Kaiserliche "kleine Überraschung": NHM zeigt Edelsteinstrauß
Möglich wurde die Neuinszenierung und neue wissenschaftliche "Sicherung" des aus der Mitte des 18. Jahrhunderts datierenden, besonders kunstvoll gearbeiteten, glänzenden Ensembles durch ein Sponsoring des Freundesvereins des NHM. Eine einmalige Gelegenheit für Victoria Kohn, Kuratorin der Edelsteinsammlung und Ko-Kuratorin der NHM-Mineraliensammlung, und ein ebenso eingebundenes, auch wissenschaftshistorisch kompetentes Team.
Übergeben worden ist das vermutlich vom Juwelier Michael Grosser um 1760 in Wien fertiggestellte, 2,8 Kilogramm schwere und 50 Zentimeter hohe Blumenbouquet der Legende nach als "kleine Namenstagüberraschung". So wurde es angeblich in aller Früh in Franz' Mineralienkabinett gestellt, wie Kohn bei einem Besuch von Journalisten zur APA sagte. Das Geschenk war einerseits "ein Liebesbeweis", andererseits aber auch ein Symbol für die Unterstützung des naturwissenschaftlichen Engagements und des Interesses am wirtschaftlich bedeutsamen Bergbau ihres Mannes seitens Kaiserin Maria Theresia.
Eindruck machte der Strauß auch auf Johann Wolfgang von Goethe, der ihn in seiner mit viel Fantasie gespickten Autobiografie "Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit" erwähnte. Er hat "eventuell Vorarbeiten dazu in Frankfurt am Main" gesehen, erklärte Kohn.
Neues Klima in der Tresorvitrine
In dem im vorigen Jahr gestarteten Forschungsprojekt zum Edelsteinstrauß ging es vor allem darum, "den Schutz zu verbessern", wie Kohn erklärte. Nun wurde die Tresorvitrine, in der das Objekt seit den 1970ern ausgestellt war, mit einer neuen, weniger intensiven Beleuchtung und einem Klimaaggregat ausgestattet. "Wir beleuchten jetzt mehr von vorne, um das Objekt mehr zum Funkeln zu bringen. Vor allem wird die Luftfeuchtigkeit angepasst - das ist sehr, sehr wichtig", so die Expertin.
Die bisher schwankende Luftfeuchte hat dem filigranen Gebilde zugesetzt: Die aus Diamanten, anderen Edelsteinen, Rohdiamanten, Korallen, Molluskenschalen und einer einzigen Perle gearbeiteten 61 Blüten und zwölf Insekten befinden sich auf 73 einzelnen Drähten, die in einer Vase aus Bergkristall stecken. Diese Drähte können rosten bzw. haben begonnen, leicht zu korrodieren. Ein Fortschreiten will man unter den neuen Bedingungen in der Vitrine tunlichst vermeiden.
3D-Modell, ein "Maskottchen" und eine kleine Schnecke
Ab Ende April wird die überarbeitete Repräsentation dann zu sehen sein. In Saal IV des NHM werden zusätzlich in einer "Pop-up-Vitrine" die Ergebnisse des vor allem geschichtlich ausgelegten Forschungsprojekts und ein aus über 1.000 hochauflösenden Einzelbildern aufgebautes, laut Kohn "fantastisches" 3D-Modell in einem Video zu sehen sein. Dann kann der Strauß virtuell von allen Seiten betrachtet werden.
Zu sehen gibt es jedenfalls vieles: So etwa oben im Ensemble eine Zikade - gewissermaßen das "Maskottchen" des Objekts - mit Flügeln aus Festungsachat und einem Kopf aus Augenachat. Die Mundwerkzeuge sind aus zwei kleinen Smaragden gefertigt, die einen tropfenförmigen, gelben Diamanten halten, der einen Honigtropfen darstellen soll. Kohns Lieblingsobjekt ist eine winzige Schnecke, die im Blattwerk versteckt ist.
Preis: "Unbezahlbar!"
Die aus Baumwolle und Seide gefertigten Blätter wurden über die langen Jahre hinweg von der Sonneneinstrahlung etwas ausgebleicht. Wie sehr, erkennt man im Vergleich mit einem historischen Aquarell des Straußes, das entstand als das Ensemble 1837 neu arrangiert wurde. Hier kommt die grüne Färbung noch deutlich stärker zur Geltung.
Wer sich jetzt fragt, wie sich dieses exquisite Blumenarrangement, das nie verwelkt, preislich gestaltet, muss mit eher vagen Angaben vorlieb nehmen: "Es ist natürlich unwiederbringlich, hat einen historischen Wert, der mit Geld nicht aufzuwiegen ist", sagte Kohn: "Unbezahlbar!" Letztlich habe der Strauß mehrere Übersiedelungen - er war zum Beispiel 23 Jahre auch im Kunsthistorischen Museum (KHM) ausgestellt - und zwei Weltkriege gut überstanden. Sie sei dementsprechend "dankbar, dieses Objekt betreuen zu dürfen", so die Wissenschafterin, die sich in einem Folgeprojekt noch vorstellen könnte, mittels Spektralanalyse herauszufinden, von wo her all die Steine einmal ihren Weg Richtung Wien gefunden haben. Ob das möglich wird, sei aber noch offen, erklärte Kohn.
(S E R V I C E - https://www.nhm.at )
Zusammenfassung
- Der Edelsteinstrauß im Naturhistorischen Museum Wien besteht aus 2.102 Diamanten, 761 Edel- und Schmucksteinen, wiegt 2,8 Kilogramm, ist 50 Zentimeter hoch und wurde vermutlich um 1760 als Geschenk von Maria Theresia an Kaiser Franz I. gefertigt.
- Die Tresorvitrine des Straußes wurde technisch modernisiert: Neue Beleuchtung und ein Klimaaggregat sollen die 61 Blüten und 12 Insekten auf 73 Drähten künftig besser vor Korrosion und Feuchtigkeit schützen.
- Ab Ende April ist die neu inszenierte Präsentation mit einer Pop-up-Vitrine und einem Video des aus über 1.000 Einzelbildern erstellten 3D-Modells im NHM zu sehen; der Wert des Objekts gilt als "unbezahlbar".
