APA - Austria Presse Agentur

Gesammelte Schriften von Salman Rushdie erschienen

28. Juni 2021 · Lesedauer 5 min

Die Jungen müssen es richten. "Zweifeln Sie nie daran: Sie können die Dinge verändern", ruft der Schriftsteller den Absolventen einer US-Hochschule und entschuldigt sich "für das Chaos, das wir Ihnen hinterlassen". Seine Generation habe sich stets für progressiv und tolerant gehalten, bekennt der 1947 in Bombay geborene Schriftsteller, "und doch hinterlassen wir Ihnen eine intolerante, rückwärtsgewandte Welt".

In Vorlesungen und Vorträgen, Nachrufen und Vorworten, Essays und Artikeln kann man den Menschen Salman Rushdie noch besser kennenlernen. Der Verlag C. Bertelsmann hat unter dem Titel "Sprachen der Wahrheit" Schriften von 2003 bis 2020 versammelt. Der Band ist eine Fund- und Schatzgrube für die Fans seiner Bücher ("Die Mitternachtskinder"), aber auch für diejenigen, die den Namen nur aus den Nachrichten kennen, seit Rushdie nach den "Satanischen Versen" von islamischen Fundamentalisten mit den Tod bedroht wurde.

Es geht natürlich um Literatur, aber auch um Politik, Gesellschaft, Filme, Freunde, und wie immer bei diesem quecksilbrigen Geist kommt er von Hölzchen auf Stöckchen, von Heraklit auf JRR Tolkien auf Popeye auf Vampir-TV-Serien. Rushdie beweist sich auch in der kleinen Form als engagierter Weltbürger, kultureller Allesfresser und begnadeter Fabulierer. Die Übersetzung von Sabine Herting und Bernhard Robben liest sich ebenso locker, wie Rushdie spricht.

Im ersten Teil entwickelt Rushdie in mehreren Texten eine Poetik. Die Tradition des Realismus sei zu "endloser Wiederholung verurteilt", schreibt er. Wer innovativ sein wolle, müsse sich "der Wahrheit mit Lügen annähern". Er bevorzuge "diese andere Art von Literatur, die man die poetische Tradition nennen mag, welche realistischer ist als der Realismus, denn die korrespondiert mit dem Irrealismus der Welt."

Er schreibt über Autoren, die er bewundert - Calvino, Grass, Bulgakow, Marquez - und Autoren mit denen er befreundet ist wie Harold Pinter: "Kein Schriftsteller in Not könnte sich einen bessren Verbündeten wünschen." Autoren, die er nicht mag, nennt er höflich nicht bei Namen. Auf der Giftliste ganz oben steht "gradlinige Fantasy-Fiction". Fantasie habe die Aufgabe, schreibt er, "die Realität zu bereichern, und nicht ihr zu entrinnen".

Der Job des Schriftstellers sei es vielmehr, "mit beiden Händen so tief ins Leben zu greifen, wie er nur kann, bis hinauf zu den Ellenbogen, bis hoch zu den Achseln, um das wahre Leben herauszufischen". Jungen Autoren gibt er den Rat, sich zu dem Schreibschul-Mantra "Schreibe über das, was Du kennst" stets hinzuzudenken: aber nur, wenn es auch wirklich interessant ist.

Interessant wurde Salman Rushdie für viele Nicht-Leser erst durch die Fatwa, die nach Erscheinen der "Satanische Verse" gegen ihn ausgesprochen wurde. "Das Spektakel eines despotischen, antiquierten Idealen anhängenden Klerikers, der ein Todesurteil über einen im Ausland lebenden Autor verhängte und dann Todesschwadronen ausschickte, die dieses Urteil vollstrecken sollten" - so beschreibt er diese Phase im Rückblick. Rushdie lebt seit 20 Jahren in New York, wo er sich laut Verlag völlig frei bewegen kann und keinen Personenschutz mehr hat.

Inzwischen spricht er abgeklärt über diese "schwierigste Zeit", den "Furor". Lange lange habe er die Hoffnung gehegt, "die beste Verteidigung würde das Buch selbst sein" und "die Person, die ich war". Aber das seien Gedanken gewesen "aus einer Zeit, bevor wir alle zu viel Angst vor der Religion im Allgemeinen und vor einer speziellen Religion im Besonderen bekamen". Inzwischen sei "hasserfüllte religiöse Rhetorik" zu einer der gefährlichen Waffen der Welt geworden.

Dass er selbst mit Religion nichts am Hut hat, ist kein Geheimnis. "Man könnte sich wünschen, dass ein oder zwei der gegenwärtigen Auswüchse der Monotheismen bis zu dem Grade verrotten, dass das, was heute als Blasphemie betrachtet wird, sich zu einer vergnüglichen literarischen Diskussion wandelt", schreibt er. In dem berühmten Proust-Fragebogen, der am Ende des Buches steht, beantwortet er die Frage nach der am meisten überschätzten Tugend mit: "zu glauben".

Dass die Fatwa die Aufmerksamkeit von seinen Büchern auf seine Person umlenkte, nervt ihn ebenso wie die Frage nach dem Autobiografischen. In früheren Jahrhunderten hätten die Menschen akzeptiert, dass Leben und Literatur verschiedene Dinge seien, "heute ist das nicht mehr der Fall". Das Leben eines Autors sei höchstens "Rohmaterial", da spreche "ein alternatives Ich". Nach seiner Autobiografie "Joseph Anton" habe er "einen großen Hunger nach Fiktion" verspürt. Seither meidet er die Ich-Perspektive, auch in zukünftigen Büchern werde "kein Abbild des Autors erkennbar sein. Ich habe meine Lektion gelernt."

Mitteilsam wie Rushdie ist, erfährt man dann doch das eine oder andere private Detail: Dass eine Mini-Shakespeare-Büste der Türklopfer zu seinem Arbeitszimmer ist, dass seine Kinder "wahre Weihnachtsfundamentalisten" sind und die Rushdies "ein lustiger Haufen". Dass er seine ersten Jahre als Schriftsteller finanzierte, indem er als Werbetexter Slogans für Luftschokolade ersann. Wie er im Internat im britischen Rugby Rassismus kennenlernte, die schmerzhafte Erfahrung zu ersten Mal "nicht nach meinem Charakter, meiner Person beurteilt zu werden, sondern nach meiner Ethnizität".

In den späteren Texten des Bandes geht es um "Trumpistan", den Hindu-Nationalismus in Indien oder die Menschenrechte in China. "Wir leben in einer Zeit beispielloser Angriffe auf die Wahrheit", schreibt Rushdie, an anderer Stelle gar: "Wir stehen inmitten der Trümmer der Wahrheit." Besonders besorgniserregend findet er die wachsende Zustimmung, Zensur könnte gerechtfertigt sein, sobald gewisse Gruppen sich angegriffen fühlen. Aber Kunst entstehe "nie in der sicheren Mitte, sondern immer an den Rändern".

Der Titel des Bandes bezieht sich auf die Vielstimmigkeit der Welt, die zu erhalten Rushdie sich zur Lebensaufgabe gemacht hat: "Ich behaupte schon den Großteil meines Schriftstellerlebens", schreibt er, "dass die Welt sich vielleicht am besten durch widersprüchliche und oft unvereinbare Narrative erklären lässt." Um die Welt vor Intoleranz und Engstirnigkeit zu retten, brauche es einen Zauber, "den Zauber der Sprachen der Wahrheit".

(S E R V I C E - Salman Rushdie: "Sprachen der Wahrheit - Texte 2003-2020". Aus dem Englischen von Sabine Herting und Bernhard Robben. C. Bertelsmann, 480 Seiten, 26,80 Euro)

Quelle: Agenturen