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donaufestival widmet sich heuer dem Über-Menschlichen

14. März 2023 · Lesedauer 5 min

Performance, Sound, bildende Kunst und Diskurs: Ab 28. April bringt das donaufestival in Krems unterschiedlichste künstlerische wie intellektuelle Spielarten zusammen. Inhaltlich steht heuer quasi die Überwindung des Menschlichen im Vordergrund, wobei die Klimakrise ebenso eine Rolle spielt wie künstliche Intelligenz. Die APA sprach anlässlich der Programmveröffentlichung mit Festivalleiter Thomas Edlinger über nuklearen Müll, die geerdete Cloud und das Ende der Welt.

APA: Das diesjährige Festival widmet sich dem Thema "Beyond human". Was darf man sich darunter vorstellen?

Thomas Edlinger: Es ist weniger ein ausgestelltes Motto wie in den vergangenen Jahren, sondern eher eine Bezeichnung für einige Arbeiten und Stoßrichtungen, die in dieser Ausgabe vertreten sind. Einerseits sind damit erweiternde Perspektiven auf nichtmenschliche Lebensformen und Maschinen gemeint, andererseits geht es um Phänomene, die über das menschliche Maß hinausgehen und teilweise planetarische Bedeutung haben. Was bleibt, wenn wir vielleicht nicht mehr sind oder wenn sich das Leben auf der Erde stark verändert und eine neue, global unterschiedlich verteilte Klasse der Klimakrisenverlierer entsteht? Die Möglichkeit eines Endes oder zumindest eines radikalen Wandels der Zivilisation hätte man vor ein paar Jahren noch als apokalyptisch oder übertrieben abgetan, jetzt erscheint so etwas durchaus realistisch.

APA: Stichwort Klimakatastrophe: Darauf zielt auch die Arbeit "Mess" von Toxic Temple ab...

Edlinger: Ja, das ist eine sich durch das Festival ziehende, interventionistische Arbeit. Eine Art pseudoreligiöser Kult der Vergiftung und Verschmutzung, der das Toxische überaffirmiert und zelebriert. Dabei geht es aber nicht nur um Müll oder Mikroplastik, sondern auch um die Reaktion der Menschen. Welche Zeichen werden beispielsweise an kommende Zivilisationen übermittelt, um mit den langen Halbwertszeiten des nuklearen Mülls umzugehen? Naturwissenschaftliche Forschungen beschäftigen sich mit dem Zusammenwachsen von Organischem und Synthetischem. Bakterien beginnen, sich an ein lebensfeindliches Umfeld anzupassen und Plastik zu verdauen. Das künstlerisch zu reflektieren, ist insofern ein interessanter Schritt, als er über die verständliche Betroffenheit hinausgeht und andere, spekulative Umgangsformen in den Raum stellt.

APA: Meint das letztlich "Beyond human"?

Edlinger: Es sind Phänomene, die uns tangieren, die wir aber nicht mehr vollständig steuern und begreifen können. Der Philosoph Timothy Morton hat sie Hyperobjekte genannt. Das umfasst Dinge wie künstliche Intelligenzen, die Klimakrise oder das Internet. Sie beeinflussen alles, was wir tun, aber als Einzelne können wir sie weder steuern noch vollständig begreifen. Man denke etwa an die Cloud, die zwar ortlos erscheint, aber sehr wohl eine Materialität hat. Viele stellen sie sich als etwas vor, das keinen Kontakt zur Erde hat, aber sie hat ihn: in Form von Serverstationen oder durch die Energie, die gefressen wird.

APA: Zuletzt wurde in diesem Zusammenhang viel über ChatGPT gesprochen. Erscheint es nicht seltsam, dass einer einzelnen KI-Anwendung so viel Aufmerksamkeit zuteil wird?

Edlinger: ChatGPT ist ein gutes Beispiel: Viele haben das aus Neugier mal getestet, haben sich gewundert über die Schnelligkeit des Wissens, sich aber auch lustig gemacht über die Blödheit. Vielleicht ist das genau der Wendepunkt, an dem vielen schlagartig bewusst wurde, wie stark die KIs eigentlich schon länger in unser Leben eingreifen. Tagtäglich haben wir mit KIs zu tun - jedes Übersetzungsprogramm, das Navi im Auto, Siri und vieles mehr. Auch Stadtplanung oder Pandemiebekämpfung sind mit KIs durchsetzt. In seiner Niederschwelligkeit hat ChatGPT ein Bewusstsein dafür geschaffen, auch wenn der Hype schnell wieder abebbt. Ein anderer Aspekt dabei: Was lösen diese Millionen Datenfütterungen, die nun freiwillig gemacht wurden, wieder aus? Big Data ist ja der Rohstoff für KIs.

APA: Haben Sie angesichts des Themas Klimakrise an eine Zusammenarbeit mit Aktivisten wie der Letzten Generation gedacht?

Edlinger: Wir haben eine neue Arbeit mitbeauftragt, die an das anschließt, und zwar jene von Oliver Ressler in der Kunsthalle Krems. Er ist solidarisch mit Klimaaktivistinnen und setzt sich für Klimagerechtigkeit ein, wie er es nennt. Ressler hat im Sommer 2022 am Archipel Svalbard die Veränderung der Arktis beobachtet, wobei eine vorwiegend auf Sound abstellende Arbeit herausgekommen ist. Zudem gibt es zwei Vorträge zum Thema sowie zwei Workshops von Toxic Temple, die sicherlich auch ein Naheverhältnis zum Klimaaktivismus haben. Durch einen Ausbau der kommunikativen Formate wollen wir genau die Auseinandersetzung mit solchen dringlichen Fragen vertiefen.

APA: Als Festivalmacher ist es ja nicht leicht: Ein internationales Programm wird zwar erwartet, gleichzeitig soll der ökologische Fußabdruck so klein wie möglich sein...

Edlinger: Wie hieß es bei den Goldenen Zitronen: Immer diese Widersprüche. Natürlich trachten wir danach, ökologische Fragen in die Festivalplanung einzubeziehen. Gleichzeitig ist ein internationales Festival ohne ein bestimmtes Ausmaß an Reisen und Einladungen schlicht nicht denkbar. Die Kehrseite einer möglichst niedrigen Reisebilanz wäre die der Selbstprovinzialisierung, was wir vermeiden wollen. Malcolm Ferdinand, ein Theoretiker aus der Karibik, spricht von einer dekolonialen Ökologie. Wenn man diesen Gedanken ernst nimmt, dass also Ökologie auch etwas mit Kolonialismus zu tun hat und dass ökologische Fragen zwar alle betreffen, aber auf verschiedene Weise, dann sollte man den Stimmen der Kritik auch Gehör und Sichtbarkeit verschaffen. Das geht nicht nur über Videozuschaltungen, sondern vor allem im realen Austausch. Ein Festival lebt ja davon, einen nicht medialen, persönlichen Austausch zu schaffen. Menschen stecken ja auch in Körpern und sind nicht nur flinke Finger.

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - www.donaufestival.at)

Quelle: Agenturen