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Knallbunt und rasant: Nestroys "Zu ebener Erde" an der Burg

30. Jan. 2026 · Lesedauer 4 min

Wie eindrucksvoll man Realität und Virtualität miteinander verschränken kann, hat Bastian Kraft vor drei Jahren mit seiner "Zauberberg"-Inszenierung am Burgtheater demonstriert. Am Donnerstagabend trat er ebendort schließlich den Beweis an, dass er seine Trickkiste noch lange nicht ausgeschöpft hat und verwandelte Nestroys "Zu ebener Erde und erster Stock" in eine rasante Graphic Novel, die jedoch in ihrer optischen Opulenz über zweieinhalb Stunden zur Reizüberflutung geriet.

Denn der übermächtige Hauptdarsteller ist die Bühne von Peter Baur: Die weiße Wand - oben Stuck, unten unverputzte Betonziegel - dient als Projektionsfläche für die knalligen Comic-Projektionen von Jasmin Kruezi, die Spielfläche sowohl im Erdgeschoß als auch im ersten Stock ist lediglich ein schmaler Streifen. Auf- und Abtrittsmöglichkeiten bieten zahlreiche Luken. Während die Raumhöhe in der Beletage vor Neid erblassen lässt, ist sie im Erdgeschoß nicht einmal mannshoch. Und so gehen Schlucker und seine Anverwandten nicht nur sprichwörtlich gebückt durchs Leben.

Vor den ständig wechselnden, neonfarben animierten Grafiken, in die sich auch realistische Videos mischen (etwa von einer überdimensionalen Ratte, die durchs Erdgeschoß flitzt oder tanzenden Partygästen im ersten Stock), schickt sich das zehnköpfige Ensemble an, die Posse rund um die "Launen des Glücks" zum Leben zu erwecken. Praktischerweise werden die einzelnen Rollennamen zu Beginn über die jeweiligen - mit einem Tusch auftretenden - Akteure projiziert, was nicht zuletzt aufgrund einiger Mehrfachbesetzungen durchaus hilfreich ist. Und vor einem Comic-Hintergrund gebärden sie sich entsprechend: Jörg Ratjen gibt als fahriger Großkotz einen verpeilten Goldfuchs, Maresi Riegner ist im geblähten, giftgrünen Rüschenkleid (mit pinker Riesenschleife auf der wasserstoffblonden Perücke) das verwöhnte Mädel, das sich von Markus Meyer und Jonas Hackmann als herrliche Karikaturen von durchtriebenen Bediensteten umsorgen lässt.

Auch unten frönt man dem Komödiantischen mit Leidenschaft: Während Gunther Eckes als Familienoberhaupt Schlucker den reschen Prolo gibt, hüpft Andrea Wenzl wie aufgezogen als hyperaktiver Damian durch die Szene, dessen Männlichkeit in herrlichen Momenten zur reinen Behauptung wird. Paul Basonga ist als vollbusige Frau Sepherl im rosa Nachthemd vor allem eine betüttelnde Mutter (besonders süß: die Kinderkomparserie). Leidenschaftlich in die Liebeswirren verstrickt ist Stefanie Dvorak als Salerl, während Dietmar König in seiner Doppelrolle als Herr Zins und Monsieur Bonbon brilliert, was in einer grandiosen Szene mündet, in der die beiden miteinander in Dialog treten und der falsche Bart wie wild auf- und abgesetzt wird. Justus Balamohan Maier wechselt als Bedienter und Schluckers Ziehsohn engagiert zwischen den Welten.

Blasser Bruch der Lebensentwürfe

Dass bei so viel Trubel bisweilen die Konsistenz der Handlung auf der Strecke bleibt, ist eine deutliche Schwäche des Abends. So bleiben gerade jene Szenen, in denen der plötzliche Auf- respektive Abstieg der Familien manifest wird, seltsam blass. Wer nach fast zwei Stunden schon alles an Emotionen gegeben hat, vermag den plötzlichen Bruch im Lebensentwurf nicht mehr zu toppen.

Getrieben wird der Abend aber nicht nur durch die rasenden Bilder, sondern auch vom Sound der dreiköpfigen Band unter der Leitung von Alexander Xidi Christof. Anklänge an heutige Klassenunterschiede bieten erwartungsgemäß die Couplets, die sich nicht nur dem Thema Hipster in Altbauwohnungen und Airbnb-Vermietung widmen, sondern auch der Mietpreisbremse. Einen selbstironischen Moment hat der deutsche Regisseur eingebaut, als er Markus Meyer über jene "Piefkes" singen lässt, die am Theater mit ihrem Zungenschlag die Nestroysche Sprache vermurksen. Ausgerechnet diesen Eindruck hat man bei dieser sehr präzise mit dem Text umgehenden Inszenierung jedoch nicht. Vielmehr fühlt man sich nach diesem psychedelischen Ritt vor allem erschöpft. Unter den Applaus mischten sich auch vereinzelte Buh-Rufe. Man kann's den Wienern mit Nestroy wohl nie ganz Recht machen.

(Von Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - "Zu ebener Erde und erster Stock" von Johann Nestroy im Burgtheater, Regie: Bastian Kraft, Bühne: Peter Baur, Kostüme: Inga Timm, Sounddesign: Robin Gillard, Video: Jasmin Kruezi, Musik: Alexander Xidi Christof, Choreografie: Sabina Perry, Licht: Marcus Loran. Mit Jörg Ratjen, Maresi Riegner, Jonas Hackmann, Markus Meyer, Justus Balamohan Maier, Gunther Eckes, Paul Basonga, Andrea Wenzl, Stefanie Dvorak und Dietmar König. Weitere Termine: 3., 8. und 17. Februar sowie 3., 23. und 30. März. www.burgtheater.at )

Zusammenfassung
  • Regisseur Bastian Kraft verwandelte Nestroys "Zu ebener Erde und erster Stock" am Burgtheater in eine zweieinhalbstündige, visuell überbordende Graphic Novel mit auffälligen Comic-Projektionen von Jasmin Kruezi.
  • Das zehnköpfige Ensemble spielt auf einer von Peter Baur gestalteten Bühne, wobei Rollennamen zu Beginn projiziert werden und moderne Themen wie Mietpreisbremse und Airbnb in Couplets aufgegriffen werden.
  • Trotz musikalischer Begleitung durch eine dreiköpfige Band und großem Einsatz bleibt die Handlung stellenweise blass, das Publikum reagierte mit Applaus und vereinzelten Buh-Rufen.