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Fondazione Prada zeigt in Venedig "Human Brains"

22. Apr. 2022 · Lesedauer 4 min

Parallel zur 59. Kunstbiennale eröffnet am Samstag auch eine ungewöhnliche Schau in der Fondazione Prada in Venedig: Erstmals in ihrer Geschichte beschäftigt sich die Kunststiftung ausschließlich mit Wissenschaft. Die Ausstellung "Human Brains. It begins with an idea" erzählt dabei in bester aufklärerischer Tradition die Geschichte der Erforschung des menschlichen Gehirns und punktet gleichzeitig mit einer herausragenden Gestaltung.

Auf den ersten Blick könnte die Ausstellung voll ungebrochenem Glauben an menschlichen Fortschritt nahezu wie pointierte Kritik an jenem Irrationalismus wirken, der 2020 mit der Corona-Pandemie über die Welt hereingebrochen ist und nun mit dem Krieg in der Ukraine eine traurige Fortsetzung erfahren hat. Doch der Eindruck täuscht, die Vorlaufzeiten im Ca' Corner della Regina von Venedig sind deutlich länger.

"Es ist schon drei Jahre her, dass die Fondazione Prada beschlossen hat, sich einem nichtkünstlerischen Gebiet zu nähern", erzählte der deutsche Ausstellungskurator Udo Kittelmann. Er sei damals auch gefragt worden, ob er sich vorstellen könnte, das sehr komplexe Thema des menschlichen Gehirns in eine Ausstellung zu transformieren, sagte er am Donnerstag im Gespräch mit der APA. Obwohl er die US-amerikanische Künstlerin Taryn Simon als Co-Kuratorin an seine Seite geholt habe und sie geholfen habe, eine ästhetische Form zu finden, sei stets klar gewesen, dass man ganz nah an bei der Wissenschaft bleiben wolle. "Das ist keine Kunstausstellung: Zu sehen sind 110 historische Objekte, die die Erforschung des Menschen an seinem Hirn beschreiben", erläuterte Kittelmann.

Nach einem lockeren Einstieg im Erdgeschoß, wo dokumentarische und pädagogische Videos zum Gehirn gezeigt werden, lässt ein Ausstellungsparcours auf zwei weiteren Stockwerken die Geschichte der Neurowissenschaften Revue passieren. So greifbar, verwenden die Kuratoren Originale, bei nicht verfügbaren Unikaten kommen Kopien zum Einsatz. Das ist etwa bei den ersten Exponate im zweiten Ausstellungsgeschoß der Fall, zwei mehr als 4.000 Jahre alten sumerische Schriftzylindern, die 1877 im heutigen Irak gefunden wurden und auf denen die älteste bekannte Beschreibung eines Traums schriftlich fixiert wurde.

Ergänzt wird diese antike Vorgeschichte der Neurowissenschaften mit ägyptischen Schriftrollen zu medizinischen Themen, mesopotamischen Erläuterungen über Epilepsie und einschlägigen chirurgischen Instrumenten aus dem alten Rom. Verstaut sind die Objekte jeweils in minimalistischen Glaskästen, die eigens in schwarzen Wänden einer komplexen Ausstellungsarchitektur eingebaut wurden.

Eine zentrale inhaltliche Rolle in der Schau spielen freilich das Mittelalter sowie die frühe Neuzeit. Die Ausstellungsmacher stellen diese frühen Neuwissenschaften insbesondere als ein globales Phänomen dar. Mit Fragen der Erinnerung sowie mit dem Öffnen von Schädeldecken beschäftigte man sowohl im Reich der Inkas als auch in Europa, Medizinische Traktate des im frühen 10. Jahrhundert verstorbenen persischen Arztes Rhazes oder des arabischen Gelehrten Alhazen hundert Jahre später blieben jeweils nahezu ein halbes Jahrtausend später auch in Europa relevant.

Nachdem lange Zeit psychische Krankheiten mit einem Stein im Kopf erklärt wurden, in der Ausstellung ist die Reproduktion eines diesbezüglichen Gemäldes von Hieronymus Bosch zu sehen, machte in Folge die Aufklärung zunehmend Schluss mit fragwürdigen Praxen. Das Wissen über Gehirnphysiologie mehrte sich dabei nicht nur in Europa, sondern auch in Asien, wo der japanische Maler Yoshimura Ranshu im späten 18. Jahrhundert etwa die ersten Gehirnobduktionen in seiner Heimat dokumentierte. Nach massiven Fortschritten im 19. Jahrhundert kam es schließlich zu wissenschaftlichen Durchbrüchen im 20. Jahrhundert, das die Kuratoren mit Magnetresonanztomografie ausklingen lassen. Internationale Neurowissenschafter kommen abschließend in einer als Rauminstallation inszenierten "Konversationsmaschine" mit Kurzkommentaren zu Wort.

Zum Verharren in der Ausstellung verleitet schließlich das künstlerischer Wort: 32 teils sehr prominente Literatinnen und Literaten, darunter Literaturnobelpreisträger Salman Rushdie und der deutsch-österreichische Schriftsteller Daniel Kehlmann, wurden eingeladen, zu konkreten Ausstellungsexponaten fiktionale Erzählungen zu schreiben und mit ihnen wissenschaftliche Inhalte dem Publikum näher zu bringen. Verlesen werden die Texte vom Geschichtenerzähler George Guidall, der als einer der produktivsten Einleser englischsprachiger Hörbücher gilt. In bestechend einfachen Videos, die von Co-Kuratorin Simon, selbst ein Kunststar, inszeniert wurden, steht Guidall bloß in einem minimalistischen Raum hinter einem Mikrofon und liest. Alles sieht zwar sehr einfach aus, kein Detail scheint aber dem Zufall überlassen worden zu sein.

(S E R V I C E - "Human Brains. It Begins with an Idea". Fondazione Prada. Calle de Ca' Corner, Santa Croce, Venedig. 23. April bis 27. November, fondazioneprada.org, www.labiennale.org)

Quelle: Agenturen