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Großer Erfolg für "Die Eingeborenen von Maria Blut"

21. Jan. 2023 · Lesedauer 4 min

"Verzweifeln auch Sie an Inflation und Geldnot?", heißt es zu Beginn der Dramatisierung von Maria Lazars Roman "Die eingeborenen von Maria Blut", die am Freitagabend im Akademietheater uraufgeführt wurde. Antwort: "Das muss nicht sein." Was in den kommenden zwei Stunden folgt, könnte heute spielen, ist aber tatsächlich im Österreich der Dollfuß-Ära verortet. Lucia Bihler wirft in ihrer Regie Schlaglichter auf eine Gesellschaft zwischen Katholizismus und Nationalismus.

Die 35-jährige Münchner Regisseurin, die zwischen 2019 und 2021 Hausregisseurin an der Berliner Volksbühne war, beeindruckte im Akademietheater zuletzt mit ihrer grellen Inszenierung von Thomas Bernhards "Die Jagdgesellschaft". Diesmal setzt sie das wiederentdeckte Zwischenkriegswerk der expressionistischen jüdischen Autorin Lazar aufwühlend in Szene. Erneut stecken die Protagonistinnen und Protagonisten in Latex, diesmal allerdings in gelb-durchscheinenden stilisierten Lederhosen von Kostümbildnerin Victoria Behr. Die sehr rotwangigen, sehr blonden Bewohner des Wallfahrtsorts Maria Blut leben unter den ausgebreiteten Armen einer überdimensionalen, von zwei Engeln flankierten Maria Gottes (Bühne: Jessica Rockstroh) und vertrauen aufgrund der herrschenden Inflation und der baldigen Schließung der ortseigenen Konservenfabrik ihr letztes Erspartes einem Unternehmer an, der in der Fabrik "Raumkraft" herstellen und so zu Wohlstand kommen will.

Doch was ist diese "Raumkraft?": Der Werbeslogan aus dem Off gibt Auskunft: "Die Raumkraft von Schellbach ist die Technologie der Zukunft. Sie wandelt die Urkraft in Nutzenergie." Klingt schwer nach Metaphysik und in einem Dorf, wo die Heilige Maria Dreh- und Angelpunkt des gesellschaftlichen Lebens ist, findet sich dafür ein fruchtbarer Boden. Geschrieben hat Maria Lazar (1895-1948) den 1937 in Bertolt Brechts Exilzeitschrift "Das Wort" teilabgedruckten Roman im dänischen Exil, in das sie bereits 1933 geflohen war. Aus der Ferne zeichnete sie ein minutiöses Psychogramm einer Gesellschaft am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, in der Missgunst und Misstrauen an der Tagesordnung stehen und die jüdische Bevölkerung um ihr Leben fürchtet.

Gespielt wird auf der Bühne des Akademietheaters in einem aus Glühlampen bestehenden Rahmen, der zwischen den oft nur sehr kurzen Szenen grell aufleuchtet. Bihler, die die Dramatisierung gemeinsam mit Alexander Kerlin besorgt hat, setzt dabei auf eine wohldosierte Erzählstimme aus dem Off (Stefanie Dvorak), wasserkopfgroße Masken für die "Eingeborenen" und eine rasante Mehrfachbesetzung der Protagonisten. So brilliert Philipp Hauß mit blondierter Mähne und Schnauzer als von den Eingeborenen misstrauisch beäugter - weil offenbar gottloser - Doktor Lohmann, während sein Sohn (Jonas Hackmann) längst mit den Nazis durchs Dorf zieht. Dem Doktor ergeben zur Seite steht seine Haushälterin Toni (ebenfalls Dvorak), die aufgrund ihrer tschechischen Herkunft ins Kreuzfeuer gelangt. Noch schlechter geht es jedoch seinem jüdischen Freund, dem Rechtsanwalt Meyer-Löw, den Dorothee Hartinger mit beeindruckendem Jiddisch zum Leben erweckt.

Die von der Armut gebeutelte und vom "Raumkraft"-Heilsversprechen geblendete Familie Heberger ist prototypisch für die Eingeborenen. Während der alte Wirt (Robert Reinagl, der auch den Dorfpfarrer gibt) sein letztes Geld in Aktien steckt, hängt seine fromme Tochter Notburga (Lili Winderlich) am Rockzipfel der Mutter Gottes, der sie das Überlaufen ihres Bruders Vinzenz zu den Nazis beichtet. Jonas Hackmann überzeugt in der Rolle des körperlich wie geistig eingeschränkten jungen Mannes, der sich erst zur vollen Größe aufrichten kann, sobald er lernt, die Hand zum Hitlergruß zu heben. Hier gelingt der Regie gegen Ende ein starkes Bild, das diese Dynamik fühlbar macht. Dvorak wiederum schlüpft dabei in die Rolle der strammen Nazi-Braut des Fräulein Reindl.

Als wären die - jeweils sehr stark gezeichneten - Mehrfachrollen nicht genug, sprechen die Ensemblemitglieder am Bühnenrand auch noch abwechselnd die Texte der Eingeborenen, die sich hinter ihren schweren Kopfmasken Tratsch und Gerüchten hingeben. Und so bringt Bihler mit dem kleinen, starken Ensemble den Text zum Strahlen, wobei die starke optische Abstraktion nicht ablenkt, sondern die gefährliche Atmosphäre im Austrofaschismus unterstreicht. Mit "Die Eingeborenen von Maria Blut" setzt das Burgtheater nach "Der Henker" erneut auf die Wiederentdeckung der Wiener Autorin, um deren Werk sich der Wiener Kleinverlag Das vergessene Buch seit einigen Jahren verdient macht. Eine gute Entscheidung, die mit lang anhaltendem Jubel belohnt wurde.

(S E R V I C E - "Die Eingeborenen von Maria Blut" von Maria Lazar, Bühnenfassung von Lucia Bihler (auch Regie) und Alexander Kerlin. Bühne: Jessica Rockstroh, Kostüme: Victoria Behr. Mit Stefanie Dvorak, Philipp Hauß, Jonas Hackmann, Robert Reinagl, Dorothee Hartinger und Lili Winderlich. Weitere Termine: 3., 9. und 2. Februar. www.burgtheater.at)

Quelle: Agenturen