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KI gegen unbezahlte bürokratische Arbeit am Theater

Heute, 04:41 · Lesedauer 5 min

Mit ihr oder gegen sie? Künstliche Intelligenz und ihre Auswirkungen auf das künstlerische Schaffen beschäftigt derzeit auch die Interessensvertretungen. Während man auf der einen Seite mögliche Gefahren, Probleme und rechtliche Lösungen (vor allem in Hinblick auf Urheberrecht) diskutiert, widmet man sich an anderer Stelle dem potenziellen Nutzen von ChatGPT, Mistral und Co. Für diese Aufklärungsarbeit brauche es aber nachhaltige Förderungen, so die IG Freie Theaterarbeit.

Unter dem etwas sperrigen Titel "KI, GVR und Streaming" trafen sich kürzlich Vertreterinnen und Vertreter aus so gut wie allen Sparten der Kulturszene zu einer von der Initiative Urheberrecht veranstalteten Konferenz in Wien. Diskutiert wurden etwa Fragen wie "Aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen" im Bereich der bildenden Kunst, eine Sammelklage von US-Autorinnen und -Autoren gegen Open AI oder das "Leistungsschutzrecht des Tonträgerherstellers im Streaming- und KI-Zeitalter".

Nicht auf dem großen Podium, sondern zu Hause vor den Bildschirmen fand in diesem Herbst eine ganz andere Auseinandersetzung mit dem Thema statt: "Hands-On KI" nennt sich jenes Weiterbildungsprogramm, das die IG Freie Theaterarbeit auf die Beine gestellt hat, bei dem der Fokus - neben der kritischen Auseinandersetzung - auf dem "selbstbestimmten Umgang mit der sich rapide entwickelnden Technologie" liegt, wie es in der Beschreibung heißt. Insgesamt 16 Webinare, Onlineworkshops und Exkursionen boten Mitgliedern der Interessensgemeinschaft die Möglichkeit, sich niederschwellig in das Thema Künstliche Intelligenz einzuarbeiten.

"Die meisten Künstlerinnen und Künstler haben hier einen Startnachteil, weil sie sich solche normalerweise sehr teuren Weiterbildungen einfach nicht leisten können", erklärt Ulrike Kuner, Geschäftsführerin der IG Freie Theaterarbeit, im APA-Gespräch. Daher habe man mithilfe einer KI-Förderung des Kulturministeriums ein dreimonatiges Programm entwickelt, das unterschiedlichste Aspekte von Künstlicher Intelligenz aufbereitet. "Für manche ist Excel schon schwierig, oder das Schreiben, weil die Kompetenzen von Künstlerinnen und Künstlern anders gelagert sind", weiß Kuner. Das Interesse sei jedenfalls groß gewesen: Für die Reihe gab es 100 Anmeldungen aus ganz Österreich, die Webinare wurden durchschnittlich von 60 bis 80 Personen besucht.

KI soll unbezahlte bürokratische Arbeit erleichtern

Wofür brauchen Theaterschaffende überhaupt Künstliche Intelligenz? "In der Freien Szene wird viel unbezahlte Arbeit abseits des künstlerischen Arbeitens geleistet", erklärt Fachreferentin Carina Werthmüller. Und so gab es neben Best-Practice-Vorträgen wie "KI, Tanz und Robotics" der interdisziplinären Forschungsgruppe H.A.U.S. oder "Theatersprache und ChatGPT" von Angela Richter vor allem Praktisches wie "KI für die Öffentlichkeitsarbeit", "Prompting und die eigene KI-Assistenz" oder "Urheberrecht und Datenschutz".

Aber auch Einblicke in künstlerisch-kritische Auseinandersetzungen mit KI-Technologien wurden geboten, etwa eine Exkursion ins MAK zu Hito Steyerl. Theoretischer Input kam beispielsweise von Hilke Marit Berger, die sich mit der Frage auseinandersetzte, welche Aufgabe Kunst bzw. Theater in Hinblick auf eine rasant fortschreitende Technologisierung haben kann. Ein weiteres Thema waren Machtstrukturen im digitalen Raum unter dem Titel "Digitale Selbstverteidigung".

Gerade bei Themen wie Projektplanung oder Medienarbeit seien diverse KI-Tools enorm hilfreich und dienen der Professionalisierung, so Kuner. Dass allerdings nicht jeder organisatorische Schritt mit KI gegangen werden soll, zeige sich bei Förderanträgen. "Hier bekommen wir die Rückmeldung, dass von KI geschriebene Förderanträge sofort als solche erkannt werden - und keinen Eindruck hinterlassen", mahnt Kuner. "Da ist es besser, mit all den Fehlern und Eigenheiten zu schreiben, aber dafür klar zu machen, dass man sich selbst mit dem Projekt auseinandergesetzt hat."

Verantwortungsvoller Umgang zur Schonung der Ressourcen

Grundsätzlich sei es bei den Schulungen auch darum gegangen, den Einsatz von Künstlicher Intelligenz genau abzuwägen. Nicht zuletzt der enorme Ressourcenverbrauch durch die Rechenzentren sollte ein Grund sein, nicht sofort zum Sprachmodell zu greifen, unterstreicht Werthmüller. Auch müsse man sich bewusst sein, wie die einzelnen Modelle trainiert wurden und womit man die oft kostenlose Nutzung bezahlt: "Nämlich mit den eigenen Daten."

Das nun über Monate zusammengetragene Wissen will man auch langfristig zugänglich machen. "Wir haben alles aufgezeichnet und - mit KI - Transkripte erstellt", erläutert Werthmüller. Diese sollen gemeinsam mit den Videos auf einer eigenen Webseite veröffentlicht werden. "Im Rahmen unserer Möglichkeiten wollen wir künftig alle drei Monate weitere Netzwerktreffen anbieten, schließlich entwickelt sich die Technologie rasant weiter und somit auch der kritische Diskurs darüber", so die Fachreferentin der IG Freie Theaterarbeit. "Für die kontinuierliche Weiterarbeit bräuchte es eigentlich eine weitere Förderung", ergänzt Fachreferent Valentin Werner.

Wird Künstliche Intelligenz im Bereich der Darstellenden Kunst irgendwann das künstlerische Schaffen ersetzen, wie es bereits in Musik und Literatur befürchtet wird? Am ehesten sehen Kuner, Werthmüller und Werner den Einfluss von KI auf dem Werbemarkt, wo menschliche Sprecherstimmen mittlerweile ersetzt werden. "Kreative Jobs werden sich verändern, aber nicht wegfallen. Vielleicht werden Dramaturgen andere Aufgaben haben, oder Trailer und Videos werden anders geschnitten", glaubt Werner, "aber egal ob Freie Szene oder Burgtheater: ohne KI reicht auch!"

Zusammenfassung
  • Die IG Freie Theaterarbeit organisierte im Herbst ein dreimonatiges Weiterbildungsprogramm mit 16 Online-Veranstaltungen zum Thema Künstliche Intelligenz.
  • Das Angebot richtete sich an Künstlerinnen und Künstler, die sich teure Fortbildungen oft nicht leisten können, und verzeichnete 100 Anmeldungen sowie durchschnittlich 60 bis 80 Teilnehmende pro Webinar.
  • Im Mittelpunkt standen praktische KI-Anwendungen zur Erleichterung unbezahlter bürokratischer Arbeit, etwa bei Projektplanung und Öffentlichkeitsarbeit.
  • In den Schulungen wurde auch der verantwortungsvolle Umgang mit KI thematisiert, insbesondere hinsichtlich Ressourcenverbrauch, Datenschutz und der Problematik KI-generierter Förderanträge.
  • Das gesammelte Wissen wird auf einer eigenen Webseite mit Videos und Transkripten veröffentlicht, und für die Fortsetzung des Angebots fordert die IG Freie Theaterarbeit weitere Förderungen.