Kosmos Theater zeigt "Sprechoper auf dem Heimatmisthaufen"
Das Leben am elterlichen Bauernhof ist für die Erzählerin, die titelgebende selbst ernannte Infantin, kein Zuckerschlecken: Ständig hagelt es Prügel, der Vater ist ein gewalttätiger Trinker, die Mutter bigott, aber keineswegs umgänglicher. Die Eltern streiten dauernd, die zwei Schwestern, Zwillinge, werden nicht müde, sich neue Gemeinheiten auszudenken. Nur der Großvater ergreift stets Partei für seine Enkelin. Wie kann man diesen verspielten Roman voller Bilder, Sprachbilder und Brutalitäten auf die Bühne bringen?
Lietzow hat sich für eine stark chorische Umsetzung mit gelegentlicher Musikbegleitung entschieden, quasi ein rurales Gegenstück zu Ernst Jandls Sprach-Performances. Dialoge und ausdifferenzierte Figuren gibt es kaum, aber viele Stimmen und viel Stimmung. Oliver Welter steuert nicht nur von der Seite mit Gitarre und elektronischen Instrumenten Livemusik bei, sondern erklimmt immer wieder auch den Misthaufen, auf dessen Gipfel zu Beginn des 85-minütigen Abends ein großes Holzkreuz befestigt wird. Dazu steigt er jeweils in Gummistiefel, die auch zur Grundausstattung des vierköpfigen, um eine Klappmaulpuppe ergänzten Schauspielensembles zählen. Sauber bleiben kann hier niemand.
Das Darsteller-Quartett trägt Stallkleidung und schwarze Mireille-Mathieu-Perücken. Blonde Zöpfe, wie sie im Text mehrfach angesprochen werden, trägt nur die Regisseurin bei der Entgegennahme des kräftigen Schlussapplauses. Ansonsten setzt man auf jene Bilder, die in den Zuschauern selbst entstehen. Und auf überraschend viel Witz.
"Zuerst kommt die Kuh, dann du!"
Klaus Huhle und Martina Spitzer übernehmen immer wieder eher die Parts der älteren Generation, einig einzig darin, dass kräftig zugelangt werden muss - in der Stallarbeit wie bei der Erziehung des Nachwuchses. Einprägsamer Merksatz: "Zuerst kommt die Kuh, dann du!" Sebastian Pass und Lisa Schrammel sind - mit tollem Einsatz bei den Tanz- und Gesangseinlagen - vor allem die junge Generation, die Zwillingsschwestern, die der Infantin immer wieder das Fürchten lehren.
Das Aufwachsen in diesem Ambiente ist ein ständiger Überlebenskampf. Die, die davon berichtet, schwebt gleichsam über dem Ganzen - kein unpassendes Bild für eine Autorin namens Adler, die den eigenen Kampf im Alter von 40 Jahren verlor, wenige Monate nachdem sie wegen ihrer schweren Erkrankung ihre Teilnahme am Bachmann-Preis absagen musste.
Seit 2025 wird übrigens der "Helena-Adler-Preis für rebellische Literatur" vergeben. Zweite Preisträgerin nach Elke Laznia im Vorjahr ist Barbi Marković. Die Verleihung findet am Sonntag um 11 Uhr im Literaturhaus Salzburg statt.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - "Die Infantin trägt den Scheitel links" von Helena Kaiser, Regie und Textfassung: Susanne Lietzow, Künstlerische Leitung und Konzept: Susanne Lietzow und Lisa Schrammel, Bühne und Kostüm: Aurel Lenfert, Komposition und Live-Musik: Oliver Welter, Mit Klaus Huhle, Sebastian Pass, Lisa Schrammel und Martina Spitzer. Kosmos Theater in Koproduktion mit Die Fabric, Weitere Aufführungen: 14., 15., 19.-21., 24.-27.3., 20 Uhr, Kosmos Theater, Wien 7, Siebensterngasse 42, www.kosmostheater.at )
Zusammenfassung
- Im Kosmos Theater Wien feierte am Donnerstag eine 85-minütige Sprechoper nach dem Roman 'Die Infantin trägt den Scheitel links' von Helena Adler Premiere, inszeniert von Susanne Lietzow mit Live-Musik von Oliver Welter.
- Das vierköpfige Ensemble thematisiert mit chorischer Sprache und viel Witz das harte Aufwachsen einer jungen Frau auf einem Bauernhof, wobei ein Misthaufen mit Holzkreuz als zentrale Bühne dient.
- Seit 2025 wird der 'Helena-Adler-Preis für rebellische Literatur' vergeben, die diesjährige Verleihung an Barbi Marković findet am Sonntag um 11 Uhr im Literaturhaus Salzburg statt.
