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Horváths "Kind unserer Zeit" überzeugt in der Josefstadt

07. Sept. 2022 · Lesedauer 4 min

Ein junger Mann ohne Perspektiven gerät in den Sog nationalistischer Propaganda, begeht Verbrechen gegen die Menschlichkeit, erfährt einen herben Rückschlag und erkennt seine Fehler. Was wie die Synopsis eines zeitgenössischen Filmstoffs klingt, ist die Kurzzusammenfassung von Ödön von Horváths posthum erschienenem Roman "Ein Kind unserer Zeit" von 1938, den Regisseurin Stephanie Mohr nun höchst eindringlich am Theater in der Josefstadt dramatisiert hat.

Der von Horvath geschriebene innere Monolog eines jungen Soldaten, der nach langer Arbeitslosigkeit im kollektiven Verbrechen seine Erfüllung zu finden glaubt, gilt im Lichte des kurz nach Erscheinen des Buches ausgebrochenen Zweiten Weltkriegs bedrohlich visionär. Nicht nur im Hinblick auf den seit Februar dieses Jahres wütenden russischen Angriffskrieg in der Ukraine ist der Umstand, dass der Ich-Erzähler manisch am Überfall eines nicht genannten kleinen Landes teilnimmt, höchst aktuell. Mohr, die in diesem Frühjahr in Linz auch "Geschichten aus dem Wiener Wald" inszeniert hat, verfolgt dabei mit der Aufteilung der Rolle auf vier Schauspielerinnen einen schlüssigen Zugriff, der Distanz schafft und zugleich die Vielschichtigkeit des Soldatencharakters würdigt. Aufgrund eines Unfalls im Ensemble wurde die Uraufführung, die im Juni hätte stattfinden sollen, nun nachgeholt.

Mit Therese Affolter, Susa Meyer, Martina Stilp und Katharina Klar finden sich vier Frauen auf der Bühne, die in vier unterschiedlichen Jahrzehnten geboren sind. Das erschafft nicht nur ein Bild der Zeitlosigkeit des Charakters, sondern ermöglicht es auch, die verschiedenen Reflexionsebenen des Protagonisten herauszuarbeiten. Die Schauspielerinnen, die sich den ganzen 160 Minuten dauernden Abend rund um und in einem grauen, offenen Zylinder (Bühne: Miriam Busch) bewegen, übernehmen fließend auch alle Nebenrollen von der Witwe des im Selbstmord gefallenen Hauptmanns über den vom Ersten Weltkrieg gezeichneten Vater bis hin zu jenem Mädchen, in das sich der Soldat verliebt, ehe er in den Kampf aufbricht.

Dort, wo er die nicht existente familiäre Geborgenheit im militärischen Kollektiv zu finden glaubt, schlachtet er enthemmt die Zivilbevölkerung ab, bis er sich beim Versuch, den desillusionierten Hauptmann vor dem Selbstmord zu retten, so schwer verletzt, dass er den Militärdienst quittieren muss. Wieder zurück in Wien scheitert er daran, außerhalb des Soldatenlebens Fuß zu fassen und kippt wieder zurück in die Perspektivlosigkeit der Vorkriegszeit. Die Erkenntnis, dass die von seinem Volk begangenen Verbrechen falsch waren, kommt zunächst nur schleichend und kulminiert in einer Verzweiflungstat, als er erfährt, dass seine Angebetete wegen ihrer Schwangerschaft gekündigt und wegen der darauffolgenden Abtreibung ins Gefängnis geworfen wurde.

Den Text, der zwischen handlungsorientierter Ich-Perspektive und reflektierter Außensicht gleichsam wie ein Kommentar daherkommt, hat Mohr auf die vier Schauspielerinnen aufgeteilt und somit vom individuellen Geschehen entkoppelt. Dabei tragen sie Militärkleidung (wenn manchmal auch nur ausgeleierte Bundesheerunterhosen), die in keiner Sekunde jener Akkuratesse gerecht wird, von der immer wieder geschwärmt wird. Während Katharina Klar ihre stärksten Momente in der Sturm-und Drang-Phase des jungen Soldaten entfaltet, kontrastiert sie Martina Stilp mit großer Abgeklärtheit, während Susa Meyer so etwas wie Mütterlichkeit ausstrahlt und Therese Affolter mit robuster Gefühlskälte brilliert.

Der Krieg, das wird an diesem starken Abend deutlich, bringt auf allen Seiten nur Verlierer hervor, der Nationalismus wird dort hohl, wo der kollektive Verlust schonungslos freigelegt wird. Hier wird nicht die Geschichte eines Einzelnen erzählt, sondern einer ganzen Generation, die über die Zeit immer wieder heranwächst. Die Vorzeichen mögen sich mittlerweile geändert haben, das Produkt von Krieg und Gewalt bleibt dasselbe. Lang anhaltender Applaus.

(S E R V I C E - "Ein Kind unserer Zeit" von Ödön von Horváth, Uraufführung. Dramatisierung und Regie von Stephanie Mohr. Mit Therese Affolter, Susa Meyer, Martina Stilp und Katharina Klar. Bühne und Kostüme: Miriam Busch. Weitere Termine im Theater in der Josefstadt: 7., 19. und 20. September, 17. bis 19. Oktober sowie am 14. und 15. November. Infos und Tickets unter Tel. (01) 42700-300 oder www.josefstadt.org)

Quelle: Agenturen