Devotes Klimt-Nachzeichnen für Secession-Intervention
"Rare Earth Justice" heißt die großräumige Präsentation der in London geborenen und in Lagos lebenden Ndidi Dike. Der Blick fällt sofort auf eine monumentale, von der Decke hängende Skulptur aus dicht zusammengefügten 900 Autopsie-Nackenstützen, die zusammen die Form einer Gewehrkugel bilden. Das Objekt erinnert "an historische Ladepläne von Sklavenschiffen", auf denen Menschen auf engstem Raum regelrecht gestapelt wurden, so die Künstlerin bei einem Medientermin am Donnerstag. Zugleich bezieht sich das Werk u.a. auf Polizeigewalt.
An drei Wänden des Raumes, in dem der Klang von Geldzählmaschinen unermüdlich ertönt, erstrecken sich künstliche topografische Landschaften in Weiß, Rot und Blau. Die Farben stehen für weiße Vorherrschaft, den Erdboden in der Heimat Ndidi Dikes und den industriellen Kobaltbergbau, in dem Frauen, Kinder und Jugendliche unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Ein innerhalb der Installation angeordneter Rollstuhl, dessen Sitz und Rückenlehne aus Patronenhülsen geflochten sind, steht für verwundbar gemachte und dauerhaft geschädigte Körper.
Ein eindringliches Erlebnis versprechen multimediale Arbeiten von Marianna Simnett. Ihre Praxis befasst sich konsequent mit intensiven körperlichen Zuständen, hieß es beim Rundgang. Im ersten von drei abgedunkelten Räumen dreht sich etwa ein beleuchteter blauer Rock über den Köpfen der Betrachtenden, dazu erschallt das unkontrollierte Lachen der Künstlerin, aufgenommen während einer vierstündigen Kitzelaktion. Der Titel "Catherine Wheel" erinnert an eine historische Folter- und Hinrichtungsmethode, aber auch an ein Feuerwerk. "Diese semantische Ambivalenz spiegelt eine verstörende Erfahrung wider, die zwischen Anziehung und Furcht schwankt", so die Erläuterung.
Für "Faint with Light" versetzte sich Simnett durch Hyperventilation vier Mal hintereinander in Ohnmacht. Ihre dabei aufgenommene Atmung ist zu hören, während synchron quer über die Wand angebrachte LED-Leuchten pulsieren - das einzige Licht im schwarzen Raum. In dieser Installation klingt die Geschichte des jüdischen Großvaters der britisch-kroatischen Künstlerin an: Er überlebte den Holocaust, da er während eines KZ-Transportes das Bewusstsein verlor und für tot gehalten zurückgelassen wurde.
Subs zeichnen Klimt
Die Arbeit von Reba Maybury "I Come in Peace" wiederum erstreckt sich über vier Schauplätze - eben auch auf die Fassade des Gebäudes. Die in Dänemark lebende Britin beschäftigt sich mit traditionellen Machtstrukturen, die auch Produktion, Ausstellung und Bewertung von Kunst geprägt haben. Bei der Pressekonferenz wurde erinnert, dass der Jugendstil "mit seiner ausgeprägten erotischen Aufladung eng mit der Verdinglichung weiblicher Körper verbunden" gewesen sein.
Maybury, als Mistress Rebecca auch als "politische Domina" tätig, ließ für die Schau eine Reihe ihrer Subs, als devote Menschen, die sich ihr unterwerfen, den Beethoven-Fries von Gustav Klimt mit Malen-nach-Zahlen-Sets nachschaffen. Sie habe das kanonische Kunstwerk von Klimt, dessen Modelle oft Sexarbeiter waren, in einem arbeitsteiligen Prozess übersetzt, "in dem künstlerische Fähigkeiten keine Rolle spielten", lautet die Erklärung. Damit erkunde die Arbeit "Fragen von Urheberschaft, Genie und historischer Autorität".
(S E R V I C E - Ndidi Dike: "Rare Earth Justice", Marianna Simnett: "Circus", Reba Maybury: "I Come in Peace" in der Secession, 6.3.-31.5., https://secession.at )
Zusammenfassung
- An der Fassade der Wiener Secession sind seit kurzem Benutzernamen aus Sexarbeits-Foren als Teil einer Intervention von Reba Maybury zu sehen, die damit Machtstrukturen und die Verdinglichung weiblicher Körper thematisiert.
- Ndidi Dikes Installation 'Rare Earth Justice' zeigt eine Skulptur aus 900 Autopsie-Nackenstützen, die an Sklavenschiffe erinnert und auf Ausbeutung afrikanischer Ressourcen sowie Polizeigewalt verweist.
- Die drei neuen Ausstellungen, darunter Werke von Marianna Simnett und Reba Maybury, sind vom 6. März bis 31. Mai in der Wiener Secession zu sehen.
