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Jubel und Buhs für "Hyäne Fischer" als Musical in Berlin

11. Nov. 2022 · Lesedauer 4 min

Vor genau vier Jahren rief das Lied einer bis dahin unbekannten Österreicherin namens Hyäne Fischer, die sogar am Songcontest teilnehmen wollte, Diskussionen hervor. Wer verbarg sich dahinter? Rechts? Links? Bis sich herausstellte, dass es sich um ein feministisches Kunstprojekt handelte. Gestern, Donnerstag, wurde "Hyäne Fischer" als Musical an der Berliner Volksbühne uraufgeführt.

Bereits im Foyer werden die Gäste des Abends mit einer Endlosschleife eines Hyäne Fischer-Videos eingestimmt. Das Stück ist fest in weiblicher österreichischer Hand: Konzept und Leitung stammt von Marlene Engel, der Text von Lydia Haider, die Musik (wenn es sich nicht gerade um einen Schlager von Helene Fischer handelt) von Eva Jantschitsch.

Eine der fünf Darstellerinnen, Katarina Maria Trenk, singt und spricht Wienerisch, was für das deutsche Publikum wohl nicht leicht verständlich ist. Zumal man dem Text akustisch ohnedies nur schwer folgen kann. Wenn gesungen wird, schon gar nicht, obwohl Headsets verwendet werden.

Während der Aufführung wabert Bühnennebel, zucken Lichtblitze, im Hintergrund hustet ein bescheidener Vulkan kleine Feuerzungen. Das vorwiegend junge Publikum ist schon von Beginn merkbar auf Jubel gestimmt und jauchzt nach jeder musikalischen Einlage. Der Eindruck verstärkt sich, dass es nach der Devise genießt: hauptsache bunt und schräg.

Denn auch wenn zu Beginn angekündigt wird "Heute ist Zahltag", erschließen sich Sinn und Handlung des Geschehens kaum. Da deklamieren die fünf Protagonistinnen abwechselnd mit viel Pathos, wobei sich nicht erkennen lässt, wen sie eigentlich darstellen. Ohne "Arsch" und "Fotze" geht es im Text nicht ab. Der weibliche Chor in Camouflage-Kostümen agiert im Hintergrund wie in einer griechischen Tragödie.

"Die Identitären haben jetzt Haare bekommen", man könne sie schälen und in die Äste hängen, heißt es an einer Stelle. Also doch politisch. Eine lange Szene lang schlagen die Choristinnen choreografiert aufeinander ein. Glatzen klatschen als Kunstereignis?

Es gibt an manchen gesungenen Stellen Anklänge an den Schlager, und die Nachbarin wippt mit dem Fuß mit. Sollte hier etwa die Sängerin Helene Fischer persifliert werden, ging das somit daneben. Dann wohl doch die Poesie: "Meine Seele ist nie mehr zu Tode betrübt. Bleibt bei mir und wacht mit mir, es geht los." Auch die Religion wird in Dienst genommen. Doch auch wenn später sogar die Wandlungsworte abgewandelt Eingang in Haiders Text finden, ruft das beim mehrheitlich atheistischen Berliner Publikum vermutlich kaum Wiedererkennungsmomente hervor.

"Alles geht, nur die Fische schwimmen." Alles lacht. Die Drehbühne setzt sich in Bewegung und zeigt den Vulkan von hinten als Holzgestell mit unscheinbarer Nebelmaschine. Die Realität ist stets kläglicher als die Illusion. Dann erklingt eines der Erfolgslieder von Helene Fischer, "Atemlos durch die Nacht". An der Volksbühne wird gesungen: "Hodenlos an die Macht", denn die auf der Bühne agieren, sind ja allesamt Frauen. Und zum Schluss wird noch ein Hohelied auf das Matriarchat gesungen.

Als es nach eineinhalb Stunden finster wird auf der Bühne, herrscht einige Verdutzungs-Sekunden Stille im Publikum, bevor zu gleichen Teilen Jubel und Buhrufe losbrechen. Doch die Jubler sind ausdauernder, zumal sich die Mitte der ersten Reihen wie auf Kommando erhebt und einzelne Blumen auf die Bühne wirft, offenbar der Schlusspunkt der Inszenierung, Show in der Show.

Das musikalische Oeuvre des Abends ist dürftig, der Text über weite Strecken unverständlich. Die Botschaft? Gab es eine Botschaft? Wenn nicht, so geriet wenigstens die Opulenz des Gebotenen schal. L ́art pour l ́art? "Das totale Musical" lautet der Untertitel des Abends. Ob es seinen Weg machen wird, ist fraglich.

(S E R V I C E - "Hyäne Fischer - Das totale Musical", nächste Vorstellungen in der Volksbühne Berlin: 12., 14.11., 3., 16., 28., 31.12., https://www.volksbuehne.berlin)

Quelle: Agenturen