszenierung des Studiengangs für Schauspiel und Regie der Universität Mozarteum Salzburg, Regie: Ebru Tartıcı Borchers, Bühne und Kostüm: Sam Beklik, Choreografie: Azahara Sanz Jara, Video: Christian Borchers. Mit: Nikita Buldyrski, Servan Durmaz, Alaaeldin Dyab, Kai Götting, Igor Karbus. Weitere Termine: 17.-19., 23.-26. Feb., 2.-5. März, 20 Uhr, Kosmos Theater, Wien 7, Siebensterngasse 42, www.kosmostheater.at)

Quelle: Agenturen