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Expertin: "Die Lage im Kulturbereich spitzt sich zu"

Heute, 05:00 · Lesedauer 4 min

"Die Lage spitzt sich zu." So fasst Lidija Krienzer-Radojević, Geschäftsführerin der IG Kultur Steiermark, die Situation von freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern in Österreich zusammen. Zusätzlich zur Inflation und nach wie vor niedrigen Honoraren sei nun auch mit Absagen von Aufträgen zu rechnen, da aufgrund von Förderkürzungen weniger produziert werden könne. "Schon die letzte Studie zeigte, dass 30 Prozent der Künstler:innen unter der Armutsgrenze liegen."

Die letzte große Studie zur sozialen Lage der Künstlerinnen und Künstler datiert aus dem Jahr 2018, also vor der Corona-Krise und dem Krieg in der Ukraine. Bereits damals galten über 30 Prozent der Kulturschaffenden als armutsgefährdet - im Vergleich zu 14 Prozent in der Gesamtbevölkerung. Krienzer-Radojević geht aufgrund ihrer Erfahrungen durchaus davon aus, dass sich die Lage seither - trotz "Fair Pay"-Maßnahmen - weiter verschlechtert habe. Einen harten Einschnitt sieht sie im Gespräch mit der APA auch in der mit Anfang 2026 schlagend gewordenen Abschaffung der Zuverdienstmöglichkeit bei Bezug von Arbeitslosengeld. "Diese Maßnahme wird die Branche sowohl kurzfristig als auch langfristig stark treffen", ist sie überzeugt. Schließlich sei ein Zuverdienst aufgrund der atypischen Beschäftigung für viele im Kulturbereich tätige Menschen die einzige Möglichkeit, finanziell über die Runden zu kommen.

"Die Regierung erhofft sich, dass von dieser Neuregelung betroffene Personen in Vollbeschäftigungen eintreten werden. Im Kulturbetrieb sind die Bedingungen dafür allerdings gar nicht gegeben", so die Expertin. "Künftig bleibt somit allem Anschein nach die Wahl zwischen Pest und Cholera. Aufgrund der nicht vorhandenen Stellen wird es in den meisten Fällen darauf hinauslaufen, dass die Personen entweder beim AMS bleiben und den eigentlichen Beruf als Hobby ausüben, oder in eine noch schwerere Prekarität übergehen. Den betroffenen Menschen bleibt hier keine große Wahl."

Wie sehr politische Weichenstellungen auch Auswirkungen auf die Kulturbranche haben können, zeige sich am Land Steiermark, ist sich Krienzer-Radojević sicher. Nach dem Regierungswechsel habe es "eine Welle von Absagen und Kürzungen bei Förderungen" gegeben, der ein "politisch motivierter Austausch" des Kulturkuratoriums folgte, obwohl in Zeiten knapper Budgets bei der Fördervergabe Fingerspitzengefühl und Fachexpertise gefragt seien. "Man muss wissen, dass es nicht nur um die urbanen Zentren geht, sondern auch um kulturelle Nahversorger:innen in den Regionen", erläutert Krienzer-Radojević.

Kritik an Intransparenz bei Förderkriterien in der Steiermark

Dort gebe es zahlreiche partizipative Initiativen, deren gesellschaftlicher Mehrwert für die jeweiligen Ortschaften derart vielfältig sei, dass sie sich gar nicht so einfach messen und in Zahlen fassen lassen würden. Durch die kürzlich "immer wieder vorgenommene, nicht transparent kommunizierte Änderung" von Förderkriterien seien viele Absagen erfolgt. "Diese zeichneten sich wiederum durch das Fehlen klarer, nachvollziehbarer und vor allem gegenstandsbezogener Begründungen aus", kritisiert sie. Konkretes Feedback sei für Antragstellerinnen und Antragsteller jedoch sehr wichtig für künftige Einreichungen.

Die Umstellung von Mehrjahresförderungen auf Jahres- bzw. Projektförderungen sei schließlich "eine kleine Beschäftigungstherapie für die Antragsteller:innen" gewesen. "Einerseits fällt die Planungssicherheit weg, andererseits steigt der administrative Aufwand." Dahinter vermutet sie politische Taktik. "Es wirkt, als würde die Politik darauf hoffen, dass die Antragsteller:innen irgendwann einfach das Handtuch werfen."

Besonders Projekte mit kleinen Budgets betroffen

Das treffe besonders auf kleine Projekte zu, die oft ehrenamtlich getragen werden. "In vielen Fällen geht es um sehr kleine Förderungen, die aber eine große Wirkung entfalten - da geht es kulturpolitisch um den Erhalt der Vielfalt. Und gerade bei solch kleinen Beträgen fragen sich viele, ob sich der Aufwand einer Antragstellung überhaupt noch lohnt, wenn sie 15 Stunden für ein Formular brauchen, um letztlich 3.000 Euro zu bekommen oder eben auch nicht."

Die ausgerufene Budgetsperre treffe schließlich all jene, deren Projektförderungen noch nicht positiv beschieden wurden. Krienzer-Radojević fordert daher: "Es braucht Transparenz in Bezug auf verfügbare Mittel. Nur so kann auch ein Verteilungskampf vermieden werden." Als Positivbeispiel nennt sie hier die Stadt Graz: "Auch hier gab es massive Kürzungen, aber es wurde von Beginn an anders kommuniziert - nämlich transparent und auf Augenhöhe."

Sorgen bereitet ihr auch bereits das Jahr 2027: Dann fällt nämlich, geht es nach der FPÖ-geführten Landesregierung, die ORF-Länderabgabe und somit fehlen 22 Mio. Euro, die bisher ins Kulturbudget flossen. "Anhand des Steiermark-Beispiels kann jedenfalls gelernt werden. Kultur ist demokratiestiftend: Menschen, die Kultur konsumieren, zeichnen sich durch mehr Empathie, Toleranz sowie Vertrauen aus und sind auch politisch aktiver. Das müssen alle Politiker:innen, die aufrichtig an einer Förderung von Demokratie interessiert sind, ernst nehmen, wenn sie nicht abgewählt werden wollen."

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

Zusammenfassung
  • Die Lage für freischaffende Künstler:innen in Österreich verschärft sich laut IG Kultur Steiermark, da neben Inflation und niedrigen Honoraren nun auch vermehrt Aufträge wegen Förderkürzungen ausbleiben.
  • Bereits 2018 galten über 30 Prozent der Kulturschaffenden als armutsgefährdet, im Vergleich zu 14 Prozent in der Gesamtbevölkerung.
  • Ab Anfang 2026 fällt die Möglichkeit eines Zuverdienstes beim Bezug von Arbeitslosengeld weg, was viele im Kulturbereich laut Expertin besonders hart trifft.
  • In der Steiermark führte der Regierungswechsel zu zahlreichen Förderabsagen, einem Austausch des Kulturkuratoriums und intransparenten Förderkriterien.
  • Ab 2027 könnten durch den Wegfall der ORF-Länderabgabe weitere 22 Mio. Euro im Kulturbudget fehlen, was zusätzliche Sorgen in der Branche auslöst.