"Eruption von Kreativität": Sänger Dave McKendry geht aus sich heraus

11. Okt. 2022 · Lesedauer 6 min

Eine Gitarre, ein Mikrofon und die eigenen Lieder? Kein Problem für Dave McKendry. So haben wohl nicht wenige den irischen Singer-Songwriter in den vergangenen Jahren erlebt. Doch für sein neues Album "HumanBeingKind" wagt sich der Musiker, der seit sechs Jahren in Wien lebt, an einen größeren Sound - und musste dafür viel lernen. "Ich hatte keine Ahnung, was ich da eigentlich mache", erzählte McKendry lachend über den Entstehungsprozess.

Seit seiner Jugend hat er in Bands gespielt, schrie sich zu Hardcore und Metal die Seele aus dem Leib - nur um dann später als Songwriter deutlich ruhigere, nachdenklichere Töne anzuschlagen. Die zwölf Stücke des Albums bilden nun gewissermaßen einen Brückenschlag, jedenfalls zwischen ruhigen Momenten und einem ausproduzierten Sound.

Die Arbeit im Studio war dabei durchaus herausfordernd, wie der 35-Jährige im APA-Interview erklärte. "Mir war gar nicht klar, was ich alles nicht wusste. Meine dynamische Bandbreite war laut, nicht-laut - das war's. Und dann stehst du in einem Raum mit so vielen talentierten Musikern und alle schauen auf dich, weil du die Entscheidungen treffen sollst."

Es habe gedauert, bis er sich in der neuen Situation wirklich wohlfühlte und auch für seine Vorstellungen sowie Songs einstand. Gleichzeitig spielte Geduld eine Rolle, um sich auf die Vision seines Produzenten Martin Kromar einzulassen. Besonders geschätzt habe er letztlich "diese Eruption von Kreativität", erinnerte sich McKendry etwa an die Entstehung des Openers "For Yourself". "Alle hatten dasselbe Ziel, es gab keine Egos, und alle hatten Freude an der Arbeit. Keine Ahnung, wann wir ins Studio rein sind und wann wieder raus. Aber das war definitiv ein Highlight."

Musikalisch serviert McKendry Songwriterpop mit sehr persönlicher Note, erzählt dem Publikum mit "Islander" in prächtigen Tönen und einprägsamen Worten von seinen Wurzeln, während am anderen Ende intime Tracks wie das seinen Großeltern gewidmete "Cigarette Smoke" stehen. Erst spät im Prozess habe er gemerkt, wie stark die Songs von Beziehungen geprägt sind. "Das war kein bewusster Schritt", meinte der in Belfast geborene und aufgewachsene Sänger. "Ich habe den Songs einfach ihren Weg gelassen. Ob ich immer so arbeiten werde, weiß ich nicht, aber diesmal hat es sich richtig angefühlt."

Insofern war es kein weiter Weg zum Titel "HumanBeingKind", der kein Statement, aber auch keine Frage darstellen würde. "Es ist letztlich einfach eine Idee. Ich finde Freundlichkeit und Güte sehr wichtig, sie sollten auch belohnt werden. Damit meine ich, dass es in der Gesellschaft einfach einen größeren Stellenwert dafür braucht." Wirklich ernst wird McKendry in Stücken wie "Mercy", das von sexuellem Missbrauch handelt. "Als mir diese Frau ihre Geschichte erzählt hat, war es für mich unglaublich, wie stark sie war. Und wie schnell sie diesem Typen vergeben hat. Es gab einfach keine Wut. Das hat mich tief berührt, weshalb ich es mit diesem Song würdigen wollte."

Das Stück sollte "ohne Schuldzuweisung, ohne Urteil" aus kommen, nickte McKendy. "Es ist einfach eine Beobachtung. Das Schlimme ist ja: Wenn jemand so etwas Schreckliches macht, nennen wir ihn ein Monster. Damit kann ich aber nichts anfangen. Denn im Endeffekt sind wir es, die das tun. Wir Menschen. Man gibt immer vor, zu so etwas nicht fähig zu sein. Aber als Menschen sind wir das", gab der Musiker zu bedenken. "Man muss sich ja nur den ganzen Scheiß anschauen, der tagtäglich passiert. Es ist nicht klug, sich das Gegenteil vorzureden." Insofern sei es eine bewusste Entscheidung, freundlich und liebenswürdig zu sein. "Und ich will die Leute dazu ermutigen - so wie ich es selbst jeden Tag machen muss."

Eine "gute Frage" sei wiederum, was für ihn Heimat oder Zuhause bedeute. "Ich war mir einmal sicher, bin es jetzt aber nicht mehr", zeigte sich McKendry nachdenklich. "Meine Familie hat sich verändert, seit ich weggezogen bin. Der einzige Weg, das zu beantworten, ist wohl: Es bedeutet verschiedenes. Zuhause ist meine Wohnung mit meiner Freundin, Zuhause ist aber auch dieses Studio", deutete er auf die Räumlichkeiten, wo er über Monate hinweg an "HumanBeingKind" gearbeitet hat. "Zuhause ist das Meer und lange Autofahrten durch Irland. Und wenn sie nicht gerade miteinander streiten, ist es natürlich auch meine Familie. Aber ich denke, ich trage Zuhause letztlich in mir - auch wenn das ein furchtbares Klischee ist", lachte er.

Was hält er aber von der Idee eines vereinigten Irlands, wie es nicht zuletzt im Zuge der Brexit-Diskussion von mancher Seite wieder ventiliert wurde? "Die Frage stört mich nicht - eben, weil es eine Frage ist", so McKendry, der sich ebenso als irisch wie nordirisch bezeichnen würde. "Ein Problem habe ich nur damit, wenn mir Leute sagen, wie etwas sein soll. Und zwar in jeder Hinsicht. Diese Situation ist einfach nicht schwarz-weiß." Es habe Zeiten gegeben, wo die Überlegungen vielleicht Sinn gemacht hätten. "Aber gerade jetzt? Ich weiß nicht." Ein vereinigtes Irland entstehe ja nicht bloß durch den Wegfall einer Grenze. "Mir geht es um die Herzen und Köpfe der Menschen, nicht um Linien auf einer Karte. Letztlich ist mir ein vereinigtes Irland nicht wichtig. Ich hätte lieber vereinte Menschen."

Zum Glück ist es oft ja die Musik, die Leute zusammenbringt - wohl auch bei den anstehenden Konzerten des Musikers am 19. Oktober in Wien, 20. Oktober in Graz sowie 22. Oktober in Linz. Was er seinem Publikum mitgeben will? "Durch meine Soloauftritte habe ich gelernt, einen intimen Raum zu schaffen, in dem du auch die Stille zwischen den Noten spürst. Als fünfköpfige Band wollen wir aber natürlich die ganze Dynamik ausreizen. Im Endeffekt will ich damit überraschen, was man alles erleben kann. Es geht um intime Momente und das Erzeugen von Gefühlen. Wenn die Leute etwas spüren und danach noch weiter darüber nachdenken, wäre das großartig."

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - Weitere Infos sowie Tickets zu den Konzerten unter www.davemckendry.com)

Quelle: Agenturen