Ibsens "Nora" kommt im Schauspielhaus Wien auf den Kompost
Der in Israel geborenen und seit 2012 in Berlin lebenden Autorin begegnete man zuletzt im Dezember in der Dunkelkammer des Volkstheaters mit "What Lovers Do", einem wütenden Rundumschlag gegen sexualisierte männliche Gewalt. Nun also "Nora". Die österreichische Autorin Gerhild Steinbuch hat das 2024 in Hannover von Marie Bues uraufgeführte Stück, für das Sivan Ben Yishai mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde, ins Deutsche übertragen. Die vom argentinisch-spanischen Regisseur Juan Miranda besorgte österreichische Erstaufführung im Schauspielhaus wurde am Samstag heftig akklamiert.
"Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert" ist für die 1978 geborene Ben Yishai "eine Meditation über den Kanon und die Um- oder Überschreibung der Vergangenheit", wie man im Programmheft erfährt. Und so schadet es nicht, den Plot des Stücks zumindest halbwegs im Hinterkopf zu haben, wenn man sich auf diese spannend anhebende, sich dann aber zusehends verlierende 90-minütige Dekonstruktion einlässt. Bühnenbildnerin Elisabet Castells i Negre hat ein für sich sprechendes Bühnenbild geschaffen: Jenes Herrenhaus, in dem Nora gemeinsam mit ihrem Mann Torvald Helmer, den gemeinsamen Kindern und den Hausangestellten lebt, ist hier bloß noch eine behelfsmäßig zusammengezimmerte Baracke aus Spanplatten und Plastikplanen, auf deren schiefer Ebene gerade einmal das Wohnzimmer Platz findet. Äußerst raffiniert sind die Kostüme von Martha Lange, die spielerisch unterschiedliche Mode-Epochen vereinen.
Die auf Rollen montierte Wanderbühne dient Nora (Sophia Löffler), die sich als Prinzipalin der seit 140 Jahren laufenden Erfolgsproduktion "Nora" versteht, als Machtzentrum, in dem sie seit jeher die Fäden zieht. Doch die Zeiten haben sich geändert und die Figuren des Stücks beginnen sich aufzulehnen. Sie sind allesamt nicht mehr bereit, dieses Stück weiterhin aufzuführen.
Das beginnt schon mit dem Umstand, dass Torvald Helmer (mit naivem Charme: Maximilian Thienen) als Patriarch bereits im Rollenverzeichnis ganze sechs Mal Erwähnung findet (vom Hausbesitzer bis zum Ehemann von Nora), während das Kindermädchen Anne-Marie (widerborstig: Mareike Wenzel), das Hausmädchen Helene (aufmüpfig: Iris Becher) und der nur vier Silben sprechende Paketbote (herrlich um Anerkennung ringend: Kaspar Locher) ein unterbeleuchtetes Dasein fristen und sich vom Ehepaar Helmer (noch dazu unterbezahlt) seit mehr als einem Jahrhundert herumschubsen lassen müssen. Auch Nora selbst verzweifelt immer mehr und kommt zur nüchternen Erkenntnis, dass es mittlerweile einer posttraumatischen Belastungsstörung gleichkommt, eine Frau zu sein.
Grundidee in Dauerschleife
Ben Yishais Zugang, hinter die Kulissen einer festgefahrenen Theaterproduktion zu blicken und zugleich deren Aufführungsgeschichte zu durchleuchten, ist ein erfrischender Zugang, der vor allem durch das lustvolle Spiel des Ensembles Freude macht. Doch gerät diese Grundidee im Laufe des Abends immer mehr in eine Dauerschleife ohne neuen Erkenntnisgewinn.
Wenn die Angestellten sich schließlich im letzten Drittel des Stücks als bloße Fußnoten in den Keller des Herrenhauses zurückziehen, Nora knebeln und die Besetzung des gesamten Hauses planen, ist die Luft aus diesem Gedankenexperiment bereits entwichen. Zum Finale lässt Juan Miranda dann wie zum Trotz riesige, mit Tape zusammengehaltene Riesen-Müllsäcke aufblasen und die Anarchie zu einem turbulenten Höhepunkt kommen. Am Ende verlässt man das Theater vor allem mit einer Frage: Wie lange braucht es, bis aus Plastik Kompost geworden ist?
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E - "Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert" von Sivan Ben Yishai im Schauspielhaus Wien. Übersetzung: Gerhild Steinbuch, Regie: Juan Miranda, Bühne: Elisabet Castells i Negre, Kostüme: Martha Lange. Mit Iris Becher, Kaspar Locher, Sophia Löffler, Maximilian Thienen und Mareike Wenzel. Weitere Termine: 17. - 19., 21., 24., 25., 28.-30. April sowie am 2., 5., 8. und 9. Mai. www.schauspielhaus.at )
Zusammenfassung
- Im Schauspielhaus Wien feierte am Samstag Sivan Ben Yishais Stück "Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert" österreichische Erstaufführung, nachdem es 2024 in Hannover uraufgeführt und mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde.
- Die Inszenierung von Juan Miranda zeigt das Herrenhaus als behelfsmäßige Baracke aus Spanplatten und Plastikplanen, während Nora und die Angestellten sich gegen ihre traditionellen Rollen und Machtverhältnisse auflehnen.
- Im Finale eskaliert das Stück in einer anarchischen Szene mit aufgeblasenen Müllsäcken und stellt die Frage, wie lange es dauert, bis aus Plastik Kompost wird.
