APA/APA/Jüdisches Museum Wien/Brigitte Kowanz

Jüdisches Museum erinnert an verlorenes Wissen

27. Jan. 2026 · Lesedauer 3 min

Es mag zunächst wie ein Widerspruch klingen: Warum widmet sich ein Museum, das per se für das Erinnern steht, dem Vergessen? Die Antwort gibt die neue Schau "Alles vergessen" im Jüdischen Museum Wien (JMW) am Judenplatz. "Wir haben uns gefragt: Was ist mit jenen Teilen der Geschichte, die nicht gesammelt werden? Was ist mit Objekten, deren Geschichte wir nicht mehr kennen?", skizzierte JMW-Direktorin Barbara Staudinger am Dienstag den Ansatz der Ausstellung.

Eröffnet wird die Schau, die in Kooperation mit dem Jüdischen Museum Hohenems realisiert wurde, am Internationalen Holocaust-Gedenktag (Dienstag). Wie vielfältig die Formen des Vergessens und Verdrängens sind und wann der Verlust von Erinnerung auch befreiend sein kann, zeigen sowohl historische Objekte als auch künstlerischen Beiträge. So steht am Beginn der Schau eine Lichtinstallation von Brigitte Kowanz aus dem hebräischen Wort für "Vergessen" (Lischkoach), das auf einem Spiegel angebracht ist, wodurch sich die Betrachter im "Vergessen" bis ins Unendliche spiegeln. Die Arbeit ist ein Verweis auf jene 25 im öffentlichen Raum platzierte Arbeiten, an denen sich vor den Novemberpogromen Synagogen und Bethäuser befanden.

Vergessene Objektgeschichten aus dem Bethausverein Montefiore in der Wiener Leopoldstadt thematisieren zwei Tora-Aufsätze, die dem Bethaus laut Inschrift von Jacob und Bertha Spitz gespendet wurden, wobei die Forschung dazu keine weiteren Informationen hat. Mit der nunmehrigen Präsentation in der Ausstellung wolle man "den Ort dem Vergessen entreißen", erläuterten die beiden Kuratorinnen Daniela Pscheiden und Dinah Ehrenfreund-Michler. Mit dem eigenen Vergessen, nämlich seiner fortschreitenden Alzheimer-Erkrankung setzte sich der US-Künstler William Utermohlen in einer Serie von Selbstporträts auseinander, die sukzessive die klaren Formen verlieren und zu abstrakten Schatten werden.

Das "Recht auf Vergessen" im digitalen Zeitalter thematisiert im zweiten Ausstellungsraum die Künstlerin Esther Hovers, die ein Bild jenes Mannes künstlerisch verfremdet, der vor dem Europäischen Gerichtshof jenen Antrag einbrachte, der schließlich im sogenannten "Google-Spain-Urteil" zum Recht auf Löschung von URLs aus Suchergebnissen mündete. Indem sie genau jene Bilder verwendet, die aufgrund des Urteils gar nicht mehr im Internet auffindbar sein sollten, macht sie die Unmöglichkeit des Vergessenwerdens im World Wide Web sichtbar. Das "österreichische Vergessen" illustriert unterdessen ein ganz besonderes Objekt: das Wehrstammbuch von Kurt Waldheim.

Wissen ablegen statt vergessen

Wissen und Erinnerung als nicht-hierarchisches Netz realisierte der Soziologe Niklas Luhmann mit seinem berühmten Zettelkasten, in dem jeder Zettel durch Verweisnummern mit anderen in Beziehung tritt. Die Leihgabe der Universität Bielefeld steht einem Monument gleich in der Raummitte. "Im Zentrum dieses Systems steht ein paradoxes Verhältnis von Erinnern und Vergessen, das Luhmann als 'Verwahrensvergessen' bezeichnete - das bedeutet, dass Wissen zwar gespeichert, aber nicht ständig präsent gehalten wird", heißt es dazu im Katalog. Dass manchmal erst Röntgenstrahlen den Versuch des Vergessens enttarnen können, zeigt ein 1945 entstandenes Porträt von Andreas Hofer, das zum Ende des Krieges hastig als Übermalung eines Hitler-Porträts entstand. Das Vergessen, so zeigt die Ausstellung deutlich, führt erneut zu Erinnerung.

(S E R V I C E - "Alles vergessen" im Jüdischen Museum Wien, Museum Judenplatz. 28. Jänner bis 6. September. www.jmw.at )

Zusammenfassung
  • Zu den Exponaten zählen zwei Tora-Aufsätze aus dem Bethausverein Montefiore, das Wehrstammbuch von Kurt Waldheim sowie Selbstporträts von William Utermohlen, der seine Alzheimer-Erkrankung künstlerisch verarbeitet.