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Dostojewskis "Dämonen" spielen für Simons "wirklich heute!"

21. Nov. 2022 · Lesedauer 3 min

"Sie liegen mir schon am Herzen, diese 'Dämonen'", schwärmt der niederländische Regisseur Johan Simons vor der Premiere seiner Dostojewski-Dramatisierung am Freitag im Burgtheater. Mit u.a. Maria Happel, Nicholas Ofczarek, Jan Bülow, Birgit Minichmayr und Sarah Viktoria Frick hat er ein mehr als starkes Ensemble versammelt. Besonders interessiert ihn an dem Stoff die genaue Analyse des Despotismus, den Dostojewski im Jahr 1871 voraussagte, wie Simons im APA-Interview erzählt.

"Ich finde, Dostojewski ist ein fantastischer Erzähler. Er ist eigentlich der erste Netflix-Autor. Er hat den Roman in einzelnen Folgen in der Zeitung veröffentlicht, und das merkt man. Das ist sowas von gut." Die Herausforderung sei es nun gewesen, den 900 Seiten starken Roman auf 80 Seiten zu destillieren. "Ich könnte in einem Monat schon wieder mit den nächsten 'Dämonen' anfangen, weil man wieder etwas anderes herausholen kann. Es ist wie eine Suche mit einer Kerze im Dunklen." Gespielt wird im Burgtheater zwar die Übersetzung "Böse Geister" von Swetlana Geier, allerdings sei Simons bewusst beim alten Titel "Dämonen" geblieben, "weil 'Dämonen' ein breiteres Wort ist. Bei 'Böse Geister' denkt man an die anderen, bei 'Dämonen' denkt man auch gleich an sich selbst."

Sowohl die Handlung als auch die Figuren sind für Simons ungebrochen heutig. "Dostojewski lebte im 19. Jahrhundert, aber nach seinem Tod ist es richtig losgegangen mit dem Kommunismus, was meiner Meinung nach immer noch ein besserer Glaube ist als der Kapitalismus. Denn alles zu teilen ist besser, als wenn jeder nur auf sich schaut. Aber die Ausführung davon ist gescheitert und alle daraus existierenden politischen Systeme sind natürlich schrecklich." Die Worte, die Dostojewski seinen Protagonisten in den Mund legte, "haben sich überhaupt nicht geändert. Dieses Stück ist wirklich heute, heute, heute!" Klar gehe es nicht um die Klimakrise, aber um die Krise der Moral. "Die ganze Gesellschaft ist hier auf Misstrauen aufgebaut, auf Verrat. So bleibt man an der Macht. Das erinnert komplett daran, wie es heute ist - nicht nur in Russland."

"Zum Weinen" sei eine Aussage im Stück, wonach alles Intellektuelle abgeschafft werden müsse. "Diese Tendenz sieht man heute auch in Westeuropa", klagt Simons, der sich vor allem daran stößt, dass derzeit jeder Behauptungen in die Welt setzen könne, die faktisch falsch seien. "Ich kann etwas einfach behaupten, weil ich es so fühle. Da löst sich der Unterbauch vom Kopf." Besonders deutlich komme das Heutige bei Nikolaj - gespielt von Nicholas Ofczarek - zum Tragen: "Er ist jemand mit großen Gedanken, das glaubt man ihm auch. Aber er ist komplett entwurzelt und charakterlos. So wie wir alle, wenn wir nicht aufpassen, charakterlos werden können. Er hat den Glauben an das Leben komplett verloren und sieht es nur mehr als Spiel."

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - "Dämonen" von Fjodor M. Dostojewski in der Übersetzung "Böse Geister" von Swetlana Geier im Burgtheater. Regie: Johan Simons, Bühne: Nadja Sofie Eller. Mit u.a. Maria Happel, Nicholas Ofczarek, Birgit Minichmayr und Sarah Viktoria Frick. Premiere am 25. November, weitere Termine am 30. November sowie am 3., 10. und 29. Dezember. www.burgtheater.at)

Quelle: Agenturen