APA/Philine Hofmann / Theater in der Josefstadt

Jelinek in der Josefstadt: "Rechnitz" als Totentanz

16. Jan. 2022 · Lesedauer 4 min

Die sterblichen Überreste der Opfer, nur noch aus vereinzelten Knochenteilen bestehend, werden zu den Klängen eines jüdischen Totenliedes bestattet. Das friedvolle Ende einer grausamen Geschichte. Was Anna Bergmann an den Schluss ihrer Inszenierung von Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)" stellt, die am Samstag im Theater in der Josefstadt nach vielen Verschiebungen endlich Premiere feierte, steht in der Realität noch aus. Nach dem Massengrab wird weiter gesucht.

Das Massaker auf dem burgenländischen Schloss der Gräfin Margit von Batthyány im März 1945, kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee, als im Zuge eines orgiastischen nächtlichen Festes mit lokaler NS-Prominenz 180 jüdische Zwangsarbeiter erschossen und verscharrt wurden, beschäftigte in den vergangenen Jahrzehnten Historiker und Künstler immer wieder. Es gibt Bücher, ein Stück von Peter Wagner, einen Film ("Totschweigen" von Margareta Heinrich und Eduard Erne). Jüngst nahm Eva Menasse in ihrem Roman "Dunkelblum" erneut darauf Bezug. Jelineks 2008 in München uraufgeführtes Stück, das Motive aus Luis Buñuels Film "Der Würgelengel" einarbeitet und immer wieder (einander widersprechende) Boten an die Geschehnisse von damals erinnern lässt, wurde auch in Österreich mehrfach inszeniert und lässt für die szenische Umsetzung alle Freiheiten.

Die deutsche Regisseurin Anna Bergmann, seit 2018 Schauspieldirektorin in Karlsruhe, die am Theater in der Josefstadt bereits "Fräulein Julie" und "Madame Bovary" auf die Bühne gebracht hat, setzt das Geschehen bewusst in einen Kunstraum. Bühnenbildnerin Katharina Faltner hat ein sich drehendes Rund-Podest gebaut, das von Plastik-Bahnen umschlossen werden kann, und um das TV-Screens angeordnet sind. In dieser verfremdeten Zirkus-Manege tummelt sich ein achtköpfiges Ensemble in Latex-Glatzen, das immer wieder zu singen anhebt oder zu Waffen greift. So wird Distanz zum Geschehen geschaffen. Und das ist gut so. Denn es geht in diesem Totentanz, diesem Bal Macabre weniger um die Tat selbst als um das Danach. "Es können nicht alle Opfer sein!", heißt es bei Jelinek. "Jemand muß auch Täter sein wollen, bitte melden Sie sich." Die Grenze zwischen Mitwissern und Mittätern ist fließend.

Im Zentrum von Bergmanns - mit fast zwei Stunden etwas zu lang geratener - Inszenierung, steht Sona MacDonald als Gräfin. Sie ist ein Schreckgespenst, ein Totenvogel, eine Diva des Untergangs. Sie verkörpert die höllische Lust der Nazis, den Zusammenbruch ihres tausendjährigen Reiches zum flammenden Inferno zu gestalten, ebenso wie die Mittäterschaft der Künstler, denen Glanz wichtiger war als Gesinnung. In manchen Momenten erinnert der Abend an die Konzerte der Gruppe Laibach, die mit ähnlichen Codes spielen.

Rund um die Gräfin taumeln Menschen, die ein Bewusstsein für gut und böse längst verloren haben. Prägnant gibt etwa Robert Joseph Bartl einen betont unschuldigen Waffenmeister sowie den schlitzohrigen Politiker der Nachkriegszeit, in der man zwar nach den Opfern graben, aber keinesfalls etwas finden durfte. Die Gräber mussten von den entkräfteten Zwangsarbeitern selbst ausgehoben werden. Tamim Fattal gestaltet in so einer Grube berührend einen letzten Monolog. Dass die Schüsse selbst in einer längeren Szene als Selbstmorde inszeniert werden, versteht man nicht wirklich, dass im Publikum darüber immer wieder gelacht wurde, noch viel weniger.

Am Ende kommt per Video die Ruine des Rechnitzer Kreuzstadels, des vermuteten Schauplatzes der Morde, ins Bild. So gibt Anna Bergmann dem künstlichen Geschehen schlussendlich doch eine konkrete geografische und historische Verortung. Ein bewegender Abschluss eines nicht immer völlig überzeugenden, jedenfalls aber sehr ambitionierten Abends. Die Josefstadt und Jelinek - das könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft gewesen sein.

(S E R V I C E - "Rechnitz (Der Würgeengel)" von Elfriede Jelinek, Regie: Anna Bergmann, Bühnenbild: Katharina Faltner, Kostüme: Lane Schäfer, Musik: Moritz Nahold. Mit: Sona MacDonald, Michaela Klamminger, Elfriede Schüsseleder, Götz Schulte, Oliver Rosskopf, Robert Joseph Bartl, Tamim Fattal, Dominic Oley. Theater in der Josefstadt. Nächste Vorstellungen: 16., 26.1., Karten: 01 / 42 700-300, www.josefstadt.org)

Quelle: Agenturen